Ehe für al­le

Der Tagesspiegel - - MEINUNG -

Düber Schei­dung mit der Scha­ria

ass Frau und Mann die­sel­ben Rech­te ha­ben soll­ten, hat sich, wie be­kannt ist, lei­der noch nicht über­all her­um­ge­spro­chen. Jetzt sen­det der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ei­ne star­ke Bot­schaft. Schei­dun­gen nach is­la­mi­schem Recht sol­len in EU-Län­dern nicht mehr län­ger an­er­kannt wer­den. Die Scha­ria dis­kri­mi­nie­re Frau­en, schreibt der EuGH-Ge­ne­ral­an­walt in sei­nem Vo­tum für ein aus Deutsch­land stam­men­des Ver­fah­ren.

In den meis­ten Fäl­len fol­gen die Rich­ter dem Ur­teils­vor­schlag ih­res Kol­le­gen. Hier soll­ten sie es nicht tun. Das Vo­tum ist ein Bei­spiel da­für, wie ein Gut­mei­nen­der das Ge­gen­teil von dem schafft, was er im Sinn hat. Es wä­re zu be­grü­ßen, wenn sich der Rest der Welt das Ehe­recht des Bür­ger­li­chen Ge­setz­buchs zum Vor­bild näh­me. Aber die Rea­li­tät sieht an­ders aus. Zum Bei­spiel so: Ein mus­li­mi­sches Paar hei­ra­tet nach sy­ri­schem Recht, das scha­ria­ge­mäß ei­ne „Pri­vat­schei­dung“des Man­nes er­laubt. Er muss nur drei­mal deut­lich sa­gen, dass er sich von der Gat­tin tren­nen will. Sie müss­te da­ge­gen ei­nen Ge­richts­be­schluss be­an­tra­gen. Das Paar lebt mit deutsch-sy­ri­schen Dop­pel­päs­sen in Deutsch­land. Er trennt sich mit der is­la­mi­schen Schei­dungs­for­mel vor ei­nem geist­li­chen Ge­richt in Sy­ri­en; sie nimmt 20 000 Dol­lar Ab­fin­dung und er­klärt die Ehe schrift­lich für auf­ge­löst.

Bis­her galt in Deutsch­land, dass ei­ne sol­che Schei­dung an­er­kannt wer­den konn­te. Das aus­län­di­sche Ehe­recht wird ak­zep­tiert, wenn es mit dem „ord­re pu­b­lic“ver­ein­bar ist, den grund­le­gen­den in­län­di­schen Wert­vor­stel­lun­gen. Die Frau wur­de nicht ver­sto­ßen. Sie er­klär­te ih­re Zu­stim­mung und nahm ei­ne Ab­fin­dung an, war am Ver­fah­ren al­so be­tei­ligt.

Wür­de der EuGH das Vo­tum sei­nes Ge­ne­ral­an­walts über­neh­men, dürf­te die Frau das Geld be­hal­ten und wä­re zu­nächst wei­ter nach deut­schem Recht ver­hei­ra­tet. Die­ses Er­geb­nis wä­re we­der ge­recht noch ein Sieg im Kampf ge­gen Dis­kri­mi­nie­rung. Schließ­lich wird es auch vie­le Fäl­le ge­ben, in de­nen Frau­en mit ei­ner schnel­len „Pri­vat­schei­dung“ein­ver­stan­den sind. Ih­nen wür­de mit ei­nem ent­spre­chen­den Ur­teil des EuGH ein Schei­dungs­ver­fah­ren auf­ge­bür­det, das Zeit und Geld kos­tet. Statt auf den Ein­zel­fall zu ach­ten, wie es bis­her mög­lich war, soll Eu­ro­pas Recht Scha­ria-Schei­dun­gen künf­tig un­ter­schieds­los igno­rie­ren.

Es ist zwei­fel­haft, dar­in ei­nen Fort­schritt zu er­ken­nen. Vie­le Frau­en kön­nen et­was ver­lie­ren, wäh­rend der Ge­winn wohl vor al­lem dar­in lä­ge, dass sich Eu­ro­pas Recht sym­bo­lisch stär­ker vom is­la­mi­schen Recht ab­grenzt. Doch ist das wirk­lich ein Ge­winn? Die Stär­ke des eu­ro­päi­schen Rechts ist es doch, dass es in­te­griert, statt zu spal­ten. Dass es Re­spekt vor an­de­ren Kul­tu­ren zeigt, In­ter­es­sen aus­gleicht und den Ein­zel­fall ach­tet. Eu­ro­pa ver­tritt sei­ne Wer­te, nach in­nen, nach au­ßen – aber setzt sie nicht ab­so­lut.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.