Das Tier, dem et­was fehlt

Was ist der Mensch? Ein Le­be­we­sen, das et­was ver­lo­ren hat oder um­ge­kehrt an ei­nem Über­schuss lei­det? An­mer­kun­gen zur An­thro­po­lo­gie, mit Blick auf den Phi­lo­so­phen Hel­muth Pless­ner / Von Pe­ter Slo­ter­di­jk

Der Tagesspiegel - - KULTUR -

*** s ist gu­ter Brauch, bei der Ent­ge­gen­nah­me ei­nes Prei­ses, der nach ei­ner il­lus­tren Per­sön­lich­keit be­nannt ist, den Na­mens­ge­ber in die Dan­kes­wor­te des Lau­rea­ten ge­büh­rend ein­zu­schlie­ßen. Auch die­se Kon­ven­ti­on soll hier be­folgt wer­den, mit der Nuan­ce, dass der Pa­tron des Prei­ses nicht in je­dem Satz auf­ge­ru­fen wird; viel­mehr soll er über­wie­gend durch die Ein­bet­tung sei­nes Werks in wei­te­re Zu­sam­men­hän­ge ge­wür­digt wer­den.

Man könn­te die­ses Ver­fah­ren die Kon­stel­la­ti­ons-Me­tho­de nen­nen, bei der man von der Wort­laut-Ebe­ne so weit zu­rück­tritt, dass die Schrift­zü­ge des Au­tors eben noch les­bar sind, in­des­sen sei­ne The­sen als Ele­men­te in ei­nem Stern­bild ähn­li­cher Äu­ße­run­gen her­vor­tre­ten, ja zu leuch­ten be­gin­nen als Punk­te in ei­ner Ga­la­xie aus sinn­ver­wand­ten Sät­zen.

Die Ent­de­ckung Pless­ners ge­schah für mich, als ich mit sei­nen Bei­trä­gen zur phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie be­kannt wur­de. Von da an hat­te ich den Um­riss sei­ner geis­ti­gen Gestalt als gan­zer vor Au­gen; ich wuss­te nun, dass man es mit ei­nem Gro­ßen un­ter den Den­kern des 20. Jahr­hun­derts zu tun hat­te – zu­dem mit ei­nem, der nicht he­roi­sche Po­sen an­neh­men muss­te, um An­spruch auf Be­deut­sam­keit zu re­kla­mie­ren. Dies ist der Pless­ner der Stu­fen des Or­ga­ni­schen und der Mensch, der Pless­ner der Schrif­ten zur „Con­di­tio hu­ma­na“, der Pless­ner von „La­chen und Wei­nen“. Es er­üb­rigt sich, hier nä­her zu er­klä­ren, war­um mir Pless­ners The­sen zur ex­zen­tri­schen Po­si­tio­na­li­tät des Men­schen be­son­ders ein­leuch­te­ten.

Wie soll­te man nicht von ei­ner Theo­rie an­ge­zo­gen sein, die das Phä­no­men der Mar­gi­na­li­tät auf die höchst­mög­li­che Stu­fe hob, in­dem sie den Men­schen prin­zi­pi­ell zu ei­ner Rand­exis­tenz der Tier­welt, ja zu ei­nem on­to­lo­gi­schen Aus­stei­ger er­klär­te?

EWäh­rend man in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen über den „Ver­lust der Mit­te“la­men­tier­te, un­ter­zog Pless­ners Re­fle­xi­on den vor­geb­li­chen Ver­lust ei­ner ent­schie­de­nen Neu­tra­li­sie­rung. Sie er­läu­ter­te den Nach­teil der Ex­zen­trie­rung als den Vor­teil, an kei­ne Mit­te an­ge­pflockt zu sein, und mach­te aus dem­po­si­tio­nel­len Au­ßer-sich­sein des Men­schen sein we­sent­li­ches Be­stim­mungs­merk­mal.

Die Frei­mü­tig­keit des Ma­nö­vers er­in­nert an die Kühn­hei­ten von Kant und Schil­ler, die bei­de den bi­bli­schen My­thos von der Ver­trei­bung Evas und Adams aus dem Pa­ra­dies kalt­blü­tig ins Po­si­ti­ve ge­wen­det hat­ten: Sie scheu­ten sich nicht, die Ge­burt der Kul­tur aus dem Geist der Un­be­quem­lich­keit zu ze­le­brie­ren, ja, sie lob­ten den En­gel mit dem Schwert, der die Ur­el­tern der Mensch­heit aus dem Halb­schlaf des gleich­mä­ßi­gen Glücks ver­jag­te. Als sich die Tü­ren des Pa­ra­die­ses hin­ter den Flüch­ten­den schlie­ßen, fängt die Ge­schich­te der Frei­heit an. In den im­mer­wäh­ren­den Tro­pen des Wohl­be­fin­dens wä­re der Mensch nie und nim­mer zu Fleiß und In­dus­trie oder zu Wis­sen­schaft und Waf­fen­lärm er­wacht.

Es spricht ei­ni­ges da­für, die bi­bli­sche Er­zäh­lung vom Pa­ra­dies­ver­lust als den ei­gent­li­chen An­fang der ok­zi­den­ta­len Re­den vom Men­schen zu be­zeich­nen. Sie stellt ge­wiss noch kei­ne An­thro­po­lo­gie im be­stimm­te­ren Sinn des Worts dar, doch setzt sie gleich am An­fang den Ak­zent auf den Um­stand, dass der Mensch ein We­sen sei, das ei­nen frü­hen Orts­wech­sel zu über­ste­hen hat­te. Man kann sei­ne La­ge nicht wür­di­gen, wenn man nicht auf das Trau­ma ei­nes ur­sprüng­li­chen Um­zugs Rück­sicht nimmt: In sei­ne Psy­che ist ei­ne to­po-

Flo­gi­sche Dif­fe­renz ein­ge­prägt, die von Pa­ra­dies und Nicht-Pa­ra­dies – ei­ne Dif­fe­renz, die bei den ein­zel­nen ei­ne mehr oder we­ni­ger tie­fe Nar­be bil­det. Der Mensch ist das Le­be­we­sen, das et­was ver­lo­ren hat. Als ei­ner, der den Ver­lust spürt, bleibt er kon­sti­tu­tio­nell su­chend, und wenn nicht mehr su­chend, oft Beu­te von De­pres­si­on.

Von die­sen Über­le­gun­gen aus­ge­hend möch­te ich im Fol­gen­den an ei­ni­ge Mo­ti­ve alt­eu­ro­päi­scher Re­den vom Men­schen er­in­nern, von de­nen sich cum gra­no sa­lis sa­gen lässt, dass sie die Pless­ner’sche Denk­fi­gur der ex­zen­tri­schen Po­si­tio­na­li­tät vor­weg­neh­men, um­spie­len, va­ri­ie­ren, am­pli­fi­zie­ren und be­stä­ti­gen. Es ge­hört zu den Merk­ma­len der phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie, nicht zu ori­gi­nell sein zu wol­len. Ge­ra­de für sie komm­tes dar­auf an, im Kon­ti­nu­um des im­pli­zi­ten und all­täg­li­chen Wis­sens von ih­rem „Ge­gen­stand“(im Idea­lis­mus hät­te man ge­sagt: von ih­rem „Sub­jekt-Ob­jekt“) zu ver­blei­ben.

Die meis­ten Re­den vom Men­schen kom­men von al­ten Ta­gen an dar­in über­ein, dass sie in ihm das Tier se­hen, dem et­was fehlt. So­bald man sich be­reit macht, über den Men­schen ei­ne all­ge­mei­ne Aus­sa­ge zu tref­fen, ist man schon auf das Ter­rain der An­thro­po-Pa­tho­lo­gie ge­ra­ten. Ich möch­te mei­ne The­se, wo­nach die all­ge­mei­ne­ren Re­den vom Men­schen von al­ters her an­thro­po-pa­tho­lo­gisch an­ge­legt sind, al­so mit Blick auf das Män­gel­we­sen Mensch, un­ter Be­ru­fung auf ei­ni­ge Zeu­gen aus An­ti­ke und Neu­zeit il­lus­trie­ren – na­ment­lich So­pho­kles, Pla­ton, Au­gus­ti­nus, Cu­sa­nus, Her­der. Mit ei­ni­gen kur­zen Wor­ten zu Pless­ners Stel­lung im Kreis zeit­ge­nös­si­scher Kol­le­gen wie Max Scheler, Ernst Cas­si­rer und Ar­nold Geh­len möch­te ich dann zum Schluss kom­men.

Ei­ne wich­ti­ge Etap­pe des flüch­ti­gen Par­cours, der Pless­ners Theo­rem von der ex­zen­tri­schen Po­si­tio­na­li­tät des Men­schen in ei­nen ide­en­his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang plat­zie­ren soll, führt – un­um­gäng­lich – zu Pla­ton. Er ist der Fürst der ewi­gen An­thro­po-Pa­tho­lo­gie, so­fern er den Men­schen als das We­sen be­schreibt, das das Bes­te ver­ges­sen hat. Bei ihm fin­den wir die Wur­zeln der Ent­frem­dungs­theo­ri­en, oh­ne die die alt­eu­ro­päi­sche Ide­en­ge­schich­te nicht zu den­ken wä­re.

Die fast un­wi­der­steh­li­che Über­zeu­gungs- oder Ver­füh­rungs­kraft pla­to­ni­scher Denk­wei­sen, wie sie sich in un­se­rem Welt­kreis seit zwei­ein­halb­tau­send Jah­ren ma­ni­fes­tier­te, wenn auch seit rund zwei­hun­dert Jah­ren mit ge­schwäch­ter Wir­kung, be­ruht auf ei­ner Ver­schmel­zung von idea­lis­ti­scher Lo­gik und er­ha­be­ner Ero­tik. Sie sug­ge­riert, man kön­ne sich durch kon­se­quen­tes Den­ken und be­son­ne­nes Lie­ben von der Krän­kung des Ge­bo­r­en­seins er­ho­len.

Für lan­ge Zeit liegt das Kon­zept „Erb­sün­de“über al­len alt­eu­ro­päi­schen De­bat­ten, die con­di­tio hu­ma­na be­tref­fend. Die christ­li­che Spra­che hat die Zü­gel fest in der Hand, wenn es gilt, zu sa­gen, was mit de­mMen­schen nicht stimmt. VonAu­gus­ti­nus bis Lu­ther und Cal­vin folgt die alt­eu­ro­päi­sche An­thro­po-Pa­tho­lo­gie durch zahl­lo­se Va­ria­tio­nen hin­durch dem glei­chen Sche­ma. Der Mensch, un­heil­bar kor­rupt, kann sich durch kei­ne ir­di­sche Kur sa­nie­ren; sei­ne ei­ge­ne An­stren­gung ist ein not­wen­di­ges Mit­tel zu­mHeil, aber kein zu­rei­chen­des. Er muss durch ei­nen Wun­der­arzt von oben ge­ret­tet wer­den. Des­sen The­ra­pie heißt Er­wäh­lung zur Mit­glied­schaft in der Schar der Er­lös­ba­ren. Die Kir­che ist die Vor­hal­le zur Ge­mein­schaft der Hei­li­gen; ob je­mand bis zur Haupt­hal­le vor­dringt, bleibt un­ge­wiss.

Als schließ­lich in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts die um­fang­rei­chen Sprach­spie­le auf­tauch­ten, die wir bis heu­te der neu­en Grup­pe der „An­thro­po­lo­gie“zu­rech­nen, blickt das alt­eu­ro­päi­sche Ge­spräch über den Men­schen auf ei­ne mehr als zwei­tau­send­jäh­ri­ge Tra­di­ti­on an­thro­po-pa­tho­lo­gi­scher Aus­sa­gen zu­rück. Her­der, ne­ben Kant ei­ner der Grün­der­vä­ter der neu­en Dis­zi­plin, kann sich in sei­nen Über­le­gun­gen zum Ur­sprung der Spra­che und zur Uni­ver­sal­ge­schich­te der Mensch­heit auf ein Ar­chiv von Äu­ße­run­gen stüt­zen, die die Kran­ken­ak­te des ho­mo sa­pi­ens bil­den.

Das Kom­pen­sa­ti­ons-Ar­gu­ment bil­det den ro­ten Fa­den, der über die Epo­chen hin­weg Prot­ago­ras mit Her­der, Freud und Geh­len ver­bin­det. Sie al­le re­den als An­thro­po-Pa­tho­lo­gen, die im Men­schen an ers­ter Stel­le das Merk­mal der bio­lo­gi­schen Schwä­che er­ken­nen. Dar­auf­hin ent­wi­ckeln sie die An­nah­me, wo­nach die ur­sprüng­li­che Wehr­lo­sig­keit sich in ei­ne be­denk­li­che Kraft zum Ge­gen­an­griff ver­wan­delt. Hier­durch wird den tra­di­tio­nel­len Lei­den des Men­schen an sei­ner Ohn­macht ein Un­be­ha­gen an den Fol­gen sei­ner Über­macht hin­zu­ge­fügt.

Nun nä­hern wir uns dem kri­ti­schen Au­gen­blick, in dem sich der Sinn der Pless­ner’schen Zä­sur in­ner­halb der Re­den vom Men­schen im All­ge­mei­nen ver­deut­li­chen lässt. Mit sei­ner Wen­dung von der „ex­zen­tri­schen Po­si­tio­na­li­tät“des Men­schen­we­sens scheint er fürs ers­te zwar an den Sprach­spie­len an­zu­knüp­fen, die den Men­schen kenn­zeich­nen als das We­sen, dem et­was fehlt. Gleich­wohl macht es die pro­duk­ti­ve Am­bi­va­lenz des Ex­zen­trik-Be­griffs aus, dass er of­fen­lässt, ob er von ei­ner „Krea­tur“spricht, die vom Man­gel ge­zeich­net ist, oder ob er nicht viel­mehr von ei­nem We­sen re­det, das Mü­he hat, mit ei­nem in ihm selbst an­ge­leg­ten Über­schuss zu­recht­zu­kom­men.

Ich wür­de so weit ge­hen zu be­haup­ten, nach Feu­er­bach ha­be Pless­ner den zwei­ten Schritt zur Re-In­ter­pre­ta­ti­on der Tran­szen­denz ge­tan. Wäh­rend Feu­er­bach mit ei­ni­gem Pa­thos zei­gen woll­te, wie der bis­he­ri­ge Mensch das Summum sei­nes ei­ge­nen We­sens an den Him­mel pro­ji­zier­te, um sich da­nach vor den fi­xier­ten Re­sul­ta­ten sei­ner Pro­jek­tio­nen zu ver­beu­gen, be­gnügt sich Pless­ner mit dem Nach­weis, wie der Mensch sein über­schüs­si­ges Po­ten­ti­al ge­wis­ser­ma­ßen ne­ben sich in die Ebe­ne pro­ji­ziert. Er ent­deckt, gleich­sam bei­läu­fig, ei­ne zwei­te Tran­szen­denz, de­ren Di­men­si­on die Wei­te ist. Sie wird durch den Am­bi­tus der Selbst­re­fle­xi­on be­stimmt; in ihr kann der Mensch aus nä­he­rem oder grö­ße­rem Ab­stand auf sich zu­rück­kom­men.

In die­sem Sinn wä­re zu sa­gen, die phi­lo­so­phi­sche An­thro­po­lo­gie Pless­ner’schen Stils sei ei­ne Theo­rie der Ho­ri­zon­tal­tran­szen­denz. Als We­sen in ex­zen­tri­scher Po­si­ti­on wird der Mensch sich selbst zum Pro­blem, weil er nicht wie die Chris­tusKu­gel ge­ra­de auf sein Ziel zu­rol­len kann, son­dern wie die tor­keln­de Ku­sa­nus-Ku­gel sich in Sei­ten­be­we­gun­gen ver­liert.

Nach dem Pa­ra­dies: Schon die Bi­bel er­zählt vom Trau­ma ei­nes frü­hen Orts­wech­sels Pless­ners Werk me­di­tiert über die Selbst­frag­wür­dig­keit des Men­schen

Sol­che Mög­lich­kei­ten la­te­ra­ler Eva­sio­nen und ih­rer Kor­rek­tu­ren sind ge­meint, wenn ge­sagt wird, der Mensch „lebt“nicht ein­fach da­hin, er muss sein Le­ben „füh­ren“. Er ist nicht not­wen­di­ger­wei­se „nach oben“ori­en­tiert, wie man in me­ta­phy­si­schen Kon­tex­ten sa­gen wür­de, er tran­szen­diert in die Wei­te der na­he­lie­gen­den und fern­lie­gen­den Zo­nen auf sei­ner ei­ge­nen Ebe­ne. La­pi­dar ge­spro­chen; Ster­ben (noch oben) ist gut, ler­nen (in der Ebe­ne) ist bes­ser.

Pless­ners Werk ist ei­ne ein­zi­ge Me­di­ta­ti­on über die Selbst­frag­wür­dig­keit, die der Mensch im Stress des Da­sein-Sol­lens ent­deckt. Sei­ne Auf­ga­be ist es, den Riss im Kreis mit Mit­teln zu hei­len, die in der Vor­läu­fig­keit zu fin­den sind.

Es schie­ne mir un­pas­send, woll­te ich hier die Stel­lung mei­ner Ar­bei­ten zu de­nen der klas­si­schen Wer­ke der phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie aus­führ­li­cher er­läu­tern. Wer sich mit mei­nen Schrif­ten be­fasst hat, na­ment­lich mit der „Sphä­ren“Tri­lo­gie, wird wis­sen, dass ich dar­auf ver­zich­tet ha­be, vom „Men­schen“in di­rek­ter Re­de zu spre­chen – die Zeit sol­cher pa­the­ti­schen Kol­lek­tiv-Sin­gu­la­re scheint mir vor­über zu sein. Die Hel­den mei­ner Ge­schich­te sind die Räu­me – nicht Räu­me im Sin­ne der geo­me­tri­schen Lehr­bü­cher, der Ka­tas­ter und der po­li­ti­schen Geo­gra­fie, son­dern die Räu­me, die durch die Ein­woh­nung von Men­schen in ih­nen auf­ge­hen. Sie wer­den von ih­ren Ein­woh­nern ge­formt und for­men ih­re Ein­woh­ner. Wenn mei­ne Ar­beit in der Ge­schich­te der phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie ei­nen Pa­ra­gra­fen ver­dient, der das Werk der ge­nann­ten Au­to­ren, so­weit man sie als „Vor­gän­ger“ an­se­hen kann, wei­ter­schreibt, so viel­leicht, weil mein The­ma „Raum und Mensch“tat­säch­lich die­sem Ty­pus von Theo­rie­bil­dung an­ge­hört, so na­he wie mög­lich, so ent­fernt wie nö­tig.

Das „Sphä­ren­werk“bil­det kein neu­es Ka­pi­tel in der Tra­di­ti­on der alt­eu­ro­päi­schen An­thro­po-Pa­tho­lo­gie. In ihm er­scheint der Mensch nir­gend­wo als Män­gel­we­sen. Es ist ein We­sen, das un­ter For­mat­span­nung steht. Wäh­rend die klas­si­sche Re­de vom Men­schen ihn als ein We­sen por­trai­tiert, das zu we­nig hat und da­zu ver­ur­teilt ist, den Man­gel zu kom­pen­sie­ren, er­scheint er in mei­nen Be­schrei­bun­gen als ein Ge­schöpf, das im Zu­viel zu Hau­se ist - und oft nicht weiß, wo­hin es sei­nen Über­schuss ab­ge­ben soll.

Um dies am na­he­lie­gends­ten Bei­spiel zu er­läu­tern: An die­sem Abend weiß ich nicht recht, wo­hin mit mei­nem Dank. Ich hal­te mich na­tur­ge­mäß zu­nächst an die na­he­lie­gen­den Adres­sen: die Hel­mu­t­hP­less­ner Ge­sell­schaft und die Stadt Wies­ba­den, aber sei­en Sie ver­si­chert, mei­ne Da­men­un­dHer­ren, der Dank zieht ei­nen wei­te­ren, ver­mut­lich ex­zen­tri­schen Kreis.

Fo­to: Mau­ri­ti­us/ Paul Fe­arn

Zum zwei­ten Mal wur­de An­fang Sep­tem­ber der mit 20 000 Eu­ro do­tier­te Hel­muth Pless­ner Preis der Stadt Wies­ba­den ver­lie­hen – an Pe­ter Slo­ter­di­jk. Mit Hel­muth Pless­ner, Sohn der Stadt, der am 4. Sep­tem­ber 125 Jah­re alt ge­wor­den wä­re, wird das Werk ei­nes der be­deu­tends­ten Phi­lo­so­phen und So­zio­lo­gen des 20. Jahr­hun­derts ge­wür­digt. Des­sen Ar­bei­ten er­fah­ren dank des bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ments Ein­zel­ner, der groß­zü­gi­gen Ges­te der Stadt, so­wie dem Be­mü­hen der 1999 ge­grün­de­ten Hel­muth Pless­ner Ge­sell­schaft zu­neh­men­de Auf­merk­sam­keit. Dies be­trifft Pless­ners Bei­trä­ge zur phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie und ins­be­son­de­re sei­ne Schrif­ten „Die ver­spä­te­te Na­ti­on“, „Gren­zen der Ge­mein­schaft“so­wie „La­chen und Wei­nen“. Wir dru­cken Slo­ter­di­jks Dan­kes­re­de hier in ei­ner ge­kürz­ten Ver­si­on, mit herz­li­chem Dank für die Ab­druck­ge­neh­mi­gung. Selbst­re­fle­xi­on und Tran­szen­denz.

Das 3,6 Zen­ti­me­ter gro­ße Köpf­chen der Ve­nus von Bras­sem­pouy gilt als äl­tes­te ge­naue­re Darstel­lung des mensch­li­chen Ge­sichts. Das Frag­ment der El­fen­bein­sta­tu­et­te ist über 20 000 Jah­re alt. Es wur­de 1894 in der Grot­te du Pa­pe bei Bras­sem­pouy im Süd­wes­ten Frank­reichs ge­fun­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.