Lie­be und sol­che Sa­chen

Dia­na Krall im Tem­po­drom

Der Tagesspiegel - - KULTUR -

Be­vor Dia­na Krall zum Smooth-Jazz-Star mit welt­weit 15 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Al­ben wur­de, hat sie vie­le Jah­re in Bars und Re­stau­rants Hin­ter­grund­mu­sik ge­macht. Und emp­fin­det da­her gro­ßen Re­spekt für Kla­vier­spie­ler­kol­le­gen, die we­ni­ger Kar­rie­re­glück hat­ten. Wenn Dia­na Krall auf Rei­sen ist, al­so die meis­te Zeit des Jah­res, hört sie Ho­tel­lob­by-Pia­nis­ten im­mer auf­merk­sam zu. Manch­mal setzt sie sich so­gar zu ih­nen an die Tas­ta­tur, für ein spon­ta­nes Du­ett, so wie neu­lich im „The Grill“in Washington, wo schon lan­ge ein Ar­gen­ti­ni­er spielt, den sie be­son­ders schätzt. „Du bist ziem­lich gut“, lob­te er an­schlie­ßend Dia­na Krall, die er of­fen­sicht­lich nicht er­kannt hat­te. „Aber du müss­test noch ein biss­chen das Spiel dei­ner lin­ken Hand ver­bes­sern.“

In der Tat ist die 52-jäh­ri­ge Ka­na­die­rin kei­ne Tas­ten­ti­ge­rin, die in Kon­zer­ten mit tech­ni­scher Bril­lanz punk­tet. Was sie mit ih­ren Li­ve­auf­trit­ten will, ist, ganz ein­fach für ei­ne good ti­me zu sor­gen. Um bei­spiels­wei­se am Frei­tag den rund 5000 Be­su­chern des Ber­li­ner Tem­po­droms das Ge­fühl zu ver­mit­teln, sie sä­ßen gar nicht in ei­ner see­len­lo­sen Gro­ßevent­hal­le, son­dern im Ball­room ei­ner plü­schig-alt­mo­di­schen Lu­xus­her­ber­ge.

Im Saal wird es stock­fins­ter, das Licht­de­sign auf der Büh­ne bleibt durch­weg de­zent, im Hin­ter­grund ist mo­der­ne Kunst auf ei­ner Lein­wand zu se­hen. Die ab­so­lut per­fekt aus­ge­steu­er­te Sound­an­la­ge sorgt da­für, dass Dia­na Krall und ih­re vier Mu­si­ker an Gi­tar­re, Bass, Gei­ge und Schlag­zeug akus­tisch ganz nah ans Pu­bli­kum her­an­rü­cken, die Ge­sangs- und In­stru­men­tal­li­ni­en glas­klar rü­ber­kom­men – und doch klan­güp­pig. „Do I Lo­ve You“, der Er­öff­nungs­num­mer, gibt Dia­na Krall ei­nen trei­ben­den Puls, da­mit sich die Band­mit­glie­der ef­fekt­voll im­pro­vi­sie­rend vor­stel­len kön­nen. Da­nach rei­hen sich, wie auf ih­rem jüngs­ten Al­bum „Turn Up The Qu­iet“, Num­mern aus dem Gre­at Ame­ri­can Song­book an­ein­an­der, in wun­der­bar ent­spann­ter At­mo­sphä­re, „L.O.V.E.“, „Isn’t It Ro­man­tic“, „Night & Day“. Jazz, bei dem man sich zu­rück­leh­nen möch­te – wenn die Sit­ze im Tem­po­drom nur nicht so ver­teu­felt un­be­quem wä­ren.

Dia­na Kralls Stim­me hat in jüngs­ter Zeit noch ein Quänt­chen Rau­chig­keit da­zu­ge­won­nen, ih­re Jungs sind wirk­lich gut, vor al­lem Gi­tar­rist Ant­ho­ny Wil­son und Stuart Dun­can an der „Fidd­le“, wie Krall sagt, lie­fern sich tol­le Vir­tuo­sen-Batt­les. Zwi­schen die Ever­greens mi­schen sich mo­der­ne Klas­si­ker von Bob Dy­lan, Jo­ni Mit­chell.

Tom Waits’ Song „Temp­ta­ti­on“wu­chert gar zur ve­ri­ta­blen Ses­si­on aus, lässt Ap­plaus­wo­gen gen Büh­ne bran­den, was wie­der­um Dia­na Krall und ih­re Mit­strei­ter an­sta­chelt. Nach zwei St­un­den – und vier Zu­ga­ben – ent­lässt die Ka­na­die­rin ih­re Fans in die klam­me Ber­li­ner Früh­herbst­nacht: Der Rü­cken ist ka­putt, aber das Herz ganz leicht.

Fo­to: Ma­ry McCart­ney/Uni­ver­sal

Jazz für al­le. Dia­na Krall hat 15 Mil­lio­nen Plat­ten ver­kauft.

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