…po­li­ti­schen Wil­len

Der Tagesspiegel - - MEINUNG -

Düber die Stim­mun­gen und Mei­nun­gen der Be­völ­ke­rung

ie letz­ten Ta­ge ei­nes Wahl­kampfs kön­nen noch ein­mal vie­les än­dern. Kippt die Stim­mung, ver­fol­gen die Par­tei­en das zu­nächst un­gläu­big. „Wird schon nicht so schlimm kom­men“, den­ken sie, oder: „Haupt­sa­che, es reicht am En­de noch.“Doch ha­ben die Br­ex­it-Ent­schei­dung und die US-Wahl im Gro­ßen und drei Land­tags­wah­len im Klei­nen ge­zeigt, dass es oft schlim­mer kommt als an­ge­nom­men. Die Fa­vo­ri­ten der Mei­nungs­for­scher stan­den am En­de über­rascht als Ver­lie­rer da. Un­be­merkt hat­te sich der Wäh­ler an ih­nen vor­bei­ge­schli­chen.

Der po­li­ti­sche Wil­le war schon im­mer ein un­zu­ver­läs­si­ger Ge­fähr­te. Doch nun scheint er Amok zu lau­fen. Mo­na­te­lang hät­schelt er ei­ne po­li­ti­sche Rich­tung, um sie dann nie­der­zu­schrei­en und zu ver­ach­ten.

Was hat sich ver­än­dert? Im 20. Jahr­hun­dert wur­den die Mei­nun­gen des Wahl­volks durch ei­ne über­schau­ba­re An­zahl an Me­di­en ge­fil­tert, ge­wo­gen und aus­ge­drückt. Die po­li­ti­schen Par­tei­en über­setz­ten die­se Hal­tun­gen in Po­li­tik. Ex­tre­me An­sich­ten wur­den ge­mil­dert und fan­den so Platz im de­mo­kra­ti­schen Spektrum. Heu­te wir­ken die Ex­tre­me als Ma­gne­ten, die das po­li­ti­sche Feld aus­rich­ten. Statt ei­ni­ger Me­di­en er­zeu­gen hun­dert­tau­sen­de Mei­nun­gen bei Face­book, Twit­ter und Whats­app das po­li­ti­sche Grund­rau­schen. Statt ei­nes Wil­lens herr­schen Stim­mun­gen. Das „Wir“auf den zahl­rei­chen Wahl­pla­ka­ten exis­tiert nur noch als Il­lu­si­on. Ein In­diz da­für ist die häu­fig ge­stell­te Fra­ge: „Und wer küm­mert sich um mich?“

Man kann die neue Viel­heit igno­rie­ren. Da­mit ris­kiert man auf lan­ge Sicht den Zer­fall der de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft. Man kann ver­su­chen, mög­lichst vie­le Grup­pen zu­frie­den­zu­stel­len. Da­mit ver­stärkt man die Po­la­ri­sie­rung zwi­schen de­nen, die et­was be­kom­men, und de­nen, die leer aus­ge­hen. Oder man ver­sucht in der neu­en Un­über­sicht­lich­keit doch et­was wie ei­ne ge­mein­sa­me Rich­tung zu ent­wi­ckeln, wie Em­ma­nu­el Ma­cron in Frank­reich. Das macht sein Re­form­ex­pe­ri­ment so wich­tig: Es geht nicht nur um Staats­fi­nan­zen und Ar­beits­markt. Es geht um die Neu­er­fin­dung des po­li­ti­schen Dis­kur­ses und der li­be­ra­len De­mo­kra­tie im 21. Jahr­hun­dert.

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