Ge­trie­ben, ge­fei­ert, ge­feu­ert

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT -

In ei­ner bei­spiel­lo­sen Kar­rie­re steigt Tho­mas Mid­del­hoff 1998 mit nur 45 Jah­ren zum Vor­stands­vor­sit­zen­den der Ber­tels­mann AG auf. Ein Mil­li­ar­den­deal mit AOL bringt ihm viel An­se­hen. Die Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie Mohn trennt sich 2002 den­noch von ihm, wohl weil sie Zwei­fel an Bör­sen­plä­nen und der über­nah­me­ge­trie­be­nen Wachs­tums­stra­te­gie ih­res Qua­si-Zieh­soh­nes hegt. Nach ei­nem Gast­spiel in London holt Qu­el­le-Er­bin Ma­de­lei­ne Schi­cke­danz Mid­del­hoff 2004 zur strau­cheln­den Kar­stadt­Qu­el­le-AG, de­ren Vor­stands­vor­sit­zen­der er wird. Mid­del­hoff tauft das Un­ter­neh­men in Ar­can­dor um. Un­ter sei­ner Re­gie ge­rät es zu­neh­mend in Geld- not. 2009 geht Mid­del­hoff mit Mil­lio­nen­ab­fin­dung, kurz dar­auf mel­det Ar­can­dor Insolvenz an. An­dern­falls wä­ren die vie­len Un­ge­reimt­hei­ten bei Abrech­nun­gen wohl nie auf­ge­fal­len, die die Er­mitt­ler Mid­del­hoff schließ­lich zur Last le­gen. Un­ter an­de­rem soll er teu­re Pri­vat­flü­ge in Char­ter­ma­schi­nen mit Fir­men­geld be­zahlt ha­ben. Auch ei­ne von ihm in­iti­ier te Fest­schrift für sei­nen lang­jäh­ri­gen För­de­rer und Ber­tels­mann-Chef Mark Wöss­ner schlug mit 180 000 Eu­ro zu Bu­che. Der Ge­samt­scha­den wird auf 485 000 Eu­ro be­zif­fert. Et­li­che wei­te­re Vor­wür­fe zeu­gen von De­ka­denz und man­geln­der Sen­si­bi­li­tät: Über den Ab­bau tau­sen­der Stel­len ent­schied er beim Vor­stands-Trip ins lu­xu- riö­se Saint-Tro­pez, zu dem er ge­la­den hat­te. An ei­nem Wo­che­n­en­de in New York soll er 90 000 Eu­ro Spe­sen ver­ur­sacht ha­ben, wäh­rend er Kar­stadts Mit­ar­bei­tern das Weih­nachts­geld strich.

Bei der Ur­teils­ver­kün­dung sagt der Vor­sit­zen­de Rich­ter Jörg Sch­mitt, Mid­del­hoff sei an ent­schei­den­den Stel­len im Ver­fah­ren nicht ehr­lich ge­we­sen.

Zum Teil ha­be er dem Ge­richt „aben­teu­er­li­che Er­klä­run­gen“ge­lie­fert. Am 31. März 2015 be­an­tragt Mid­del­hoff aus dem Ge­fäng­nis her­aus Pri­vat­in­sol­venz. We­gen ei­ner schwe­ren Au­to­im­mun­krank­heit darf er sei­ne Rest­stra­fe nach fünf Mo­na­ten ge­schlos­se­nem Voll­zug als Frei­gän­ger ab­sit­zen. Die Kau­ti­on in

Eu­ro stem­men Fa­mi­li­en­mit­glie­der und Freun­de – auch Wöss­ner be­tei­ligt sich. Wie er be­tont, nicht dem eins­ti­gen Günst­ling zu­lie­be, son­dern nur Frau und Kin­dern. „Hät­te ich das ge­wusst, ich wä­re lie­ber im Ge­fäng­nis ge­blie­ben“, schreibt Mid­del­hoff. Tags­über ar­bei­tet der Ex-Ma­na­ger in ei­ner Ein­rich­tung der Be­hin­der­ten­werk­stät­ten Be­thel. Sei­ne Ehe ist ge­schei­tert. Trotz al­lem füh­le er sich stär­ker als je zu­vor.

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