Vol­kes Be­geh­ren

Ei­ne bun­te Viel­zahl an Bür­ger­initia­ti­ven strei­tet für und ge­gen Te­gel – und zwar schon seit Jah­ren. Jetzt klä­ren sich die Fron­ten. Und das Wett­ren­nen vor der Ab­stim­mung wird im­mer knap­per

Der Tagesspiegel - - VOLKSENTSC -

Di­ens­tag­abend in Rei­ni­cken­dorf. Im Hin­ter­zim­mer des „Al­bert’s“am Kurt-Schu­ma­cher-Platz ha­ben sich 25 Men­schen ver­sam­melt, Al­ters­schnitt: Mit­te 50. Wie je­den zwei­ten Di­ens­tag des Mo­nats ist heu­te Stamm­tisch der Bür­ger­initia­ti­ve „Te­gel end­lich schlie­ßen“. Dann klä­ren die An­woh­ner sich über die jüngs­ten po­li­ti­schen En­wick­lun­gen auf, be­spre­chen, wer wo pla­ka­tiert und Flug­blät­ter ver­teilt. Doch heu­te gibt es ei­nen gro­ßen Un­ter­schied: Es ist das letz­te Tref­fen vor dem her­an­rol­len­den Volks­ent­scheid. Die Stim­mung ist ge­reizt. „Ich will, dass sie als rot-rot-grü­ne Ko­ali­ti­on ei­nen Arsch in der Ho­se ha­ben“, schallt es wäh­rend der zwei St­un­den ei­nem ein­ge­la­de­nen Po­li­ti­ker der Grü­nen ent­ge­gen. „Bit­te kei­ne bö­sen Wor­te“, for­dert je­mand.

Hat man zu spät an­ge­fan­gen, zu han­deln? Micha­el Hen­ze, Gym­na­si­al­leh­rer in Ge­sund­brun­nen und seit ei­ni­gen Mo­na­ten da­bei, ver­neint: „Die Re­gie­rungs­par­tei­en müs­sen sich das an­krei­den.“Doch die An­span­nung in den Ge­sich­tern ist spür­bar. Der Initia­ti­ve, die sich 2013 als Pro­test­bünd­nis ge­gen die Auf­lo­cke­rung des Nacht­flug­ver­bots und die er­höh­ten Flug­be­we­gun­gen ge­grün­det hat, droht jetzt das Un­glaub­li­che: Der Flug­ha­fen Te­gel nicht als Not­griff im BER-De­sas­ter, son­dern als Dau­er­lö­sung.

Da­bei dreht sich der Trend für die Te­gel-Geg­ner in den letz­ten Wo­chen: Im Ju­li erst schlos­sen sich die vie­len ver­streu­ten Initia­ti­ven zum Bünd­nis „Te­gel schlie­ßen. Zu­kunft öff­nen“zu­sam­men. Der BUND und der Ber­li­ner Mie­ter­ver­ein ge­hö­ren da­zu, eben­so Ver­tre­ter aus al­len La­gern der rot-rot-grü­nen Ko­ali­ti­on. Und auch die Um­fra­ge­wer­te deu­ten in letz­ter Zeit auf ei­ne deut­li­che Auf­hol­jagd der Nein-Frak­ti­on. Nur zehn Pro­zent­punk­te tren­nen die bei­den La­ger ak­tu­ell. Ein gro­ßer Sprung zu der La­ge noch im März. Da­mals wa­ren es noch gan­ze 27 Pro­zent Un­ter­schied.

Und auf der an­de­ren Sei­te? Ein Blick auf das La­ger der Te­gel-Be­für­wor­ter of­fen­bart Un­über­sicht­li­ches. Da ist zu­erst die Bür­ger­initia­ti­ve „Ber­lin braucht Te­gel“, die den Volks­ent­scheid auf den Weg ge­bracht hat. Aus­hän­ge­schild ist FDP-Ge­ne­ral­se­kre­tär Se­bas­ti­an Cza­ja. Die bei­den Ge­sell­schaf­ter der Initia­ti­ve sind zum ei­nem die FDP und der Ver­ein „Pro Te­gel e.V.“Der wur­de vom FDP-Mann Mar­cel Lu­the 2013 ins Le­ben ge­ru­fen – je­doch, wie Lu­the be­tont, nicht als FDP-Ver­ein, son­dern un­ab­hän­gig. Die Mehr­zahl der 15 Mit­glie­der hät­ten kei­ne FDP-Mit­glied­schaft, be­tont Lu­the. Trotz­dem fällt auf, dass der Ver­ein fast gänz­lich aus der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung ver­schwun­den ist. Auch den In­ter­net­auf­tritt fin­det man im Netz nicht mehr. Man­setzt, wie es aus­sieht, im End­spurt auf die Zug­kraft der FDP und von Front­mann Cza­ja.

Der an­de­re Ver­ein, der für ei­ne Of­fen­hal­tung des Stadt­flug­ha­fens kämpft, steht am Frei­tag­nach­mit­tag am An­hal­ter Bahn­hof und wirbt um Stim­men. „Wir ver­ste­hen uns als über­par­tei­li­ches und un­ab­hän­gi­ges Bünd­nis“, be­tont der zwei­te Vor­sit­zen­de Micha­el Frei­tag. Die fünf­köpi­fe Trup­pe trägt neon­gel­be Warn­wes­ten, dar­auf ein blau­es Sechs­eck, Auf- schrift: „Te­gel of­fen hal­ten e.V.“. Doch die Bro­schü­ren, die sie ver­tei­len, ziert das Lo­go der „Ber­lin braucht Te­gel“-Kam­pa­gne. Vor blau-gel­bem Hin­ter­grund das Kon­ter­fei von Se­bas­ti­an Cza­ja. „Wir ha­ben kein Geld für ei­ge­ne Fly­er. Des­we­gen ha­ben wir na­tür­lich Ma­te­ri­al von de­nen“, sagt Frei­tag. Und fügt hin­zu: „Aber wir ha­ben un­se­re ei­ge­nen Pos­ter.“Ein Li­ni­en­kampf in ei­ge­ner Sa­che? Frei­tag ver­neint: „Uns geht es um di e Sa­che. Und un­se­re Auf­ga­be ist es, die Leu­te rein­zu­brin­gen, die der FDP nicht na­he­ste­hen.“Der Ver­ein selbst hat mit der Bür­ger­initia­ti­ve for­mal nichts zu tun. Man ha­be zwar sel­ber ei­ne sol­che an­sto­ßen wol­len. „Doch was wol­len Sie ein Volks­be­geh­ren star­ten, wenn Sie fi­nan­zi­ell und struk­tu­rell nicht in der La­ge da­zu sind?“, gibt Frei­tag zu. Das FDP-ge­stütz­te Bünd­nis hat hin­ge­gen sol­ven­te Part­ner: 30.000 Eu­ro hat der Flug­kon­zern Rya­nair für Pro-Te­gel-Pla­ka­te ge­spons­ort. Für Te­gel-Geg­ner ein be­son­ders kras­ser Af­front.

Sze­nen­wech­sel: Auf dem Wo­chen­markt in Pan­kow ste­hen am Don­ners­tag­abend rund 200 Leu­te, jung bis alt, vor ei­nem Prit­schen­wa­gen, dar­auf ei­ne klei­ne Büh­ne. „Pan­kow sagt Nein“heißt die Bür­ger­initia­ti­ve, die die Kund­ge­bung ver­an­stal­tet. Sie ge­hört auch zum ber­lin­wei­ten Bünd­nis. Vor zwei­ein­halb Mo­na­ten ha- ben sich die Pan­kower zu­sam­men­ge­schlos­sen. War­um erst so spät? „Man hät­te frü­her star­ten kön­nen, das stimmt“, sagt Mit­in­itia­tor Be­rend Hen­driks und schmun­zelt. „Man hat halt mit der Be­schluss­la­ge ge­lebt. Aber dann ka­men plötz­lich Par­tei­en um die Ecke und kip­pen die Stim­mung.“Trotz der erns­ten An­ge­le­gen­heit herrscht gu­te Stim­mung. Als die 11-jäh­ri­ge El­la auf der Büh­ne be­klagt, dass der Flug­lärm ih­re Fuß­ball­m­an­schaft beim Trai­ning stört, gibt es wil­den Ap­plaus. Vie­le der An­we­sen­den be­kräf­ti­gen: Trotz des Volks­ent­schei­des ma­chen sie sich kei­ne Sor­gen. Die Fak­ten­la­ge schlie­ße ei­nen Wei­ter­be­trieb von Te­gel ja wohl aus. Doch Micha­el Hen­ze, der auch hier durch die Men­ge schleicht, ist sich nicht so si­cher: „Die, die das sa­gen, sind po­li­tisch leicht­sin­nig“, sagt er. Wäh­rend die An­woh­ner ih­re Schil­der ein­pa­cken, spre­chen ei­ni­ge über den nächs­ten Groß­ter­min: Am Di­ens­tag­nach­mit­tag um 17 Uhr tref­fen sich die Bünd­nis­se ge­gen die Of­fen­hal­tung Te­gels vor dem Ca­fé Kranz­ler am Kur­fürs­ten­damm – und zie­hen dann zur Ta­ges­spie­gel-De­bat­te in der Ura­nia, wo mehr als 1000 Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner über die Zu­kunft strei­ten wer­den. Es ist die letz­te gro­ße Ak­ti­on der Ak­ti­vis­ten vor dem Volks­ent­scheid am Sonn­tag.

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