„Mer­kel ist gut für die Stim­mung“

Der Ka­pi­tal­markt-Ex­per­te Mar­tin Lück über die Fol­gen mög­li­cher Wah­l­er­geb­nis­se für Ak­ti­en, den Eu­ro und Ren­ten­pa­pie­re

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT -

Herr Lück, po­li­ti­sche Bör­sen ha­ben kur­ze Bei­ne, heißt ein Sprich­wort un­ter Händ­lern. Gilt das auch für die an­ste­hen­de Bun­des­tags­wahl?

Ver­gli­chen mit den auf­re­gen­den Wah­len, die in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten in an­de­ren Län­dern statt­ge­fun­den ha­ben, könn­te man ver­sucht sein, die Bun­des­tags­wahl als Non-Event ab­zu­tun. Da­bei ist die Wahl kei­nes­wegs ir­re­le­vant. Denn sie hat das Po­ten­zi­al, wich­ti­ge Wei­chen für die kom­men­den vier Jah­re – viel­leicht so­gar dar­über hin­aus – zu stel­len. Das macht sie für die Ka­pi­tal­märk­te be­deut­sam.

Er­war­ten die Märk­te nicht, dass die CDU/ CSU wie­der stärks­te Kraft wird und An­ge­la Mer­kel Bun­des­kanz­le­rin bleibt?

An­ge­la Mer­kel ist in der güns­ti­gen Po­si­ti­on, ih­ren Her­aus­for­de­rer Mar­tin Schulz auf sich zu­kom­men zu las­sen. Das TV-Du­ell zwi­schen Mer­kel und SPD-Kan­di­dat Mar­tin Schulz galt ja viel­fach als letz­te Chan­ce des Her­aus­for­de­rers, in Um­fra­gen Bo­den gut­zu­ma­chen. Das ist je­doch nicht wirk­lich ge­lun­gen. In­so­fern hal­ten wir ei­ne er­neu­te gro­ße Ko­ali­ti­on für das wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio, ob­wohl CDU/CSU und SPD sie im Wahl­kampf na­tur­ge­mäß als nicht wün­schens­wert dar­stel­len. Die ein­zig denk­ba­re Al­ter­na­ti­ve, näm­lich ei­ne Ko­ali­ti­on der Uni­on mit FDP und Grü­nen, gilt zwar in­zwi­schen als ernst­haf­te Op­ti­on. Wir hal­ten sie we­gen vie­ler in­halt­li­cher Wi­der­sprü­che zwi­schen FDP und Grü­nen aber nicht für wahr­schein­lich.

Kri­ti­scher für die Märk­te wa­ren ver­mut­lich die Wah­len in den Nie­der­lan­den und in Frank­reich. Sind die Börsianer nach den fak­ti­schen Nie­der­la­gen der Rechts­po­pu­lis­ten we­ni­ger in Sor­ge?

In der Tat ha­ben die Wah­l­er­geb­nis­se in den Nie­der­lan­den und Frank­reich da­zu An­lass ge­ge­ben, dass An­le­ger die po­li­ti­schen Ri­si­ken in Eu­ro­pa in­zwi­schen ge­rin­ger ein­schät­zen. Das hat da­zu bei­ge­tra­gen, dass eu­ro­päi­sche Ak­ti­en in den Au­gen aus­län­di­scher An­le­ger an At­trak­ti­vi­tät ge­won­nen ha­ben. Wenn wir über Eu­ro­pa hin­aus­schau­en, gibt es aber durch­aus wei­ter­hin Ri­si­ken po­li­ti­scher Art, zum Bei­spiel was Nord­ko­rea an­geht.

Was wä­re bes­ser für den Ak­ti­en­markt: ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on oder ein Bünd­nis zwi­schen CDU/CSU und FDP?

His­to­ri­sche Da­ten zei­gen, dass deut­sche Ak­ti­en nach CDU/FDP-Wahl­sie­gen et­was bes­ser per­formt ha­ben. Da sich die gro­ßen Par­tei­en aber in­halt­lich in letz­ter Zeit stark an­ge­nä­hert ha­ben, dürf­te es aus Sicht der Ak­ti­en­märk­te kei­nen gro-

Cßen Un­ter­schied ma­chen, ob die Uni­on mit FDP oder SPD ko­aliert. Al­len­falls spricht das Ein­tre­ten der FDP für De­re­gu­lie­rung und we­ni­ger Staat da­für, dass In­ves­to­ren an­ge­sichts die­ses Sze­na­ri­os hö­he­re Ge­winn­erwar­tun­gen ein­prei­sen. Un­term Strich hal­ten wir aber die Re­le­vanz der Wahl für li­mi­tiert, was die Ak­ti­en­märk­te be­trifft. Die Wirt­schafts­la­ge hat sich auf­ge­hellt, die Stim­mung un­ter Ma­na­gern ist gut, die Er­werbs­tä­tig­keit ist hoch, die Ar­beits­lo­sig­keit nied­rig. Wür­de die­se Si­tua­ti­on von ei­nem Wahl­sieg der Uni­on ge­stützt? Ja, un­ter „Mer­kel IV“wür­de sich die gu­te Stim­mung ver­mut­lich hal­ten be­zie­hungs­wei­se wei­ter auf­hel­len. Die His­to­rie zeigt: Un­ter SPD-ge­führ­ten Re­gie­run­gen war die Stim­mung in Deutsch­lands Wirt­schaft we­ni­ger gut als im rest­li­chen Eu­ro­pa – um­ge­kehrt die Si­tua­ti­on bei CDU-ge­führ­ten Re­gie­run­gen. Wel­che Bran­chen oder Ak­ti­en wür­den am stärks­ten pro­fi­tie­ren, wenn die Christ­de­mo­kra­ten wie­der vor­ne lie­gen?

Seit Mer­kel im Amt ist, ge­hö­ren zy­kli­sche Wer­te wie die IT-Bran­che, der Ma­schi­nen­bau, der Roh­stoff­be­reich und der Fi­nanz­sek­tor zu den Ge­win­nern. Am an­de­ren En­de der Rang­lis­te sind Ver­sor­ger zu fin­den, die in der Ära Mer­kel stark un­ter der Ener­gie­wen­de lit­ten und zum Teil im­mer noch lei­den.

Wel­che Be­deu­tung hat die Bun­des­tags­wahl für den Ren­ten­markt?

Ein Tri­umph Mer­kels dürf­te im Lau­fe der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode da­für sor­gen, dass die Ren­di­ten deut­scher Staats­an­lei­hen we­ni­ger stark stei­gen als bei ei­nem SPD-Wahl­sieg. Grund da­für ist die zu er­war­ten­de Haus­halts­dis­zi­plin, die Emis­si­ons­tä­tig­keit und In­fla­ti­on ver­gleichs­wei­se ge­ring hal­ten dürf­te. Da­ge­gen könn­ten die Ri­si­ko­auf­schlä­ge süd­eu­ro­päi­scher An­lei­hen eher stei­gen, soll­te die FDP sich als Re­gie­rungs­par­tei für ei­nen Eu­ro-Aus­tritt Grie- chen­lands stark­ma­chen. Die Po­si­ti­on der Li­be­ra­len ge­gen­über Sü­d­eu­ro­pa ist här­ter als je­ne der CDU und SPD.

Wird der Eu­ro trotz oder auch we­gen der Wahl noch stär­ker? Bremst das dann mög­li­cher­wei­se die Kon­junk­tur in Eu­ro-Land?

Die Wahl dürf­te den Eu­ro-Dol­lar-Wech­sel­kurs lang­fris­tig kaum be­ein­flus­sen. Al­len­falls könn­te ein Wahl­sieg der SPD un­ter in­ter­na­tio­na­len An­le­gern, die nach zwölf Jah­ren an An­ge­la Mer­kel ge­wöhnt sind, ei­ne ge­wis­se Un­si­cher­heit her­vor­ru­fen, so­dass der Eu­ro un­ter ei­ner – ver­mut­lich kur­zen Schwä­che – lei­den könn­te.

Wel­che Be­deu­tung hat die Bun­des­tags­wahl für die EZB und die Geld­po­li­tik?

Die EZB agiert als un­ab­hän­gi­ge In­sti­tu­ti­on. In­so­fern könn­te man eher von ei­ner in­di­rek­ten Be­deu­tung spre­chen – et­wa in Be­zug auf die Haus­halts­dis­zi­plin der künf­ti­gen Bun­des­re­gie­rung, die auf die Emis­si­ons­tä­tig­keit bei deut­schen Staats­an­lei­hen und die In­fla­ti­on wirkt. Ers­te­re ist im Rah­men des Kauf­pro­gramms der EZB von Be­deu­tung, Letz­te­re ei­ne der Kenn­zah­len, auf die die EZB als Hü­te­rin der Geld­wert­sta­bi­li­tät be­son­ders schaut.

Soll­ten die SPD und Mar­tin Schulz doch das Ren­nen ma­chen – was hie­ße das für den Ka­pi­tal­markt?

Die­ses Sze­na­rio kä­me ei­ner gro­ßen Über­ra­schung gleich. Da­her wä­re wohl mit ei­ner sehr viel deut­li­che­ren Re­ak­ti­on am Markt zu rech­nen als im Fal­le ei­nes Mer­kel-Sie­ges. Der deut­sche Ak­ti­en­markt könn­te zu­nächst un­ter Ver­kaufs­druck ge­ra­ten. Die His­to­rie zeigt je­doch, dass deut­sche Ak­ti­en sich un­ter SPD-ge­führ­ten Bun­des­re­gie­run­gen lang­fris­tig nicht un­be­dingt schlech­ter ent­wi­ckel­ten als un­ter CDU-ge­führ­ten. Die Bran­chen Au­to­mo­bil, Bau­ge­wer­be, Phar­ma, Ein­zel­han­del, Ener­gie und Me­di­en schnit­ten un­ter SPD-Füh­rung his­to­risch be­trach­tet so­gar bes­ser ab.

Wenn der AfD und da­mit den Rechts­po­pu­lis­ten der Ein­zug in den Bun­des­tag ge­lingt, wür­de das den Ka­pi­tal­markt tref­fen?

Nein, da­von er­war­ten wir kei­ne si­gni­fi­kan­ten Aus­wir­kun­gen.

Black­rock ist für die Bör­se und Dax po­si­tiv ge­stimmt. An­fang Ju­li hiel­ten Sie für das Jah­res­en­de rund 13 000 Punk­te für mög­lich. Bleibt es trotz oder we­gen der Bun­des­tags­wahl bei die­ser Ein­schät­zung?

Un­ab­hän­gig vom Wahl­aus­gang blei­ben wir po­si­tiv für deut­sche Ak­ti­en. Ei­ne po­ten­zi­el­le Re­gie­rungs­be­tei­li­gung der FDP könn­te so­gar zu­sätz­li­chen Schwung ver­lei­hen. In­so­fern sind 13 000 Punk­te zum Jah­res­en­de nach wie vor mög­lich – vor­aus­ge­setzt, das Ma­kro-Um­feld bleibt so­li­de und die Ri­si­ken, die wir ein­gangs an­ge­spro­chen ha­ben, ent­wi­ckeln sich wie er­war­tet.

— Das Ge­spräch führ­te Rolf Obert­reis.

Fo­to: Frank Rumpenhorst/dpa

Ge­spannt. Auch an den Ka­pi­tal­märk­ten er­war­tet man mit Ge­las­sen­heit das Er­geb­nis der Bun­des­tags­wahl.

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