Kö­pe­ni­cker Ka­pi­tal

Dass er den Leu­ten auf die Ner­ven geht, stört Gre­gor Gy­si nicht. Viel­leicht ist das so­gar sei­ne wich­tigs­te An­triebs­kraft

Der Tagesspiegel - - DIE REPORTAGE - Von Hel­mut Schü­mann

Zum Heim­spiel „Zur Gar­de­stu­be“in Alt-Kö­pe­nick wählt Gre­gor Gy­si Cur­ry­wurst mit Brat­kar­tof­feln. Das soll­te aber nicht zur Ge­wohn­heit wer­den, Gy­si wür­de sich an­sons­ten zur­zeit et­was ein­sei­tig er­näh­ren, denn Gre­gor Gy­si, der al­te Mann der „Lin­ken“, hat in die­sem Wahl­kampf nur Heim­spie­le. Hier in der Gar­de­stu­be hat er ei­nen ers­ten klei­nen Rück­zug aus der Po­li­tik ge­fei­ert, hier wird er ge­fei­ert vom Wirt, ei­nem sei­ner Wäh­ler, hier wird er ge­fei­ert auch von Gäs­ten, die sich als CDU-Wäh­ler zu er­ken­nen ge­ben: „Bra­vo, Herr Gy­si, kön­nen wir ein Sel­fie von uns bei­den ma­chen?“Gy­si macht.

Zum Auf­takt des Ta­ges hat er im Bun­des­tag Nor­bert Lam­mert, den schei­den­den Bun­des­tags­prä­si­den­ten, den po­li­ti­schen Geg­ner von der CDU und mensch­li­chen und rhe­to­ri­schen Gleich­ge­sinn­ten, mit war­men Wor­ten ver­ab­schie­det. Im Bun­des­tag hat Gre­gor Gy­si, bei al­len po­li­ti­schen Dif­fe­ren­zen, im­mer noch Heim­spiel.

Dann saß er zur Po­di­ums­dis­kus­si­on im ehr­wür­di­gen Bür­ger­haus Grünau vor Se­nio­ren mit den an­de­ren Kan­di­da­ten des Wahl­krei­ses Trep­tow-Kö­pe­nick. Heim­spiel, wie schon bei der Be­grü­ßung zu se­hen und am Ap­plaus zu hö­ren ist. „Dit is un­ser Mann“, brum­melt ein äl­te­rer Herr, „dit is ei­ner von uns.“

Für die Wäh­ler aus Kö­pe­nick bleibt Gre­gor Gy­si eben Herz und Hirn und Ge­sicht und Image der Lin­ken. „Ich bin ja nicht wirk­lich zu­rück­ge­tre­ten“, sagt er nach der Ver­an­stal­tung in der Gar­de­stu­be zwi­schen zwei Hap­pen Cur­ry­wurst, „ich möch­te mich schon noch ein­mi­schen und wi­der­spre­chen und ger­ne auch ner­ven.“Ja, aber ja, das Image der Lin­ken, noch ein Stück­chen Wurst mit Cur­ry­sau­ce, „da ha­ben wir in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren Feh­ler ge­macht.“

Ein äl­te­rer Mann im Bür­ger­haus in Grünau ver­leiht die­sem Image gleich die pas­sen­den Wor­te, als die Spra­che auf dem Po­di­um auf die Miet­prei­se in Ber­lin kommt und er grum­melt: „Sol­len sie doch ma­chen wie bei Erich, Plat­te, hat doch ge­klappt.“Erich Hone­cker ist ge­meint, „und ja“, sagt Gy­si, „das ist im­mer noch un­ser Pro­blem, un­se­re Alt­las­ten.“

Gre­gor Gy­si, 69 Jah­re alt, ist wie­der da, war er je­mals weg? Ver­mitt­ler war er zwi­schen der al­ten ge­samt­deut­schen Tren­nung und der gar nicht mehr so neu­deut­schen Ver­ei­ni­gung. Ein Bin­de­glied, wenn nicht der Ver­bin­dungs­ver­such, zwi­schen der al­ten Welt und de­ren Hal­tung , dass nicht al­les schlecht war in der al­ten DDR, und auf der an­de­ren Sei­te der vor der Macht des Ka­pi­ta­lis­mus und dem Neo­li­be­ra­lis­mus zu ka­pi­tu­lie­ren schei­nen­den neu­en Rea­li­tät. Mag er auf den Stra­ßen al­lent­hal­ben ge­fei­ert und ge­lobt wer­den, die Ver­gan­gen­heit steht der Par­tei im­mer noch im Weg. „Mhmm“, sagt er, „aber wenn ich über­le­ge, wer, ne­ben mir na­tür­lich, bei uns noch in der al­ten SED war, al­so zwei Hän­de brau­che ich nicht da­zu.“Aber Rea­li­tät sei eben auch, dass „wir es nicht ge­schafft ha­ben, uns wirk­lich zu po­si­tio­nie­ren.“

Wort­ge­wal­tig war und ist er, mei­nungs­stark, selbst­be­wusst mit der Kraft zur Selbst­iro­nie. Das über­zeug­te so­gar den kon­ser­va­ti­ven Kreis der Aa­che­ner Kar­ne- va­lis­ten, die ihm den „Or­den wi­der den tie­ri­schen Ernst“um­häng­ten. Und so sitzt er jetzt in der Kö­pe­ni­cker Gar­de­stu­be, wie im­mer ein we­nig ver­schmitzt lä­chelnd, und gibt sich über­zeugt, dass er die Al­ter­na­ti­ve ist in ei­nem Land, in dem die So­zi­al­de­mo­kra­tie ver­ges­sen hat, was So­zi­al­de­mo­kra­tie ist. Op­po­si­ti­on ist er, kein Kanz­ler­kan­di­dat, aber braucht die­ses Land nicht Op­po­si­ti­on, ge­ra­de auch in die­sem Wahl­kampf, in dem nicht nur die Fü­ße ein­schla­fen, son­dern auch die Ar­gu­men­te? Die Lin­ke kämpft, hor­ri­bi­le dic­tu, ge­gen die rechts­ex­tre­me AfD, dar­um, drit­te Kraft im Land zu wer­den, „da will ich schon noch ein Wört­chen mit­re­den.“

Ein paar Ta­ge zu­vor steigt Gre­gor Gy­si vor Kar­stadt am Neu­köll­ner Her­mann­platz aus sei­nem Di­enst­au­to und die ers­ten Wor­te sind zur Be­grü­ßung „Scheiß Wet­ter.“Was ei­ne Ba­na­li­tät ist, aber eben auch nicht die Wor­te ei­nes Po­li­ti­kers, der sich die Welt schön­re­det, wenn sie schei­ße ist.

Geo­gra­fisch ist der Auf­tritt in Neu­kölln ei­gent­lich ein Aus­wärts­spiel, aber vor die­sem Pu­bli­kum, den Hips­tern und Alt­lin­ken, den Ob­dach­lo­sen und Dea­lern, tür­ki­schen Haus­frau­en, Müt­tern, Vä­tern, Ein­käu­fern fürs Wo­che­n­en­de – ein wei­te­res Heim­spiel.

Kein Wi­der­spruch auch von de­nen.

Ju­bel kommt auf, wenn Gy­si sei­ne Po­in­ten setzt und ver­kün­det, dass er gleich nach dem Her­mann­platz nach Hel­sin­ki zum Tref­fen der Eu­ro­päi­schen Lin­ken muss. Her­mann­platz, Neu­kölln, Hel­sin­ki, Eu­ro­pa, „Bra­vo, Gre­gor!“, ruft ein Grau­haa­ri­ger. Der sich dann um­dreht und ei­nem vor­bei­ra­deln­den Mann, der so was brüllt wie „Ihr seid al­les Ar­sch­lö­cher“den Stin­ke­fin­ger zeigt.

Gy­si re­det ei­ne St­un­de lang, mit­rei­ßend auch für die, die ihm po­li­tisch nicht fol­gen wol­len. Er hält sei­ne Re­de weit­ge­hend aus dem Ste­g­reif, nur ab und an, wenn’s um Zah­len geht, muss er auf ei­nen Zet­tel schau­en, ent­schul­digt sich da­für, dann baut er vor­for­mu­lier­te Witz­chen ein, die er schon auf dem Po­di­um vor den Kö­pe­ni­cker Se­nio­ren ge­bracht hat, auch in der Gar­de­stu­be, auch vor der „Ach­se“, der Stif­tung des vor­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Horst Köh­ler und sei­ner Ehe­frau, die sich um sel­te­ne Krank­hei­ten küm­mert: „Wir kön­nen na­tür­lich das Pro­blem mit der Pfle­ge und der Al­ters­ver­sor­gung auch da­durch lö­sen, dass Men­schen wie ich bei der ro­ten Am­pel über die Stra­ße ge­hen“, sagt er und ern­tet auch am Her­mann­platz Ge­läch­ter.

Wahl­kampf eben, Re­den, die vor­ge­fasst wur­den, in die Scher­ze ein­ge­baut wur­den zur Auf­lo­cke­rung, die spon­tan wir­ken sol­len und au­then­tisch. Nur ein- mal, ein ein­zi­ges Mal, ver­greift er sich in der Wort­wahl. Da spricht er vom Un­gleich­ge­wicht zwi­schen Ost- und West­löh­nen, vom Un­gleich­ge­wicht der Ge­häl­ter für Män­ner und Frau­en. „Das wer­den wir aus­mer­zen“, sagt er, und das ist ihm, dem Mann der Sen­si­bi­li­tät und der Spra­che, an­schlie­ßend furcht­bar pein­lich, dass ihm ein Wort aus dem Wör­ter­buch der Un­men­schen, der Na­zis, raus­ge­rutscht ist. „Ha­be ich das wirk­lich ge­sagt?“, fragt er mit weit auf­ge­ris­se­nen, er­schro­cke­nen Au­gen. „Furcht­bar, furcht­bar!“

Aber ins­ge­samt steht da auf dem Po­di­um am Her­mann­platz ein Mensch, dem die Men­schen ab­neh­men, dass er in der Po­li­tik tä­tig ist, weil er ei­ne Vor­stel­lung von der Welt hat, wie sie sei­ner Mei­nung nach aus­se­hen soll, der nicht in die Po­li­tik ge­gan­gen ist, um gut be­zahl­te Kar­rie­re zu ma­chen.

1990 wur­de er erst­mals in den Bun­des­tag ge­wählt, der Ost-Ber­li­ner Rechts­an­walt, den sie nach dem Mau­er­fall zum SED-Par­tei­chef ge­macht hat­ten. Spä­ter wur­de Gy­si ne­ben­bei oder haupt­säch­lich zu ei­nem der be­lieb­tes­ten Po­li­ti­ker Deutsch­lands, fes­tes Talk-Show-In­ven­tar auf al­len Sen­dern, er hat­te zwei Herz­in­fark­te, war Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Lin­ken, trat zu­rück – und wird von vie­len ver­misst. Es be­steht kaum ein Zwei­fel, dass Gre­gor Gy­si auch in der nächs­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode zu­min­dest auf den Op­po­si­ti­ons­plät­zen des Bun­des­ta­ges sit­zen wird. War­um? Weil Gy­si, die­ser mit 1,63 Me­ter kör­per­lich klei­ne Mann, zwar of­fi­zi­ell kür­zer­tritt, aber doch noch ein An­chor­man der Par­tei ist.

Und was ist der Grund für sein Ver­har­ren in der Po­li­tik auch im Ren­ten­al­ter? Drei Grün­de ge­be es, war­um er im­mer noch wei­ter­ma­che. Als er 1990 das ers­te Mal in den Bun­des­tag ge­wählt wur­de, so er­zählt er, hät­ten die Men­schen in sei­nem Wahl­kreis noch mehr­heit­lich ge­sagt, dass die­se Wahl des al­ten SED-Man­nes ein Irr­tum, ein Feh­ler ge­we­sen sei, den es schnellst­mög­lich zu kor­ri­gie­ren gel­te. Bei der Wie­der­wahl hät­ten ihm schon vie­le Leu­te auf die Schul­ter ge­klopft und ge­sagt: „War okay, Jun­ge, kannst wei­ter­ma­chen.“

Und nun? „Ich ha­be ja für man­che ein we­nig po­li­tik­mü­de ge­wirkt, was ich nicht bin, nur eben auch noch mit gro­ßer Freu­de Mo­de­ra­tor und Buch­au­tor.“Doch nun hät­ten ihn die Men­schen mit Brie­fen, Mails und auch per­sön­lich ge­be­ten, wei­ter­zu­ma­chen. „Auch die, die hier im Wahl­kreis die Wirt­schaft ver­tre­ten und mich als Lin­ken doch ei­gent­lich als na­tür­li­chen Feind be­trach­ten müss­ten.“Das kön­ne er na­tür­lich jetzt po­li­tisch kom­men­tie­ren und sa­gen, dass er sich die­sem Auf­trag nicht ent­zie­hen kön­ne – oder er er nimmt es gleich per­sön­lich: „Ja, das schmei­chelt auch mei­ner Ei­tel­keit.“

Da sei als zwei­ter Grund sein Vor­sitz in der eu­ro­päi­schen Lin­ken, der ihm wirk­lich wich­tig sei. „Den Pos­ten kann man auch als Pri­vat­per­son ma­chen, er ist aber leich­ter aus­zu­üben als Ab­ge­ord­ne­ter.“Und dann, die Cur­ry­wurst ist in­zwi­schen auf­ge­ges­sen, nennt er den drit­ten, wahr­schein­lich ent­schei­den­den Punkt. „Ich will noch ner­ven.“

Gre­gor Gy­si, als Wal­dorf und St­at­ler aus der Mup­pet Show, der me­ckern­de Al­te vom Be­ob­ach­ter­pos­ten aus? Sei­nen Ab­schied aus der ers­ten Rei­he hat­te Gre­gor Gy­si im Ju­ni 2015 an­ge­kün­digt. Doch das Los­las­sen fiel ihm schwer. Er ging auf me­dia­le Ab­schieds­tour, bis er dann im

Ok­to­ber den Frak­ti­ons­vor­sitz tat­säch­lich ab­gab, an Sah­ra

Wa­genk­necht und

Diet­mar Bartsch.

Dass er sich als ein­fa­cher Ab­ge­ord­ne­ter wei­ter ein­misch­te, ge­fällt nicht al­len. Sei­ne

Nach­fol­ge­rin Sah­ra

Wa­genk­necht rich­te­te Gy­si im ver­gan­ge­nen Ju­ni sinn­ge­mäß ein­mal aus, er mö­ge sich doch bit­te mit sei­ner neu­en Rol­le ab­fin­den und den Mund hal­ten. „Wir ha­ben in­zwi­schen un­se­ren Frie­den ge­macht“, sagt Gy­si. „Ich hal­te nicht al­le For­mu­lie­run­gen für ge­glückt, bin in ei­ni­gen Punk­ten min­des­tens mit der Wort­wahl nicht ein­ver­stan­den, und dann mi­sche ich mich eben ein.“

Rei­be­rei­en mit den jün­ge­ren Par­tei­mit­glie­dern gibt es bis heu­te, „ja, kann sein, dass ich da ei­ni­gen auf die Ner­ven ge­he“, sagt Gy­si, und es klingt, als wol­le er hin­zu­fü­gen, dass sie es eben nicht könn­ten. „Er­fah­rung ist aber nicht das Schlech­tes­te, was man ein­brin­gen kann.“Aber Fein­de, „ha­be ich Fein­de?“, fragt er in der Tra­di­ti­ons­gast­stät­te in Kö­pe­nick. „Ich re­spek­tie­re na­he­zu al­le Kol­le­gen im Bun­des­tag, auch Frau Mer­kel, de­ren jet­zi­ge Po­li­tik ich für falsch hal­te, aber ihr Lä­cheln, ih­re Auf­rich­tig­keit und vor al­lem ihr kom­plet­tes Des­in­ter­es­se an Po­li­tik als mer­kan­ti­lem Vor­teil, spricht für sie.“

Vor den Rent­nern im Bür­ger­haus Grünau hat­te er noch ei­nen Feind ge­nannt, aber auch den eher scherz­haft, als er auf die Ge­sund­heits­re­form an­ge­spro­chen wur­de. Grund­sätz­lich sei er ja ge­gen die pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung, aber in zwei Punk­ten be­für­wor­te er sie für sich per­sön­lich. Er mö­ge sich nicht vor­stel­len, mit zwei Män­nern aus dem Plenum im Kran­ken­haus zu lie­gen, da müs­se er nur über Po­li­tik re­den, da­zu ha­be er kei­ne Lust. „Und dann, oh­ne Ein­zel­zim­mer, stel­len Sie sich vor, der Kau­der“, Vol­ker Kau­der, der Vor­sit­zen­de der CDU/CSU-Frak­ti­on im Bun­des­tag, „der Kau­der wird zur glei­chen Zeit wie ich krank, und wir lie­gen ge­mein­sam auf ei­nem Zim­mer. Das könn­te ich nicht ver­ant­wor­ten, dass der dann nie ge­sun­den könn­te.“Ge­läch­ter beim Heim­spiel.

Den Scherz bringt er auch noch auf dem Po­di­um beim Aus­wärts­spiel am Her­mann­platz. Ju­bel und Freu­de auch hier. Die­ser klein­wüch­si­ge Mann mit dem kahl­ge­scho­re­nen Schä­del und der ge­schlif­fe­nen Spra­che, die stets ver­ständ­lich bleibt, scheint auch bei den ein­ge­bau­ten Scher­zen nie sein Cha­ris­ma zu ver­lie­ren. Ir­gend­wie wirkt er selbst bei der drit­ten Wie­der­ho­lung glaub­wür­dig. Au­then­tisch nennt man das. Das, auf je­den Fall, ist et­was, was Gre­gor Gy­si be­son­ders macht. Dar­auf noch ei­ne Cur­ry­wurst.

Ein äl­te­rer Herr brum­melt: Dit is ei­ner von uns! Er er­zählt die­sel­ben Wit­ze – und wirkt trotz­dem au­then­tisch

Fo­to: E. Con­ti­ni/Ima­go

Stim­men­fän­ger. Gre­gor Gy­si hat sich 2015 aus der ers­ten Rei­he der Po­li­tik ver­ab­schie­det. Als Ab­ge­ord­ne­ter will er „schon noch ein Wört­chen mit­re­den“.

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