Neue Wahl, al­te Ver­spre­chen

Der Tagesspiegel - - LESER MEINUNG -

In­ner­halb ei­ner lau­fen­den Le­gis­la­tur­pe­ri­ode des bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus son­dern ge­stan­de­ne Be­rufs­po­li­ti­ker in der Re­gel nur ih­re ak­tu­el­len Sprech­bla­sen ab. An­schlie­ßend ver­ab­schie­den sie sich rasch wie­der von ih­rem zu­fäl­lig oder or­ga­ni­siert ver­sam­mel­ten Pu­bli­kum. An­ge­sichts ei­ner zu­neh­mend kom­pli­zier­ter wer­den­den in­nen- und au­ßen­po­li­ti­schen La­ge ist das ein­deu­tig zu we­nig. Es fehlt ei­ne per­ma­nen­te Re­chen­schafts­pflicht der Volks­ver­tre­ter ge­gen­über ih­ren Wäh­lern. Ef­fi­zi­ent aus­ge­stal­tet war die per­ma­nen­te Kon­trol­le von Le­gis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve wäh­rend der Zeit der Run­den Ti­sche in der spä­ten DDR. Ei­nen der­ar­tig in­ten­si­ven Aus­tausch zwi­schen Po­li­ti­kern und Bür­gern gibt es hier höchs­tens zu Wahl­kampf­zei­ten.

Folg­lich soll­te man die­se zeit­lich be­grenz­ten Pe­ri­oden in­ten­siv nut­zen, um re­al wach­sen­de All­tags­pro­ble­me an­zu­spre­chen. In 12 Jah­ren Mer­kel-Kanz­ler­schaft hat sich in Deutsch­land die Sche­re zwi­schen Arm und Reich wei­ter ge­öff­net. Nach ame­ri­ka­ni­schem Mus­ter ist ein Nied­rig­lohn-Sek­tor ent­stan­den, der in­zwi­schen fast 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus­macht. ’Wohl­stand für al­le' gilt schon lan­ge nicht mehr. Von die­ser Ent­wick­lung be­son­ders be­trof­fen sind fast 2,5 Mil­lio­nen Kin­der in Deutsch­land. Die Po­li­tik fei­ert per­ma­nent, die Ar­beits­lo­sen-Zah­len von 2005 hal­biert zu ha­ben. Aber zu wel­chem Preis? Hier fal­len die Stich­wor­te: Teil­zeit-Be­schäf­tig­te, Mi­niJobs, be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge, Leih­ar­beit, Werk­ver­trä­ge, Auf­sto­cker usw. Schät­zun­gen zu­fol­ge su­chen 7 – 9 Mil­lio­nen Men­schen ei­ne un­be­fris­te­te Voll­zeit-Stel­le, von der sie mit ih­rer Fa­mi­lie men­schen­wür­dig le­ben kön­nen. Ak­tu­el­le Ana­ly­sen zur Ver­tei­lung von Geld­ver­mö­gen und ma­te­ri­el­len Wer­ten wei­sen im­mer wie­der deut­lich dar­auf hin, dass in die­sem Land die Prin­zi­pi­en der Ver­tei­lung des ge­sell­schaft­li­chen Reich­tums nicht stim­men. Ein­künf­te aus Mie­ten, Pacht, Ka­pi­tal­er­trä­gen wer­den bis heu­te nied­ri­ger be­steu­ert als an­ge­stell­te Ar­beit. Wenn man in die­sem Land Kin­der­sa­chen kauft, ist das teu­er, weil da­für die vol­le Um­satz­steu­er an­fällt. Kauft man sich da­ge­gen ein Reit­pferd, zahlt man le­dig­lich den er­mä­ßig­ten Steu­er­satz von sie­ben Pro­zent. Zockt man an der Bör­se mit ris­kan­ten Fi­nanz­trans­ak­tio­nen, wird da­für nach wie vor kei­ne Steu­er fäl­lig. Ein im Nied­rig­lohn­sek­tor be­schäf­tig­ter Pend­ler zahlt an der Tank­säu­le ei­ne hor­ren­de Mi­ne­ral­öl­steu­er und dar­auf noch ein­mal die Um­satz­steu­er. Der Mil­lio­när be­tankt da­ge­gen sei­nen Pri­vat-Jet mit steu­er­frei­em Flug­ben­zin. Der klei­ne Häus­le­bau­er zahlt für sei­nen Pkw-An­hän­ger, mit dem er Ze­ment-Sä­cke vom Bau­markt holt, ei­ne Kfz-Steu­er. Da­ge­gen sind in die­sem Land die An­hän­ger (Trai­ler) für Se­gel­flug­zeu­ge oder Sport­boo­te steu­er­frei.

— Dr. Bernd-R. Paul­ke, Pots­dam

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Wie kann es sein, dass je­mand, der sein Le­ben lang ge­ar­bei­tet und ge­spart hat, mit sei­ner Ren­te nicht aus­kommt? Ein Bei­spiel von vie­len: Der Ehe­mann ist schwer an De­menz er­krankt, die fast blin­de Ehe­frau muss ihn durch ein Pfle­ge­heim ver­sor­gen las­sen. Die Pfle­ge­stu­fe des De­men­ten steigt in­ner­halb we­ni­ger Wo­chen von eins auf vier, mit dem Er­geb­nis von mo­nat­lich 4000 Eu­ro Heim­kos­ten. Für ei­nen ehe­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler, auch wenn er nur kurz als sol­cher dem Volk dien­te, ist das ein Klacks, nicht aber für ei­ne Rent­ne­rin, für die, nach Ab­zü­gen, knapp 500 Eu­ro blei­ben. Flei­ßig ge­ar­bei­tet hat­ten bei­de und auch fürs Al­ter ge­spart, aber 4000 Eu­ro Kos­ten mo­nat­lich wa­ren nicht ein­kal­ku­liert. Nun wur­de al­so selbst be­zahlt, so­lan­ge es der Spar­strumpf her­gab. Ge­setz­ge­ber sind ja kei­ne Un­men­schen, da­her darf im Spar­strumpf blei­ben, was Hin­ter­blie­be­ne für ei­ne Be­stat­tung aus­ge­ben müs­sen. Mehr je­doch nicht. Was aber ist mit Son­der­aus­ga­ben, wenn die Bril­le ka­putt geht? Wo­von Zu­zah­lun­gen be­strei­ten? Was, wenn die Win­ter­stie­fel zur Re­pa­ra­tur müs­sen, die Wasch­ma­schi­ne den Geist auf­gibt? Wenn man zum Aus­fül­len der An­trä­ge Un­ter­stüt­zung braucht, weil eben stark seh­be­hin­dert? Selbst Eh­ren­amt­li­che müs­sen be­zahlt wer­den. Fünf­hun­dert Eu­ro Net­to-Ren­te sind viel­leicht nicht we­nig, aber die Rent­ne­rin ist fast blind und muss da­her vie­le Hil­fen be­zah­len: Ein­käu­fe, Fahr­ten zum Arzt, Kehr­wo­che, die Be­su­che bei ih­rem de­menz­kran­ken Mann etc. Und so seh­be­hin­dert sie auch ist, für ei­nen Zu­schuss ist sie noch nicht seh­be­hin­dert ge­nug … Pfle­ge­hei­me in Deutsch­land er­hal­ten für die Pfle­ge er­staun­lich viel Geld – wäh­rend pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge nicht ein­mal ei­nen Ren­ten­an­spruch er­wer­ben. Was al­so soll der von den Ge­setz­ge­bern ent­täusch­te Wäh­ler an­kreu­zen? Ich ha­be den Ver­dacht, das ist den zu Wäh­len­den egal, denn es braucht nicht vie­le Amt­s­pe­ri­oden, um an ein er­freu­li­ches Ex­tra­ein­kom­men zu ge­lan­gen, auch wenn man nichts er­reicht hat und längst aus­ge­schie­den ist, wo­hin­ge­gen es für den Wäh­ler häu­fig ziem­lich schlecht aus­ge­hen kann. Ist das die Si­cher­heit, für die wir al­le un­ser Le­ben lang in die Kran­ken- und Ren­ten­kas­sen und ans Fi­nanz­amt ein­bzw. be­zah­len? Ist das die De­mo­kra­tie, für die wir zur Wahl­ur­ne ge­hen? Ich ha­be noch nie so vie­le Men­schen rat­los ge­se­hen. Vor al­lem die äl­te­ren Wahl­be­rech­tig­ten, die mit den ewig glei­chen Wahl­ver­spre­chen alt ge­wor­den sind.

— Gu­drun Beiß­wen­ger, Stuttgart

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Die Bun­des­kanz­le­rin hat in der Tat auf drän­gen­de Fra­gen kei­ne er­kenn­ba­ren und vor­aus­schau­en­den Re­for­men zu bie­ten. Ei­nes die­ser drän­gen­den Zu­kunfts­pro­jek­te wä­re die Si­che­rung der Al­ters­vor­sor­ge. Ei­nen Plan zur zu­künf­ti­gen Ren­ten­ver­sor­gung vor­zu­stel­len, um mehr Ge­rech­tig­keit für künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen um­zu­set­zen. Aber das ist nicht nur das Ver­säum­nis der CDU/CSU. Ich hät­te es für im­mens wich­tig er­ach­tet, wenn die­ser Vor­stoß von der SPD ge­kom­men wä­re. Un­ser Nach­bar Ös­ter­reich hat – wohl wis­send, dass ähn­li­che Pro­ble­me auf das klei­ne Land zu­kom­men könn­ten – die­sen Schritt ge­gen größ­te Wi­der­stän­de um­ge­setzt! Dort zah­len al­le in die Ren­ten­kas­sen, auch Be­am­te. Mit dem Er­geb­nis, dass die Ren­ten­kas­sen sta­bi­li­siert wer­den konn­ten und jetzt in der La­ge sind, deut­lich hö­he­re Ren­ten bei ver­gleich­ba­ren Ver­si­che­rungs­jah­ren bzw. Löh­nen zu zah­len.

— Ma­ri­on Detz­ler, Ber­lin

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