Aus der Welt ge­fal­len

Tho­mas Mid­del­hoffs Au­to­bio­gra­fie do­ku­men­tiert sei­ne Zeit im Ge­fäng­nis, Män­gel im Straf­voll­zugs­we­sen – und feh­len­de Ein­sicht

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Ma­ris Hub­schmid

Den Mor­gen des Ta­ges, der sein Le­ben für im­mer ver­än­dern wird, er­in­nert Tho­mas Mid­del­hoff sehr ge­nau. Den Blick aus dem Fens­ter, die Wahl der Kra­wat­te, ver­trau­te Stim­men und Ge­räu­sche, die aus dem Erd­ge­schoss nach oben drin­gen, wo er sich für die an­ste­hen­de Ur­teils­ver­kün­dung be­reit macht. Mit „Hei­le Welt“hat der ehe­ma­li­ge Top­ma­na­ger das Ka­pi­tel über­schrie­ben, es soll deut­lich ma­chen, wie tief er an je­nem Tag stür­zen wird: aus ei­nem Kos­mos der Ge­bor­gen­heit und des Un­be­schwert­seins hin­ein in ein fins­te­res Loch. Schon in die­sen Schil­de­run­gen aber wird deut­lich, wie weit die­ser Kos­mos sich von der Le­bens­wirk­lich­keit an­de­rer ent­fernt hat­te. „Un­ten wird be­reits das Früh­stück für die Fa­mi­lie vor­be­rei­tet.“Nicht nur Frau und Kin­der war­ten „auf ih­ren an­ge­stamm­ten Plät­zen“, son­dern of­fen­kun­dig auch di­ver­se pri­va­te An­ge­stell­te, die ihm Ak­ten und To-do-Lis­ten an­rei­chen, ihn chauf­fie­ren. Noch im Ge­richts­ge­bäu­de er­le­digt er ge­schäft­li­che E-Mails und Te­le­fo­na­te. Der Ter­min: ein läs­ti­ger Zeit­fres­ser of­fen­bar für ei­nen wich­ti­gen Mann wie ihn.

Als Mid­del­hoff am 14. No­vem­ber 2014 we­gen Un­treue und Steu­er­hin­ter­zie­hung zu drei Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wird, über­rascht die­ses Ur­teil das Land – ob sei­ner Här­te. Ihn sel­ber über­rascht es wohl in Gän­ze. „Für al­le schien die Ur­teils­ver­kün­dung ei­ne rei­ne For­ma­lie zu sein. An ei­nem Frei­spruch gab es nicht den ge­rings­ten Zwei­fel.“

Es ist das gro­ße Man­ko sei­ner nun er­schie­ne­nen Au­to­bio­gra­fie, dass ihm die­se Über­ra­schung of­fen­bar bis heu­te er­hal­ten ge­blie­ben ist. Auf kei­ner der 291 Sei­ten des Bu­ches ge­steht er wirk­lich Feh­ler in sei­ner Funk­ti­on als Chef des zu­grun­de ge­gan­ge­nen Kon­zerns Ar­can­dor ein. „We­gen an­geb­lich vor­sätz­lich falsch ab­ge­rech­ne­ter 27 Flü­ge bin ich zu drei Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wor­den“, for­mu­liert er, zugleich be­haup­tet er, Rei­sen pri­vat ge­zahlt zu ha­ben, die er hät­te ein­rei­chen kön­nen – ei­ne „Patt­si­tua­ti­on“. War­um al­so die Auf­re­gung? An­an­de­rer Stel­le heißt es, „in­ner­halb we­ni­ger St­un­den bin ich von ei­nem in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Ma­na­ger zu ei­nem ver­meint­li­chen Schwer­ver­bre­cher ge­wor­den.“Dass die­ser Wan­del sei­nen An­fang weit frü­her ge­nom­men ha­ben könn­te, das will er nicht wahr­ha­ben.

In ei­nem sind sich Mid­del­hoff und sei­ne Be­ob­ach­ter je­den­falls ei­nig: Ge­stürzt ist er – und so heißt sein Buch kon­se­quent „Der Sturz“, ver­bun­den mit „A115“, der Num­mer je­ner Zel­le, in der er in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Es­sen ein­ge­ses­sen hat. Folgt man Mid­del­hoffs Darstel­lung, ist er je­doch we­ni­ger über sein ei­ge­nes Fehl­ver­hal­ten ge­stürzt, als dass er ge­stürzt wur­de – ei­ne gro­ße Ver­schwö­rung von Me­di­en, Jus­tiz, ja selbst ehe­ma­li­gen Kol­le­gen und Freun­den. „Will­kür“, „Op­fer“oder auch „Bau­ern­op­fer“sind gern ge­wähl­te Be­grif­fe, der 62-Jäh­ri­ge pran­gert „ge­dan­ken­lo­se Ur­tei­le“an, die un­re­flek­tiert und ge­trie­ben sei­en von Po­pu­lis­mus, Neid und Scha­den­freu­de. Man ha­be ihn „öf­fent­lich hin­ge­rich­tet“, ei­ne „Hetz­jagd“ver­an­stal­tet.

Das eins­ti­ge Wun­der­kind der deut­schen Wirt­schaft rech­net ab mit Rich­tern, Weg­ge­fähr­ten wie Ma­de­lei­ne Schi­cke­danz („sie lügt“) oder auch der da­ma­li­gen Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Bri­git­te Zy­pries, die An­zei­ge er­stat­te­te. Schwer er­träg­lich ist die­se feh­len­de Be­reit­schaft zur Ein­sicht. Wer hat Schuld an sei­ner In­haf­tie­rung? Zual­ler­erst der An­walt Win­fried Hol­ter­mül­ler, des­sen Wahl er ei­nen „fa­ta­len Feh­ler“nennt, die Ban­ken, die Kon­ten blo­ckie­ren, und nicht zu­letzt auch der Chauf­feur, der ver­se­hent­lich den fal- schen, ab­ge­lau­fe­nen Rei­se­pass ins Ge­richt bringt – wes­halb man Mid­del­hoff, so fol­gert er, Flucht­ab­sich­ten un­ter­stellt.

Schwer er­träg­lich sind aber auch die Zu­stän­de in der Haft­an­stalt, die Mid­del­hoff be­schreibt – und dar­in liegt die Stär­ke die­ses Buchs. Zwei­fel­los be­dient es ei­nen ge­wis­sen Voy­eu­ris­mus: Wie die frü­he­re Glanz­ge­stalt noch im Saal ver­haf­tet, zu­nächst in den Kel­ler und von dort ins Ge­fäng­nis ge­führt wird, das ver­schafft wohl nicht nur ehe­ma­li­gen Kar­stadt-An­ge­stell­ten ei­ne ge­wis­se Ge­nug­tu­ung. Be­mer­kens­wert de­tail­reich und scho­nungs­los schil­dert Mid­del­hoff Prak­ti­ken und Miss­stän­de in der JVA. We­ni­ge St­un­den zu­vor noch im Fond ei­ner Li­mou­si­ne, muss er sich kom­plett aus­zie­hen: „Mei­ne An­zug­ja­cke le­ge ich sorg­fäl­tig auf ei­nen klei­nen weiß ge­ka­chel­ten Mau­er­vor­sprung. Der Häft­ling greift nach ihr und stopft sie in ei­nen gro­ßen blau­en Müll­sack“. Der Le­ser ist da­bei, wenn sein Kör­per auf ver­steck­te Ge­gen­stän­de hin un­ter­sucht wird, durch­wacht mit Mid­del­hoff Näch­te oh­ne Schlaf, weil al­le 15 Mi­nu­ten das Licht an­ge­schal­tet wird, um zu kon­trol­lie­ren, ob er noch lebt. Er friert bei ein­stel­li­gen Tem­pe­ra­tu­ren hin­ter ein­fach ver­glas­ten Fens­tern. Und muss schließ­lich ganz auf Frisch­luft ver­zich­ten, weil die An­stalts­mit­ar­bei­ter in den ein­stün­di­gen Hof­gän­gen ein zu gro­ßes Ri­si­ko se­hen, nach­dem wech­seln­de In­sas­sen­grup­pen ihm „ih­ren Schutz“an­ge­bo­ten ha­ben. Al­so sitzt Mid­del­hoff am Tisch, schreibt Ta­ge­buch und Brie­fe, die in die­ser Welt ei­ne Lauf­zeit von vier bis fünf Wo­chen ha­ben. „Die über­for­der­te Ka­na­li­sa­ti­on der Haft­an­stalt för­dert nicht sel­ten das wie­der hoch, was der Zel­len­nach­bar kurz zu­vor ab­ge­spült hat.“Als Mid­del­hoff an ei­ner Au­to­im­mun­krank­heit er­krankt, tut ein Amts­arzt die fort­schrei­ten­den Sym­pto­me wie­der­holt un­be­se­hen als Fuß­pilz ab.

Wohl sel­ten be­kommt man sol­che In­nen­an­sich­ten aus dem Knas­tall­tag. Da wird durch­aus Mit­leid wach. Es wä­re an­hal­ten­der, fie­len nicht die In­nen­an­sich­ten des Men­schen so ein­sei­tig aus. Im­mer­hin re­flek­tiert er am En­de: He­do­nis­mus sei ei­ne Trieb­fe­der sei­nes Han­delns ge­we­sen. Die Rol­le des Top­ma­na­gers ha­be er „zu­neh­mend selbst­ver­liebt“aus­ge­füllt.

Ge­nug Mit­leid, kei­ne Fra­ge, hat Tho­mas Mid­del­hoff den­noch mit sich selbst. Hän­de zit­tern, das Herz schmerzt, Trä­nen flie­ßen, die Fa­mi­lie ist trau­ma­ti­siert. Nicht nur die im Buch ab­ge­druck­ten Fo­tos von blau an­ge­lau­fe­nen, ge­schwol­le­nen Glied­ma­ßen ma­chen deut­lich, dass Mid­del­hoff wohl sei­nen Stolz be­wahrt, aber je­de Scham ver­lo­ren hat. „Der Sturz“ist lar­mo­yant, wei­ner­lich und be­weist, dass der Über- und Viel­flie­ger „Big T“auch im Leid noch grö­ßen­wahn­sin­nig ist. So ver­gleicht er sei­ne Si­tua­ti­on mit der von Fol­ter­op­fern in Guan­ta­na­mo und der des Theo­lo­gen Dietrich Bon­hoef­fer in sei­ner To­des­zel­le, be­vor ihn die Na­zis er­mor­de­ten. Mehr­fach stellt er Zi­ta­te aus Kaf­kas „Der Pro­zess“vor­an.

Im Ge­fäng­nis ha­be er zum Glau­ben ge­fun­den – und sei ein an­de­rer Mensch ge­wor­den, be­schei­nigt er sich selbst. Si­cher ist es wahr, dass er die streng ra­tio­nier­ten Vor­rä­te an Kn­ab­be­rei­en groß­zü­gig mit Mit­häft­lin­gen teil­te. Auf­rich­ti­ger noch wä­re die­se Selbst­lo­sig­keit, wür­de er sie nicht wie­der und wie­der aus­wal­zen.

Nächs­ten­lie­be ist das ei­ne. Ver­ge­bung das an­de­re. Da­von aber kann hier kei­ne Re­de sein. Die­ses Buch strotzt vor Vor­wür­fen. Ver­söh­nung sucht es nicht.

Er ver­gleicht sei­ne Si­tua­ti­on mit der Dietrich Bon­hoef­fers

Fo­tos: Mar­cel Kusch, Hen­drik Schmidt/dpa

Sei­ne per­sön­li­che Last. Tho­mas Mid­del­hoff sieht sich als Op­fer von Jus­tiz und In­tri­gen.

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