Schrei nach Lie­be

Der be­siegt Mainz mit 4:0. Doch Trai­ner An­ce­lot­ti steht wei­ter un­ter Druck

Der Tagesspiegel - - SPORT - Von Eli­sa­beth Schlam­merl, Mün­chen

FC BAY­ERN MÜN­CHEN

Es gibt sie noch beim FC Bay­ern, die Spie­le, in de­nen fast al­les nach Plan läuft und am En­de das Er­geb­nis im Mit­tel­punkt steht – und nicht Ir­ri­ta­tio­nen ne­ben dem Platz. Am Sams­tag ge­gen den FSV Mainz 05 re­agier­te we­der ein Spie­ler be­lei­digt, noch muss­te sich die Mann­schaft feh­len­des En­ga­ge­ment vor­wer­fen las­sen. Mit dem 4:0 (2:0)-Sieg durch die To­re von Tho­mas Mül­ler, Ar­jen Rob­ben und zwei­mal Ro­bert Le­wan­dow­ski kehrt in Mün­chen zwar noch kei­ne Nor­ma­li­tät ein, denn ge­gen die harm­lo­sen Main­zer ge­nüg­te ei­ne so­li­de Leis­tung. Im­mer­hin aber lie­fer­te der Re­kord­meis­ter den Kri­ti­kern kei­ne neue Nah­rung.

Noch nie war es seit der Triple-Sai­son so un­ru­hig ge­we­sen beim FC Bay­ern wie zu Be­ginn die­ser Spiel­zeit. Mal ab­ge­se­hen von ein paar we­ni­gen Ver­stim­mun­gen hat­te es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren trotz des ver­pass­ten Cham­pi­ons-Le­ague-Tri­um­phes nach 2013 sel­ten ein­mal et­was aus­zu­set­zen ge­ge­ben. Un­ter Pep Guar­dio­la ging es dann vor al­lem um die vie­len Ver­letz­ten, die wo­mög­lich auf ei­ne zu ho­he Be­an­spru­chung des auch im Trai­ning stets um Per­fek­ti­on be­müh­ten Ka­ta­la­nen zu­rück­zu­füh­ren wa­ren.

In An­ce­lot­tis ers­tem Jahr in Mün­chen deu­te­ten sich zwar schon Schwie­rig­kei­ten an, aber zum ei­nen leb­te er spie­le­risch noch et­was von Guar­dio­las Er­be und er­füll­te mit dem Meis­ter­ti­tel das Mi­ni­mal­ziel. Zum an­de­ren ge­währ­te er den Spie­lern Frei­hei­ten, was über­wie­gend be­grüßt wur­de nach der an­stren­gen­den Guar­dio­la-Ära. Aber schon in der ver­gan­ge­nen Sai­son hat­te es Stim­men ge­ge­ben, die über zu la­sches Trai­ning klag­ten, was der Ver­ein je­doch um­ge­hend de­men­tier­te.

Was nun im Som­mer schief­ge­lau­fen war, ist schwer nach­zu­voll­zie­hen. Die Wer­be­tour nach Fer­n­ost mit vier Spie­len in zwölf Ta­gen mag nicht ge­hol­fen ha­ben, aber aus­schlag­ge­bend für den schlep­pen­den Start in die Sai­son war sie si­cher nicht. eben­so we­nig, dass der Ver­ein ver­such­te, den Um­bruch mit ein paar Neu­zu­gän­gen ein­zu­lei­ten und der Kon­kur­renz­kampf da­durch noch ein­mal be­feu­ert wur­de. Fakt ist, dass von An­fang an we­nig Li­nie im Spiel der Bay­ern zu er­ken­nen war – und dass es bis Sams­tag kaum An- zei­chen gab, dass An­ce­lot­ti dar­an et­was än­dern kann. „Wir sind im Mo­ment nicht auf der Hö­he un­se­res Kön­nens“, gab er vor der Par­tie ge­gen Mainz zu, war aber si­cher: „Wir wer­den bald auf der Hö­he sein.“Der Sieg am Sams­tag war nur ein ers­ter klei­ner Schritt, mehr nicht.

Die Pl­an­lo­sig­keit könn­te den Trai­ner mann­schafts­in­tern an­greif­bar ge­macht ha­ben, zu­min­dest deu­ten dar­auf die Reak- tio­nen ei­ni­ger Spie­ler hin. Zu­nächst be­schwer­te sich Mül­ler öf­fent­lich über ei­ne Nicht-Be­rück­sich­ti­gung, dann üb­te Le­wan­dow­ski in ei­nem vom Ver­ein nicht au­to­ri­sier­ten In­ter­view Kri­tik an der Ver­eins­po­li­tik, und un­ter der Wo­che warf Franck Ri­bé­ry wut­ent­brannt das Tri­kot in die Ecke, weil er beim 3:0 zum Cham­pi­ons-Le­ague-Auf­takt ge­gen An­der­lecht gut zehn Mi­nu­ten vor Schluss aus­ge­wech- selt wor­den war. Mül­ler und vor al­lem Le­wan­dow­ski, so­wie des­sen Be­ra­ter Ma­ik Bart­hel hat­te sich der Vor­stands­vor­sit­zen­de Karl-Heinz Rum­me­nig­ge vor­ge­knöpft, eben­falls öf­fent­lich, was nicht zur Be­ru­hi­gung der La­ge bei­trug.

Den Zwist mit Ri­bé­ry re­gel­te An­ce­lot­ti selbst. Er ha­be mit ihm ge­spro­chen, sag­te er am Frei­tag. „Es ist al­les gut, kein Pro­blem.“Ge­gen Mainz saß der Fran­zo­se zu­nächst auf der Bank, rein äu­ßer­lich ge­las­sen, kam nach ei­ner St­un­de für Rob­ben, der sei­ne Aus­wechs­lung ent­ge­gen sons­ti­ger Ge­wohn­heit mit An­stand hin­nahm.

An­ce­lot­ti wirkt zum ers­ten Mal seit sei­nem An­tritt in Mün­chen nicht mehr sehr ge­las­sen. Der 58-Jäh­ri­ge klagt über über­zo­ge­ne Kri­tik und be­geg­net je­nen so­ge­nann­ten Fuß­ball­ex­per­ten, die in die­sen Ta­gen ih­re Mei­nung zur Si­tua­ti­on beim FC Bay­ern zum Bes­ten ge­ben, mit Spott. „Dan­ke für all’ die Hin­wei­se. Ich wer­de am Sai­son­en­de ei­ne gro­ße Par­ty ver­an­stal­ten mit groß­ar­ti­gem Wein und Es­sen. Dann kön­nen wir über al­le tak­ti­schen De­tails re­den“, sag­te er. Wo­mög­lich wird das dann gleich­zei­tig sein Ab­schieds­fest, ein Jahr vor Vor­trags­en­de.

Car­lo An­ce­lot­ti be­geg­net sei­nen Kri­ti­kern in Mün­chen zum ers­ten Mal mit Spott

Fo­to: Dal­der/Reu­ters

Was für ein Brül­ler! Die Tor­schüt­zen Tho­mas Mül­ler (links) und Ro­bert Le­wan­dow­ski be­ju­beln den Heim­sieg ge­gen Mainz.

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