Le­ben oh­ne Ko­li­bri

Fran­zis­ka Ku­schel be­schreibt den Kampf der DDR-Füh­rung ge­gen die West-Me­di­en

Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR -

Wenn die Bür­ger der DDR schwarz hör­ten und sa­hen – näm­lich ver­bo­te­ne West­sen­der wie Ri­as und ZDF –, sah die SED rot. Auf dem Hö­he­punkt des Kal­ten Kriegs wur­den wie einst im Zwei­ten Welt­krieg „Rund­funk­ver­bre­chen“durch den Empfang von „Feind­sen­dern“mit Zucht­haus­stra­fen ge­ahn­det, An­ten­nen ab­ge­ris­sen und Stör­sen­der in­stal­liert. Selbst ei­ne Art Volks­emp­fän­ger nach Go­eb­bels’ Vor­bild ver­such­te die SED zu lan­cie­ren, mit dem statt ei­ner Pro­gramm­ska­la nur mit ei­nem Schie­ber zwi­schen den Pro­gram­men von DDR 1 und 2 ge­wählt wer­den konn­te. Das Ge­rät na­mens „Ko­li­bri“vom VEB Stern-Ra­dio blieb ein La­den­hü­ter, des­sen Über­pro­duk­ti­on schließ­lich vom FDGB als Prä­mie für ver­dien­te Ak­ti­vis­ten ver­teilt wur­de. Wer gar ak­tiv den Me­di­en des Klas­sen­feinds In­for­ma­tio­nen und In­ter­na aus Be­trie­ben und Be­hör­den zu­spiel­te, ris­kier­te in den 50er Jah­ren so­gar sein Le­ben: In ei­nem Schau­pro­zess 1955 ge­gen ver­meint­li­che Ri­as-Agen­ten ver­füg­te Wal­ter Ul­bricht per­sön­lich die To­des­stra­fe, ob­wohl das Ge­richt „nur“auf le­bens­läng­lich er­ken­nen woll­te. Es dau­er­te bis 1973, bis Ul­brichts Nach­fol­ger Erich Hone­cker ein­se­hen muss­te und – wenn auch in ei­nem Ne­ben­satz – öf­fent­lich ein­räum­te, dass die un­er­wünsch­ten West­me­di­en „bei uns je­der nach Be­lie­ben ein- und aus­schal­ten kann“.

Da­bei traf das noch nicht ein­mal zu, denn der Empfang west­li­cher Fern­seh­pro­gram­me war noch lan­ge von der In­stal­la­ti­on und Aus­rich­tung ge­eig­ne­ter An­ten­nen und dem Ge­brauch von Kon­ver­tern und De­co­dern ab­hän­gig, im „Tal der Ah­nungs­lo­sen“bei Dres­den so­gar na­he­zu un­mög­lich. Dass dort für ei­ne Über­la­ge­rung der West­pro­gram­me aus­ge­rech­net der Sen­der Ca­lau der DDR-Post ver­ant­wort­lich war, ist kein üb­ler Ka­lau­er, son­dern gleich­falls ei­ne Ent­schei­dung Hone­ckers, der trotz Pro­tes­ten und Ein­ga­ben aus der Be­völ­ke­rung den Be­trieb ge­neh­mig­te. Dar­über konn­te der Volks­zorn so hoch­ko­chen, dass ei­ne an­ony­me „Grup­pe Volks­zorn“in Dres­den 1984 in Droh­brie­fen an­kün­dig­te, öf­fent­li­che Ge­bäu­de wie den Fern­seh­turm, den In­ter­shop oder das Len­in­denk­mal in die Luft zu spren­gen, wenn der Empfang der West­pro­gram­me nicht end­lich er­mög­licht wer­de. Die Ab­sen­der wur­den nie ge­fasst, aber durch die jah­re­lan­gen Er­mitt­lun­gen ge­rie­ten un­zäh­li­ge Ver­fas­ser von Ein­ga­ben, An­ten­nen­bau­er und In­ter­es­sen­ge­mein­schaf­ten zum Auf­bau von An­ten­nen­an­la­gen ins Vi­sier der Sta­si.

Mag sein, dass man das im Zeit­al­ter von In­ter­net und Sa­tel­li­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on nur noch mit Kopf­schüt­teln liest oder, wenn selbst er­lit­ten, lie­ber ver­ges­sen möch­te: Aber span­nend und als ein Ka­pi­tel Me­di­en­ge­schich­te un­ver­lier­bar ist die Dis­ser­ta­ti­on von Fran­zis­ka Ku­schel an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät al­le­mal. Sie um­fasst üb­ri­gens nicht nur die Funk­me­di­en, son­dern auch die „Pres­se­mau­er“und Ab­schot­tung ge­gen un­er­wünsch­te Li­te­ra­tur aus dem Wes­ten, sei es ge­gen DDR-kri­ti­sche Hoch­li­te­ra­tur oder auch „Wild­west­hef­te“und Co­mics, die – auch von El­tern und Er­zie­hern im Wes­ten – als „Schmutz und Schund“be­kämpft wur­den. (Zur Freu­de der DDR-Ju­gend schließ­lich doch mit Ei­gen­pro­duk­tio­nen wie den le­gen­dä­ren „Di­ge­dags“.) Auch da gibt es gro­tes­ke Ent­de­ckun­gen aus den Ak­ten der Staats­si­cher­heit, wenn wir er­fah­ren, dass de­ren Be­darf an West­li­te­ra­tur für Mit­le­ser in den po­li­ti­schen Eta­gen, In­sti­tu­tio­nen und Par­tei­gre­mi­en für Agi­ta­ti­on und Pro­pa­gan­da aus der Be­schlag­nah­me von Post­sen­dun­gen und mit­ge­führ­ten Druckerzeug­nis­sen an den Gren­zen be­strit­ten wur­de, um Devisen für ih­ren An­kauf zu spa­ren. Wäh­rend sich die amt­li­chen Le­ser vor al­lem für den „Spie­gel“oder die „Zeit“in­ter­es­sier­ten, fisch­ten sich Müll­män­ner aus west­li­chen Müll­trans­por­ten in die DDR mit Vor­lie­be Por­no­hef­te aus den Hal­den.

Kein Schwarz­hö­rer, son­dern ein Schwarz­sen­der der DDR-Ge­gen­pro­pa­gan­da war Karl-Edu­ard von Schnitz­ler mit sei­nem „Schwar­zen Ka­nal“, auf den Fran­zis­ka Ku­schel nur ei­nen Sei­ten­blick wirft – wie auf sein Ge­gen­stück, den „Schwar­zen Ka­nal“in West-Ber­lin, der von DDR-Op­po­si­tio­nel­len wie Ste­fan Krawc­zyk und Rein­hard Schult be­lie­fert wur­de, und „Ra­dio Glas­nost“bei „Ra­dio 100“in West-Ber­lin. Ein wei­te­rer Sei­ten­blick gilt den Kon­ter­pro­gram­men of­fi­zi­el­ler Sen­der in Ost und West, den Po­lit­ma­ga­zi­nen von ARD und ZDF und dem Ju­gend­sen­der DT64, der auch im Wes­ten zahl­rei­che Mit­hö­rer hat­te. Hier zeig­te sich, dass Mau­er und Staats­gren­ze die Deut­schen nur amBo­den, nicht im Ät­her ge­trennt hat­ten. Sie wa­ren, wie es der His­to­ri­ker Axel Schildt be­schreibt, ei­ne „ge­mein­sa­me ,Hör­funk- und Fern­seh­na­ti­on’“ge­blie­ben, wo­bei die elek­tro­ni­schen Mas­sen­me­di­en ih­re ei­ge­ne Dy­na­mik ent­fal­te­ten. De­ren Fern­wir­kung, schreibt die Au­to­rin in ih­rem Schluss­wort, „die DDR-Füh­rung nicht zu kon­trol­lie­ren ver­moch­te und von der sie über­rascht wur­de – nicht zu­letzt am Abend des 9. No­vem­ber 1989“.

– Fran­zis­ka Ku­schel:

Wall­stein Ver­lag Göt­tin­gen 2016. 336 Sei­ten, 34,90 Eu­ro.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.