Ein ganz lei­ses Ri­si­ko

Elek­tro­fahr­zeu­ge sind spar­sam und scho­nen die Um­welt. Aber die E-Rol­ler be­rei­ten Ex­per­ten Sor­gen: Sie sind bis zu 45 St­un­den­ki­lo­me­ter schnell – und für Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer kaum zu hö­ren

Der Tagesspiegel - - WELTSPIEGEL - Von Phil­ipp Schaf­fra­n­ek

Ber­lin - Mit der App geht es ganz schnell. Kurz auf der Kar­te im In­ter­net nach­gu­cken, wo der nächs­te Elek­trorol­ler steht, hin­ge­hen, per App auf­schlie­ßen, Helm auf­set­zen und los­fah­ren. Das Aus­lei­hen von Elek­trorol­lern wird in Ber­lin im­mer be­lieb­ter. Die Nach­fra­ge ist so groß, dass selbst die An­bie­ter über­rascht sind: „Un­ser Start im Jahr 2016 hat un­se­re Er­war­tun­gen über­trof­fen, so auch der Aus­bau un­se­rer Flot­te in die­sem Jahr“, sagt Ju­lia Gro­the vom Start-Up Coup. An­ge­fan­gen hat das Un­ter­neh­men mit 200 Elek­trorol­lern. Mitt­ler­wei­le hat Coup auf 1000 Elek­trorol­ler auf­ge­stockt. Ne­ben Coup ver­mie­tet auch noch der Sha­ring-An­bie­ter Em­my in der Haupt­stadt Elek­trorol­ler. Und so kur­ven im­mer mehr E-Rol­ler durch die In­nen­stadt – nicht nur in Ber­lin.

So po­si­tiv die­se Al­ter­na­ti­ve im Hin­blick auf Ener­gie­ver­brauch, Lärm und Um­welt­be­las­tung auch ist, Elek­trorol­ler brin­gen nach An­sicht man­cher Ex­per­ten ge­nau­so wie E–Au­tos, Pe­del­ecs und E-Bi­kes ein neu­es Ri­si­ko in den Stra­ßen­ver­kehr, denn: Für Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer sind sie kaum zu hö­ren. Wäh­rend der klas­si­sche Ver­bren­nungs­mo­tor kräf­tig brummt, gibt der E-Mo­tor kaum ei­nen Ton von sich, höchs­tens ein lei­ses Sir­ren – und das auch bei der für die meis­ten E-Rol­ler ma­xi­mal zu­läs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit von 45 St­un­den­ki­lo­me­tern.

„Ich bin über­zeugt, dass sich Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer im Stra­ßen­ver­kehr sehr auf ihr Ge­hör ver­las­sen“, sagt Sieg­fried Brock­mann, Lei­ter der Un­fall­for­schung der Ver­si­che­rer. Des­we­gen steigt für sie die Un­fall­ge­fahr, ver­mu­tet er. Weil Ex­per­ten da­vor war­nen, hat die EU für Elek­tro­au­tos be­reits vor drei Jah­ren mit ei­ner Ver­ord­nung „über den Ge­räusch­pe­gel von Kraft­fahrt­zeu­gen“Tat­sa­chen ge­schaf­fen . Ab 2019, so ist es dar­in fest­ge­legt, müs­sen Elek­tro­au­tos Fahr­ge­räu­sche si­mu­lie­ren, da­mit sie nicht über­hört wer­den. Zu­min­dest bei Ge­schwin­dig­kei­ten von bis zu 30 St­un­den­ki­lo­me­tern soll der Si­mu­la­tor zum Ein­satz kom­men. Bei hö­he­ren Ge­schwin­dig­kei­ten sei­en die Wind- und Rei­fen­ge­räu­sche laut ge­nug. Ei­ne sinn­vol­le Idee, fin­det Brock­mann. Ob die Ei­gen­ge­räu­sche ab 30 St­un­den­ki­lo­me­ter aus­rei­chen, be­zwei­felt er. Zah­len, die ei­ne er­höh­te Un­fall­ge­fahr be­le­gen, gibt es bis­lang nicht. Da­für sind noch zu we­ni­ge Elek­tro­au­tos auf den Stra­ßen un­ter­wegs – 34 022 wa­ren es zu Jah­res­be­ginn. Und bei Un­fäl­len un­ter­schei­det die Po­li­zei nicht, ob das Un­fall­fahr­zeug von ei­nem Elek­tro­mo­tor oder ei­nem Ver­bren­nungs­mo­tor an­ge­trie­ben wird.

„Die Er­run­gen­schaft, durch Elek­tro­au­tos un­se­re Städ­te lei­ser zu ma­chen, darf man nicht so ein­fach auf­ge­ben, in­dem wir den Ver­kehr wie­der künst­lich lau­ter ma­chen“, sagt ein Spre­cher des ADAC. Der Au­to­mo­bil­club geht zwar auch da­von aus, dass die Un­fall­ge­fahr durch die lei­sen Elek­tro­fahr­zeu­ge steigt. Die Lö­sung müs­se aber in der Auf­klä­rung und Sen­si­bi­li­sie­rung lie­gen. Die Men­schen brau­chen ein Be­wusst­sein für die lei­sen Fahr­zeu­ge. Leis­ten müss­ten das die Her­stel­ler, Au­to­ver­käu­fer, Po­li­zei, Au­to­mo­bil­clubs und Ver­bän­de, die sich der Ver­kehrs­si­cher­heit wid­men. Statt­fin­den könn­te die Sen­si­bi­li­sie­rung beim Au­to­ver­kauf, in Fahr­schu­len und bei der Ver­kehrs­er­zie­hung in Schu­len. „Be­son­ders Kin­der und Se­nio­ren müs­sen ler­nen, dass man nicht je­des Au­to hört“, so der ADAC.

Kei­nen Hand­lungs­be­darf sieht der ADFC, der sich für die In­ter­es­sen der Fahr­rad­fah­rer ein­setzt. „Nimmt zum Bei­spiel ein vor ei­ner Am­pel war­ten­der Rad­fah­rer ein hin­ter ihm war­ten­des Au­to akus­tisch wahr, weil es ei­nen lau­ten Die­sel­mo­tor hat, ist es zwei­fel­haft, ob das ei­nen Si­cher­heits­vor­teil bie­tet“, sagt ADFC-Ver­kehrs­ex­per­te Ro­bert Huhn. Denn der Au­to­fah­rer ha­be den Rad­fah­rer im Blick­feld. Die viel grö­ße­re Ge­fahr dro­he Rad­fah­rern vor al­lem von her­an­kom­men­den Au­tos, nicht von de­nen, die sich ge­ra­de erst in Be­we­gung set­zen. „Aber auch hier trägt das Mo­to­ren­ge­räusch nicht zur Si­cher­heit bei oder al­len­falls sehr sel­ten.“

Was für Elek­tro­au­tos gilt, gilt nicht für Zwei­rä­der. E-Bi­kes, Pe­del­ecs, E-Mo­tor­rä­der und Elek­trorol­ler wer­den von der EU-Ver­ord­nung nicht be­rück­sich­tigt. Sie brau­chen kei­nen Ge­räusch­si­mu­la­tor. „Im Zwei­fel muss man nach­jus­tie­ren“, sagt Un­fall­for­scher Brock­mann. Er spricht sich klar für Zwei­rä­der mit Ge­räusch­si­mu­la­tor aus.

Zu­min­dest bei E-Bi­kes ist kei­ne er­höh­te Un­fall­ge­fahr nach­weis­bar. Für Ber­lin gibt es kei­ne Zah­len, da die Po­li­zei bei Fahr­rä­dern nicht un­ter­schei­det. Die Po­li­zei in Köln ist ge­nau­er. In der Dom­stadt un­ter­schei­det sie zwi­schen Pe­del­ecs, de­ren Mo­tor nur un­ter­stützt, wenn der Fah­rer tritt, E-Bi­kes, die auf Knopf­druck los­fah­ren und klas­si­schen Fahr­rä­dern. Von 2014 bis Ju­ni 2017 re­gis­trier­te die Po­li­zei 6375 Fahr­rad­un­fäl­le mit Per­so­nen­scha­den. 54 Mal ver­un­fall­ten Pe­del­ecs. An le­dig­lich 14 Un­fäl­len wa­ren E-Bi­kes be­tei­ligt. Die Ein­schät­zung der Köl­ner Po­li­zei: Für den Zu­stän­dig­keits­be­reich des Po­li­zei­prä­si­di­ums Köln las­se sich „zu den Pe­del­ecs und E-Bi­kes sa­gen, dass trotz ei­nes sub­jek­tiv emp­fun­de­nen und ob­jek­tiv fest­zu­stel­len­den, hö­he­ren An­teils an der Ver­kehrs­be­tei­li­gung kei­ne an­stei­gen­de Be­tei­li­gung an Ver­kehrs­un­fäl­len vor­liegt und von ih­nen auch kei­ne er­höh­te Un­fall­ge­fahr aus­geht“.

ADFC-Ver­kehrs­ex­per­te Huhn wehrt sich ge­gen For­de­run­gen, E-Bi­kes mit ei­nem Ge­räusch­si­mu­la­tor aus­zu­stat­ten: „Na­he­zu al­le ver­kauf­ten Elek­tro­rä­der schal­ten bei 25 St­un­den­ki­lo­me­tern die Mo­tor­un­ter­stüt­zung ab. Das ist ei­ne Ge­schwin­dig­keit, die auch Fahr­rä­der oh­ne Mo­tor er­rei­chen.“Des­halb könn­ten und soll­ten Elek­tro­fahr­rä­der laut­los sein. Es sei so­gar ei­ner der vie­len Vor­tei­le des Fahr­rads, dass es nicht zum Ver­kehrs­lärm bei­trägt. „Bei Be­darf kön­nen Rad­fah­rer sich durch Klin­geln be­merk­bar ma­chen. Das gilt auch für Elek­tro­rä­der. Die ge­ziel­te War­nung ist sinn­vol­ler als un­nö­ti­ger Dau­er­lärm“, sagt Huhn.

Im­mer mehr E-Rol­ler fah­ren durch die Städ­te – nicht nur in Ber­lin

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