Wahn­sinn und Wal­des­ruh’

Über 15 Ki­lo­me­ter lang ist der Weg um das Flug­ha­fen­ge­län­de. Aus der Fer­ne wirkt TXL fast ab­ge­le­gen. Ei­ne Rund­fahrt

Der Tagesspiegel - - VOLKSENTSCHEID TEGEL - Von Ste­fan Ja­cobs

Wo­her man auch kommt und wo­hin man auch will: Im­mer be­ginnt der Flug­ha­fen Te­gel mit die­ser kur­zen Un­ter­füh­rung, durch die al­le müs­sen. Nur nicht heu­te bei die­ser Ex­pe­di­ti­on, die ein­mal um den Zaun von TXL füh­ren soll, um her­aus­zu­fin­den, was hier ist und wen man trifft.

Für die Tour im Uhr­zei­ger­sinn biegt man al­so vor dem Tun­nel links ab Rich­tung Luft­fracht, wo auf der Wie­se ein Rie­sen­pos­ter von Te­gel-Pro­jekt mit der Pa­ro­le „Flug­ha­fen zieht aus, Ber­lin zieht ein“grüßt. Aus­ge­zo­gen sind an die­sem Sep­tem­ber­tag al­ler­dings nur die Schu­he der Frau, die auf de­mRa­sen zwi­schen den Stra­ßen in der Son­ne döst. Ein Bild, das nur oh­ne Ton idyl­lisch ist, denn zum Stra­ßen­lärm kommt der Flug­ha­fen, der hier pau­sen­los auf­brau­send klingt, selbst wenn ge­ra­de kei­ne Ma­schi­ne star­tet oder lan­det.

Die Luft­fracht­stra­ße führt zwi­schen Zäu­nen vor­bei an den oran­ge­far­be­nen, äl­te­ren An­bau­ten von TXL. Der re­ge Lkw-Ver­kehr – so­wohl Sat­tel­zü­ge mit Fracht als auch Ke­ro­sin­las­ter – er­in­nert dar­an, dass am Flug­ha­fen mehr be­wegt wird als nur Men­schen. Un­dal­les muss auf Stra­ßen durch die Stadt.

Nach ei­nem knap­pen Ki­lo­me­ter ist Schluss vor der Schran­ke. Da­hin­ter par­ken Flug­zeug­schlep­per, Con­tai­ner und ein al­ter gel­ber VW-Bus mit der Auf­schrift „Main­ten­an­ce“. Der Wald rings­um ist weg­los und dicht. Al­so zu­rück auf Los – und dies­mal au­ßer­halb ei­nes wei­te­ren Zauns durch die Klein­gar­ten­an­la­gen „Vor den To- ren“und „Neu­land“. Sehr lau­schig, so­fern man nicht lauscht. Ein blü­hen­des Idyll; Schritt­ge­schwin­dig­keit, Mit­tags­ru­he 13 – 15 Uhr, Was­sera­ble­sung nur am 16./ 17. Sep­tem­ber, An­we­sen­heit Pflicht.

Süd­lich Rich­tung Ho­hen­zol­lern­ka­nal gren­zen die Mä­cke­ritz­wie­sen an, de­ren Be­woh­ner im Som­mer ta­ge­lang im Was­ser stan­den. Ei­ne Frau leert den Brief­kas­ten am letz­ten Häu­schen vor dem Flug­ha­fen­zaun mit der St­a­chel­draht­rol­le oben­drauf. Ob sie und die an­de­ren hier das En­de von TXL her­bei­seh­nen? „Ach Gott, na ja, herr­je“, sagt sie, „wir ha­ben uns dran ge­wöhnt.“In der Nach­bar­schaft sind vie­le Ein­fa­mi­li­en­häu­ser neu ge­baut wor­den. Das Grund­rau­schen des Flug­ha­fens ver­liert sich hier.

Vor dem Süd­west­zip­fel des Flug­ha­fen­ge­län­des taucht der als Ra­d­rou­te aus­ge­wie­se­ne Hol­per­weg in den Wald ein. Wild­schwei­ne ha­ben eben­so groß­flä­chig wie ver­geb­lich ver­sucht, den Zaun zu un­ter­gra­ben. Als ein­zi­ger Mensch ist ein jun­ger Mann mit di­ckem Ruck­sack un­ter­wegs. Er sei von Span­dau her­ge­wan­dert, um Flug­ha­fen zu gu­cken, be­rich­tet er. Auch ist er heu­te schon ge­flo­gen – und zwar raus, bei sei­ner Freun­din. Von in­ne­ren Tur­bu­len­zen ge­trie­ben, läuft er nun am Zaun ent­lang, der jetzt den Blick frei­gibt auf die Bo­eing 707, die hier in der hin­ters­ten Ecke von TXL ih­re vor­erst letz­te Ruhestätte ge­fun­den hat. Da­bei war die Ma­schi­ne – einst ein Ge­schenk des Her­stel­lers an die Luft­han­sa – 1986 un­ter gro­ßem Hal­lo hier be­grüßt wor­den, mit US-Re­gis­trie­rung und über­kleb­ten Luft­han­sa-Em­ble­men, da ei­gent­lich nur Al­li­ier­te lan­den durf­ten. Doch dann wuss­te nie­mand, wo­hin mit ihr, und so harrt sie nun un­tot der Din­ge, die kom­men oder ge­hen wer­den.

Der Weg führt am Rand der Jung­fern­hei­de ent­lang. Die Lan­de­bahn­be­feue­rung zieht sich als Schnei­se in den Wald, Ter­mi­nal und To­wer schmü­cken als Mi­nia­tu­ren den Ho­ri­zont. Von hier aus ist die be­rüch­tig­te En­ge des über­las­te­ten Air­ports schwer vor­stell­bar. Schwe­rer je­den­falls als der Ge­dan­ke, dass ei­nes Ta­ges der Zaun ver­schwin­det, das ge­plan­te Stadt­quar­tier nach Nord­wes­ten hin in reiz­vol­les Wie­sen- und Wald­ge­län­de über­geht. Zu dem ge­hört ein Vo­gel­schutz­re­ser­vat, um das der Weg im Knick her­um­führt. Da­zu ver­lässt er den Zaun auf der Nord­sei­te, ge­gen­über dem Ter­mi­nal. Mit­ten im Wald steht ein Ge­denk­stein für die Op­fer ei­nes Flug­zeug­ab­stur­zes von 1953, bei dem sie­ben fran­zö­si­sche Sol­da­ten star­ben.

Ost­wärts öff­net sich der Wald zum Flug­ha­fen­see hin. Die ehe­ma­li­ge Kies­gru­be ist mit ein­la­dend kla­rem Was­ser ge­füllt und von Strän­den ge­säumt. Ge­drän­ge herrscht auf dem FKK-Fle­cken, der die bes­te Abend­son­ne hat. Der Flug­lärm ist hier ne­ben der in Ost-West-Rich­tung lie­gen­den Start­bahn deut­lich er­träg­li­cher als in ih­rer Ver­län­ge­rung. An ru­hi­gen Nach­barn man­gelt es oh­ne­hin nicht: Nörd­lich des Sees be­fin­det sich Ber­lins größ­tes Ge­fäng­nis, öst­lich die Bun­des­netz­agen­tur. Sie re­si­diert am Ran­de der Cité Guy­ne­mer, in der zwi­schen den Wohn­ge­bäu­den der fran­zö­si­schen Al­li­ier­ten ei­ni­ge Neu­bau­ten wach­sen, aber noch viel Luft ist. Mit­ten hin­durch führt die über­brei­te Ave­nue Je­an Mer­moz zu dem Tor, an dem der mi­li­tä­ri­sche Be­reich des Flug­ha­fens be­ginnt. Der aler­te Wach­pos­ten ist schon aus dem Häu­schen, wenn ein Pas­sant nur in die Nä­he kommt.

An­sons­ten hat der Fa­mi­li­en­va­ter, der so­eben sei­nen flau­schi­gen Mi­ni­hund aus­führt, die Stra­ße für sich. Den Bau­boom im Quar­tier be­trach­tet er mit Sor­ge, seit er sich über die Prei­se in­for­miert hat: knapp 700 000 Eu­ro für ein Rei­hen­haus dürf­ten wohl auf die Mie­ten für die Alt­ein­ge­ses­se­nen ab­strah­len, fürch­tet er. Ru­hig sei die Ge­gend hier schon jetzt.

Was man vom Pla­ne­ten­kiez nicht sa­gen kann. Die zwi­schen der ober­ir­disch ver­lau­fen­den U6 und dem Au­to­bahn­zu­brin­ger ein­ge­klemm­te Sied­lung liegt am lau­tes­ten Punkt der Ein­flug­schnei­se. Hier rau­schen die Flug­zeu­ge nicht her­an, son­dern don­nern ganz plötz­lich di­rekt über die Gär­ten. Gär­ten, de­nen man an­sieht, dass ih­re Be­sit­zer nicht gern drau­ßen sind. Ein Ort, um­die Ma­schi­nen oh­ne Te­le­ob­jek­tiv zu fo­to­gra­fie­ren, wie es der Mann tut, der auf der Bö­schung der Au­to­bahn sitzt. Aber auch ein Ort, um wahn­sin­nig zu wer­den, wenn es mor­gens um sechs los­geht.

Da­zu dröhnt der Stra­ßen­ver­kehr. Der Au­to­bahn­zu­brin­ger soll nach der Schlie­ßung von TXL zur Stadt­stra­ße ge­stutzt wer­den. Zwi­schen Fahr­bahn und Flug­ha­fen­zaun kau­ert ei­ne Ba­ra­cke, vor der der Ver­ein „Al­li­ier­te in Ber­lin“Mi­li­tär­ge­rät aus­stellt. Nicht viel ge­müt­li­cher im Lärm von Kurt-Schu­ma­cher-Damm und der aus dem Flug­haf­en­tun­nel auf­tau­chen­den A111 liegt die Cité Pa­s­teur, die hin­ter Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern in ver­rum­pel­te La­ger­ge­bäu­de über­geht. Wä­re der Flug­ha­fen­zaun hier nicht blick­dicht, sä­he man ne­ben­an das Ter­mi­nal C. Nach Sü­den schlie­ßen ein Ver­kehrs­übungs­platz und McPar­king an so­wie ein Mer­cu­re-Ho­tel, das von Gäs­ten mit frü­hem Ab­flug­ter­min im In­ter­net für sei­ne un­schlag­bar güns­ti­ge La­ge ge­lobt und für sei­ne stol­zen Prei­se be­krit­telt wird. Ei­ner schreibt au­ßer­dem von „fun­ky smell, but that seems to be a Ber­lin pro­blem“. Ganz Ber­lin hat ein Ge­ruchs­pro­blem? In­ter­es­sant. Viel­leicht kam die fun­ky No­te aber auch nur von ei­nem der vie­len Hun­de­ver­eins­plät­ze, die von Os­ten bis fast an die Tun­nel­zu­fahrt rei­chen, vor der die­se Tour be­gon­nen hat.

So steht man nach mehr als 15 Ki­lo­me­tern wie­der da, wo man an­ge­fan­gen hat – und staunt, wie an­ders der Flug­ha­fen von au­ßen aus­sieht. Nur auf der Ost­sei­te wirkt er so in die Stadt ge­stopft, wie er tat­säch­lich ist. Nach Nor­den und Wes­ten hin scheint er fast schon ab­ge­le­gen. Und groß ge­nug für hoch­flie­gen­de Zu­kunfts­plä­ne.

Fo­to: gmp Ar­chi­tek­ten

Ein Meis­ter­werk. Te­gel wur­de nach Plä­nen der Ham­bur­ger Ar­chi­tek­ten Mein­hard von Ger­kan und Volk­win Marg er­baut – auf dem Bild­hin­ter­grund zu se­hen sind die Ori­gi­nal­grund­ris­se des Ar­chi­tek­tur­bü­ros.

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