Oh­ne Markt kei­ne Kunst

Der Tagesspiegel - - VORDERSEITE - Von Ni­co­la Kuhn

Es ist rei­ner Zu­fall, dass die 6. Ber­lin Art Week und das En­de der Do­cu­men­ta auf das glei­che Wo­che­n­en­de fal­len. Und doch ha­ben die bei­den Er­eig­nis­se jetzt mehr mit­ein­an­der zu tun, als sich bei ih­rer je­wei­li­gen Pla­nung ah­nen ließ. Die Dop­pel-Do­cu­men­ta, zu­nächst in At­hen und dann an ih­rem Stamm­sitz in Kassel, schließt am heu­ti­gen Sonn­tag mit ei­nem Rie­sen­de­fi­zit. Die Stadt Kassel und das Land Hes­sen müs­sen je­weils 3,5 Mil­lio­nen Eu­ro nach­schie­ßen.

Stau­nend ste­hen nun al­le vor dem Scher­ben­hau­fen, kei­ner will es ge­we­sen sein: nicht der künst­le­ri­sche Lei­ter, der die Vor­wür­fe pa­riert, in­dem er das „aus­beu­te­ri­sche Sys­tem“ei­ner Groß­aus­stel­lung an­pran­gert, nicht die Ge­schäfts­füh­re­rin, die im­mer schon über Un­ter­fi­nan­zie­rung klag­te, nicht der Bür­ger­meis­ter und Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de der Trä­ger­ge­sell­schaft. Die Do­cu­men­ta 14 rühm­te sich, markt­fern zu sein, den Han­del zu igno­rie­ren. Und jetzt? Spre­chen al­le nur noch vom Geld.

Vom Geld ist auch auf der Ber­lin Art Week viel die Re­de, of­fen wie sel­ten zu­vor. Zum ers­ten Mal sieht es in der Sta­ti­on Ber­lin, dem ehe­ma­li­gen Post­bahn­hof am Gleis­drei­eck, nach ei­ner rich­ti­gen Mes­se aus, nicht wie bis­her nach ei­ner von Ga­le­ris­ten be­stück­ten Aus­stel­lung, die ih­re Preis­schil­der ver­schämt ver­steckt. Ja, man will Geld ver­die­nen und nicht nur in­ter­es­san­te Ge­sprä­che mit Be­su­chern ge­führt ha­ben, wie es hin­ter­her im­mer ver­rä­te­risch heißt, wenn es zu we­nig Ver­käu­fe gab.

Für die­se wun­der­sa­me Wand­lung, den Mut zur Ehr­lich­keit, den Neu­start der im­mer et­was eli­tä­ren Art Ber­lin Con­tem­pora­ry nun un­ter dem Na­men Art Ber­lin sorg­te die Köl­ner Mes­se, in­dem sie die Ber­li­ner Kon­kur­renz ein­fach über­nahm und sich zu 100 Pro­zent ein­kauf­te. Die Köl­ner ver­ste­hen das Ge­schäft, am Rhein wur­de in den 1960er Jah­ren die ers­te Kunst­mes­se ge­grün­det. Ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Fall der Mau­er ist es Ber­lin noch im­mer nicht ge­lun­gen, ei­ne funk­tio­nie­ren­de Mes­se auf die Bei­ne zu stel­len. Da­bei be­ju­belt sie sich ger­ne als Kunst­haupt­stadt. Spiel­platz trifft es eher. Höchs­te Zeit, er­wach­sen zu wer­den.

Die Ber­li­ner Wirt­schafts­se­na­to­rin sagt es klipp und klar: Sie will Geld zu­rück­flie­ßen se­hen. Durch Qua­li­täts­tou­ris­mus, län­ge­re Auf­ent­hal­te von Be­su­chern in der Stadt, mehr Kunst­ver­käu­fe, ei­ne pro­spe­rie­ren­de Kul­tur­wirt­schaft. An­sons­ten wür­de sie das Rah­men­pro­gramm der Mes­se, die Ber­lin Art Week, nicht län­ger fi­nan­zie­ren wol­len, die sie ge­mein­sam mit dem Kul­tur­se­na­tor un­ter­stützt.

Was das al­les mit der Kunst zu tun hat? Nur we­nig. Sie ist Pro­jek­ti­ons­flä­che für wech­seln­de preis­li­che Vor­stel­lun­gen, Ge­gen­stand in­tel­lek­tu­el­ler Aus­ein­an­der­set­zun­gen oder ein­fach nur schön an­zu­se­hen. Die Kehrt­wen­de der Ber­lin Art Week, das Be­kennt­nis zu ei­ner re­el­len Mes­se, führt man­chem viel­leicht schmerz­lich vor Au­gen, dass es die Kunst, ei­ne Samm­lung und ir­gend­wann das Mu­se­um oh­ne Markt nicht gibt. Ei­ne Do­cu­men­ta darf und soll das igno­rie­ren, die öf­fent­li­che Hand er­spart ihr, Ge­win­ne ma­chen zum müs­sen. Den Bank­rott zu ris­kie­ren, ist al­ler­dings grob fahr­läs­sig. Auch Ber­lin bot der Kunst bis­her Frei­räu­me, mit güns­ti­gen Ate­liers und ge­rin­gen Le­bens­hal­tungs­kos­ten. Sie zu be­wah­ren, un­ter­stützt durch Sub­ven­tio­nen, und sich gleich­zei­tig zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren, die­sen Spa­gat führt nun die Art Week vor. Ein Kunst­stück, das Ber­lin auch das rest­li­che Jahr ge­lin­gen muss.

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