Heu­te kei­ne Lust auf Lie­be – und mor­gen viel­leicht auch nicht

Das In­ter­net macht Lie­be zur plan­ba­ren Ak­ti­vi­tät, sagt der Paarthe­ra­peut Volk­mar Si­gusch

Der Tagesspiegel - - CAUSA -

Die Idee der in­di­vi­du­el­len Ge­schlechts­lie­be als ein af­fek­ti­ves und ge­wis­sen­haf­tes Ver­hält­nis von Dau­er wie von In­ten­si­tät ist gar nicht so alt. Als freie Über­ein­kunft au­to­no­mer Per­so­nen, die Ge­gen­lie­be beim ge­lieb­ten Men­schen vor­aus­setzt, exis­tie­ren un­se­re Lie­bes­ver­hält­nis­se aber erst seit dem 20. Jahr­hun­dert. Die Idee war wun­der­bar. Doch die Rea­li­tät sah an­ders aus.

Die mo­der­ne Fä­hig­keit zu lie­ben ist ei­ne see­li­sche An­pas­sungs­leis­tung. Sie geht auf Pro­zes­se des Ver­bin­dens und Ge­wäh­rens, des Tren­nens und Ver­sa­gens zu­rück. Lie­be und Sinn­lich­keit grün­den auf Ein­sam­keit, Hass und Ge­walt eben­so wie auf ko­los­sa­ler Wun­sch­er­fül­lung und dem Ein­tau­chen ins psy­cho­so­ma­ti­sche All. Sie sind re­al und ir­re­al, prag­ma­tisch und ir­ra­tio­nal. Das, was wir Lie­be nen­nen, ent­hält ein­an­der ent­ge­gen­ge­setz­te Stre­bun­gen: Him­mel und Höl­le des ers­ten Ver­hält­nis­ses zu ei­nem Men­schen. Re­prä­sen­tiert die ei­ne leib­haf­te Ver­schmel­zung und Won­ne, steht die an­de­re für leib­haf­te Qua­len und Ängs­te der Kind­heit, für die Ge­fäng­nis­se, in die Kin­der ge­ra­ten.

Heu­te kön­nen Frau­en wie Män­ner ei­nen Men­schen, den sie be­geh­ren und even­tu­ell so­gar lie­ben, sehr viel leich­ter fin­den, dank der neu­en Tech­ni­ken. Nach mei­ner Er­fah­rung hal­ten Lie­bes­ver­hält­nis­se dann sehr lan­ge, wenn das Paar durch ei­ne Son­der­bar­keit, bei­spiels­wei­se ein sel­te­nes, oft fe­ti­schis­ti­sches Be­geh­ren, das frü­her viel­leicht als krank­haft oder gar per­vers be­zeich­net wor­den wä­re, zu­sam­men­ge­hal­ten wird. Part­ner mit ei­nem sol­chen Be­geh­ren oder Ver­hal­ten konn­ten frü­her nur zu­fäl­lig ge­fun­den wer­den. Heu­te kön­nen sie dank In­ter­net ge­zielt ge­sucht und not­falls auch in Ti­bet oder Bra­si­li­en ent­deckt wer­den. Als Paarthe­ra­peut ha­be ich das im­mer wie­der mit­er­lebt.

An­de­rer­seits be­flü­gelt das In­ter­net nicht nur die Part­ner­su­che, son­dern lähmt sie auch da­durch, dass ich es ja je­der­zeit ma­chen könn­te. Be­kannt­lich stel­len wir das, was wir je­der­zeit ma­chen könn­ten, im­mer wie­der zu­rück, weil es ja nicht weg­läuft. Heu­te ha­be ich ei­gent­lich gar kei­ne Lust. Ich kann es ja mor­gen ma­chen. Mor­gen ha­be ich ei­gent­lich auch kei­ne Lust un­d­so­wei­ter.

Sehr in­ter­es­sant und zu­kunfts­fä­hig ist ge­gen­wär­tig ei­ne Ent­wick­lung von der Ein-Per­so­nen-Lie­be zur Mehr-Per­so­nen-Lie­be, al­so von der Mo­no­amo­rie zur Po­ly­amo­rie. Ich den­ke, dass sich das Zu­sam­men­le­ben von meh­re­ren Per­so­nen ver­schie­de­nen Al­ters und ver­schie­de­ner Her­kunft bei uns aus­brei­ten wird, al­lein, weil wir im­mer äl­ter wer­den und im­mer an­spruchs­vol­ler. Noch aber do­mi­nie­ren in den west­li­chen Län­dern je­ne Ein-Per­so­nen-Lie­bes­sti­le, die der ka­na­di­sche So­zio­lo­ge John Alan Lee be­reits vor Jahr­zehn­ten be­schrie­ben und mit ei­nem grie­chi­schen Wort be­zeich­net hat: Eros (lei­den­schaft­lich, ro­man­tisch), Ma­nia (be­sitz­er­grei­fend, ei­fer­süch­tig), Lu­dus (spie­le­risch, er­obernd), St­or­ge (freund­schaft­lich, ko­ope­ra­tiv), Prag­ma (ver­nünf­tig, vor­teil­haft) und Aga­pe (selbst­los, al­tru­is­tisch).

Un­ab­hän­gig von ver­schie­de­nen al­ten und neu­en Lie­bes­for­men ist für mich ent­schei­dend, dass die Lie­be, die wir ge­gen­wär­tig als so­ge­nann­te Mo­no­amo­rie er­le­ben, das Kost­bars­te ist, was es in un­se­rer be­rech­nen­den Kul­tur gibt. Un­se­re Lie­be ist so kost­bar und ein­zig­ar­tig, weil sie nicht pro­du­ziert und nicht ge­kauft wer­den kann.

— Dies ist ei­ne ge­kürz­te Ver­si­on des Tex­tes. Die Lang­form fin­den Sie im In­ter­net.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.