Rausch der Frei­heit

Dan­ny Lyon be­glei­te­te die Bür­ger­rechts­be­we­gung, leb­te mit Bi­kern und fo­to­gra­fier­te Straf­ge­fan­ge­ne. C/O Ber­lin fei­ert den Chro­nis­ten der ame­ri­ka­ni­schen Ge­gen­kul­tur mit ei­ner Re­tro­spek­ti­ve

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Von Chris­ti­an Schrö­der 13. BIS 17. SEP­TEM­BER

Die Tä­to­wier­na­del surrt ziem­lich laut, doch die Stim­me des Man­nes, der sie in der Hand hält, ist noch lau­ter. Bill San­ders em­pört sich über den „schänd­li­chen, sui­zi­da­len Krieg“und über die Po­li­ti­ker, die ihn zu ver­ant­wor­ten ha­ben. Der blas­se jun­ge Mann, dem er ge­ra­de ei­nen Dolch mit To­ten­kopf auf den Ober­arm tä­to­wiert, ist ein Ma­ri­ne­sol­dat. Er muss in ein paar Ta­gen nach Viet­nam, in den Krieg. Um, wie Bill San­ders ihm er­klärt, an ei­nem Ver­bre­chen teil­zu­neh­men. Schwer zu sa­gen, was de­mSol­da­ten spä­ter grö­ße­re Schmer­zen be­rei­ten wird: die bren­nen­de Wun­de auf sei­ner Haut oder die Schimpf­ti­ra­de des Tä­to­wie­rers.

„So­ci­al Sci­en­ces“heißt der Kurz­film, den Dan­ny Lyon 1968 im „Vel­vety Tat­too“-Stu­dio von Bill San­ders in Hous­ton/Te­xas ge­dreht hat. Die Ka­me­ra schweift über die Pin-up

Fo­tos in dem klei­nen La­den und über den nack­ten Ober­kör­per ei­nes Mäd­chens, den der Künst­ler mit Blu­men und ei­nem Pe­ace

Schrift­zug ver­ziert. Es sind plum­pe bild­li­che Her­vor­brin­gun­gen, die hier ent­ste­hen, nai­ve Kunst ir­gend­wo zwi­schen Kitsch und Camp. Aber Lyon, der San­ders in die­ser Zeit im­mer wie­der bei der Ar­beit fo­to­gra­fiert und filmt, macht sich nicht lus­tig über den Tä­to­wie­rer. Für ihn ist er ein Meis­ter.

„So­ci­al Sci­en­ces“mag als Ti­tel für ei­nen ver­wa­ckel­ten 20-Mi­nu­ten-Film ver­we­gen klin­gen. Aber Dan­ny Lyon be­treibt ge­nau das: So­zi­al­for­schung mit der Ka­me­ra. „Um ein The­ma zu fin­den, das

Cfür mich Be­deu­tung ha­ben wür­de, muss­te ich am Bo­den der Ge­sell­schaft su­chen, nicht an der Spit­ze“, sagt er. Lyon, den die Ga­le­rie C/O Ber­lin mit ei­ner gro­ßen, 175 Fo­tos und ein hal­bes Dut­zend Fil­me um­fas­sen­den Re­tro­spek­ti­ve ehrt, ist der gro­ße Au­ßen­sei­ter der ame­ri­ka­ni­schen Fo­to­gra­fie. Weil er seit mehr als fünf­zig Jah­ren stur an sei­nen Lang­zeit­pro­jek­ten ar­bei­tet und kei­ne Auf­trä­ge an­nimmt, war lan­ge kaum be­kannt, was für ein groß­ar­ti­ges Werk da­bei ent­stan­den ist. Sei­ne Fil­me lie­fen nicht im Fern­se­hen und nicht im Ki­no. Lan­ge ver­schick­te er sie im ei­ge­nen Ver­sand­han­del di­rekt an In­ter­es­sen­ten.

Dan­ny Lyon, der 1942 als Kind jü­di­scher Emi­gran­ten aus Deutsch­land in New York ge­bo­ren wur­de, ist in die Fo­to­gra­fie „hin­ein­ge­stol­pert“, wie er sagt. Nach ei­nem Ge­schichts­stu­di­um schließt er sich dem Stu­dent Non­vio­lent Co­or­di­na­ting Com­mit­tee als Fo­to­graf an, ei­nem be­son­ders kämp­fe­ri­schen Flü­gel der schwar­zen Bür­ger­rechts­be­we­gung. Er wird zum Chro­nis­ten des Auf­ruhrs, hält ei­ne De­mons­tra­ti­on vor ei­nem Schwimm­bad für Wei­ße in Il­li­nois fest, Po­li­zei­ge­walt in Sel­ma/Ala­ba­ma und die Eu­pho­rie beim Marsch nach Washington. Das Buch „The Mo­ve­ment“mit ei­ner Aus­wahl der en­ga­gier­ten Bil­der macht ihn be­kannt.

„Du musst wirk­lich du selbst sein, wenn du ver­suchst, dich mit der Wirk­lich­keit aus­ein­an­der­zu­set­zen“, lau­tet Lyons Cre­do. Fo­to­gra­fie ver­steht er, wie der von ihm be­wun­der­te Kol­le­ge Ro­bert Frank, als „ein­sa­me Rei­se“. Ei­ne Zeit lang

Dist Lyon da­bei auf ei­nem Mo­tor­rad un­ter­wegs, als Mit­glied des Chi­ca­go Out­law Motor­cy­cle Club. Die Bi­ker tra­gen Ro­cka­bil­ly-Fri­su­ren, Kla­mot­ten aus schwar­zem Le­der und ein To­ten­kopf-Em­blem auf der Rück­sei­te ih­rer Ja­cken. Doch auf den Fo­tos se­hen sie nicht wie Schlä­ger aus, son- dern eher wie Tag­träu­mer. Lyon ge­lingt es, das Frei­heits­ver­spre­chen des Un­ter­wegs­seins und den Rausch der Ge­schwin­dig­keit ein­zu­fan­gen, et­wa in ei­nem Bild, auf dem ei­ner der Out­laws mit we­hen­dem Haar den Ohio über­quert.

Sei­ne Fo­tos wer­den im­mer pri­va­ter und per­sön­li­cher. Als Lyon 1966 für sein Pro­jekt „Con­ver­sa­ti­ons with the De­ad“Zu­gang zu al­len Staats­ge­fäng­nis­sen in Te­xas er­hält, freun­det er sich schnell mit Ge­fan­ge­nen an, auch mit ei­ni­gen zum Tod ver­ur­teil­ten Mör­dern. „Die Kor­ri­do­re vor den Zel­len ent­lang­zu­ge­hen, ist für ei­nen Men­schen aus der frei­en Welt so, als ob er über ei­nen Fried­hof gin­ge und mit den To­ten spre­chen könn­te“, er­in­nert er sich spä­ter. Der Fo­to­graf zeigt die Ge­fan­ge­nen bei der Ar­beit in Baum­woll­fel­dern, be­wacht von be­rit­te­nen Po­li­zis­ten, beim Do­mi­no-Spie­len im Zel­len­block oder beim Hof­gang, aus der Per­spek­ti­ve der Wär­ter vom Wacht­turm.

Die Se­rie „The De­struc­tion of Lo­wer Man­hat­tan“, ei­ne frü­he Stu­die über Gen­tri­fi­zie­rung, ent­steht per Zu­fall. Als Lyon nach New York zieht, wird rings­um ein gan­zes Vier­tel ab­ge­ris­sen. Er fo­to­gra­fiert leer ge­räum­te Ge­bäu­de, Bag­ger­zäh­ne, die sich durch Back­stein ar­bei­ten, Bau­ar­bei­ter, die ei­ne Fas­sa­de ab­tra­gen. Lyons Kom­men­tar: „St­ein um­St­ein zer­le­gen sie die Ar­beit an­de­rer ame­ri­ka­ni­scher Ar­bei­ter.“Es geht um Ge­winn­ma­xi­mie­rung, die al­ten Mie­ter wer­den sich die neu­en Woh­nun­gen nicht leis­ten kön­nen. „Ich füh­le mich ver­ant­wort­lich für das, was ich se­he, was ich fo­to­gra­fie­re“, sagt Lyon. Man sieht sei­nen Bil­dern die­se Dis­tanz­lo­sig­keit an. Sie sind Do­ku­men­te der Em­pa­thie.

— C/O Ber­lin im Ame­ri­ka Haus, bis 3. De­zem­ber, täg­lich 11–20 Uhr.

Fo­tos: © Dan­ny Lyon / Cour­te­sy Ga­vin Brown’s En­ter­pri­se

Te­sca, fo­to­gra­fiert in Car­ta­gena, Ko­lum­bi­en (1966). Zwei Ge­wicht­he­ber in der Ram­sey Unit, ei­nem te­xa­ni­schen Ge­fäng­nis (1968). Ein Mo­tor­rad­fah­rer über­quert den Ohio (1966).

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