„Was ist Ih­re se­xu­el­le Ori­en­tie­rung?“

Der Tagesspiegel - - VORDERSEITE - Von Ha­rald Mar­ten­stein

Die Ber­li­ner Re­gie­rung hat ei­ne Um­fra­ge ge­star­tet, um die Ge­sin­nung der Leh­rer zu gen­der­po­li­ti­schen Fra­gen aus­zu­for­schen. Fe­der­füh­rend ist die pri­va­te Sigmund-Freud-Uni­ver­si­tät, ge­fragt wird nur an aus­ge­wähl­ten Schu­len. Im An­schrei­ben heißt es: „Die Teil­nah­me ist frei­wil­lig, wird aber von der Se­nats­ver­wal­tung aus­drück­lich ge­wünscht.“

Al­le Leh­rer sol­len de­tail­lier­te An­ga­ben zu ih­rer Per­son ma­chen, Schul­typ, Adres­se der Schu­le, Al­ter, Di­enst­jah­re, von An­ony­mi­tät kann nicht die Re­de sein. Die Uni sagt, dass sie die in­di­vi­du­el­len Da­ten nicht an ih­ren Auf­trag­ge­ber wei­ter­gibt, da muss man wirk­lich viel Ver­trau­en auf­brin­gen. Die Fra­gen klin­gen zum Bei­spiel so: „Wie oft ha­ben Sie Ge­schlech­ter­rol­len hin­ter­fragt? Wie oft ha­ben Sie Ma­te­ria­li­en ver­wen­det, in de­nen Per­so­nen vor­ka­men, die Ge­schlech­ters­te­reo­ty­pen wi­der­spra­chen, zum Bei­spiel Mäd­chen, die Fuß­ball spie­len? Soll­te se­xu­el­le Viel­falt the­ma­ti­siert wer­den?“Und: „Was ist Ih­re se­xu­el­le Ori­en­tie­rung?“

Die Fra­ge nach der se­xu­el­len Ori­en­tie­rung ist in Be­wer­bungs­ge­sprä­chen zu recht ver­bo­ten. Das geht den Ar­beit­ge­ber ge­ne­rell nichts an. Nun aber ha­ben wir es mit ei­nem Se­nat zu tun, der „aus­drück­lich wünscht“, über die se­xu­el­len Prä­fe­ren­zen sei­ner Leh­rer­schaft in­for­miert zu wer­den, zu­min­dest ge­ne­rell, die in­di­vi­du­el­le Aus­for­schung wä­re kin­der­leicht. Auch „aus­drück­li­che“Fra­gen nach der Ge­sin­nung ei­nes Leh­rers ent­spre­chen nicht dem, was bis­her in de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaf­ten üb­lich war.

Der Staat hat das Recht, Bil­dungs­zie­le vor­zu­ge­ben, et­wa die Er­zie­hung zu To­le­ranz und Re­spekt, ein gu­tes Ziel. Die Leh­rer müs­sen sich da­nach rich­ten. Was sie pri­vat den­ken, ist ih­re Sa­che. Und es darf in der Schu­le über al­les dis­ku­tiert wer­den, was in der Ge­sell­schaft strit­tig ist. 1976 wur­de von den deut­schen Bil­dungs­po­li­ti­kern al­ler da­mals re­le­van­ten Par­tei­en der „Beu­tels­ba­cher Kon­sens“ver­ein­bart, er gilt bis heu­te: „Lehr­kräf­te dür­fen Schü­lern nicht ih­re Mei­nung auf­zwin­gen. Was in der Po­li­tik kon­tro­vers ist, muss auch im Un­ter­richt kon­tro­vers er­schei­nen.“Was man nie wie­der zu­las­sen darf, sind Schu­len, an de­nen nur ei­ne ein­zi­ge Art des Den­kens ge­lehrt wird, so et­was hat­ten wir in Deutsch­land schon mehr­mals.

Wenn so ein Fra­gen­ka­ta­log aus der ent­ge­gen­ge­setz­ten po­li­ti­schen Ecke kä­me, wür­den lin­ke Par­tei­en von ei­nem Skan­dal spre­chen. Bei der ver­gleichs­wei­se harm­lo­sen Volks­zäh­lung pro­tes­tier­te die Lin­ke da­ge­gen, dass Men­schen über ih­ren Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund Aus­kunft ge­ben soll­ten, sol­che Da­ten­samm­lun­gen hät­ten „ho­hes Miss­brauch­s­po­ten­ti­al“, auch wenn die Ant­wort „als frei­wil­lig ge­kenn­zeich­net ist“. Fra­ge: Was soll ei­gent­lich mit den Da­ten über die se­xu­el­le Ori­en­tie­rung der Ber­li­ner Leh­rer pas­sie­ren? Wo­zu braucht man die? Was ist das Ziel?

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