Hoch sie­gen, we­nig ge­win­nen

In Ve­ne­zue­la rech­net die Op­po­si­ti­on mit ei­nem Er­folg bei den Re­gio­nal­wah­len. Doch nach mo­na­te­lan­gen er­folg­lo­sen Pro­tes­ten ist die Hoff­nung auf ei­nen Re­gime­wech­sel ver­pufft

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Von San­dra Weiss, Pue­b­la

Am Sonn­tag star­tet die bür­ger­li­che Op­po­si­ti­on in Ve­ne­zue­la ei­nen er­neu­ten Anlauf, die re­gie­ren­den So­zia­lis­ten in die Schran­ken zu wei­sen. Bei den an­ste­hen­den Re­gio­nal­wah­len will die Op­po­si­ti­on in 18 Bun­des­staa­ten ei­ne Mehr­heit er­rin­gen; bis­her kon­trol­liert sie drei. Um­fra­gen zu­fol­ge könn­te das ge­lin­gen, ob es prak­ti­schen Nut­zen bringt, ist die Fra­ge.

Für den ra­di­kals­ten Teil der Op­po­si­ti­on, der die Wahl boy­kot­tiert, ist Ve­ne­zue­la längst ei­ne Dik­ta­tur, die nicht per Ab­stim­mung zu be­sie­gen ist. Mit der Wahl wol­le Ma­du­ro nur die in­ter­na­tio­na­le Kri­tik ent­kräf­ten, sa­gen sie. Laut dem Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Ve­ne­ba­ro­me­tro wol­len bei den seit ei­nem Jahr über­fäl­li­gen Wah­len rund zwei Drit­tel ih­re Stim­me ab­ge­ben, knapp 52 Pro­zent für die Op­po­si­ti­on und 27 Pro­zent für Re­gie­rungs­kan­di­da­ten, der Rest ist un­ent­schlos­sen.

Doch das Re­gime hat zahl­rei­che Hür­den ein­ge­baut und setzt für den Wahl­kampf so­gar den po­pu­lä­ren ver­stor­be­nen Ex­prä­si­den­ten Hu­go Chá­vez ein. Für al­le Fäl­le hat Macht­ha­ber Ni­colás Ma­du­ro be­reits an­ge­kün­digt, die neu ge­wähl­ten Gou­ver­neu­re hät­ten sich den Be­schlüs­sen der von der Re­gie­rung kon­trol­lier­ten Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung zu un­ter­wer­fen. Die­se kann die Gou­ver­neu­re kom­plett der Zen­tral­re­gie­rung und dem Mi­li­tär un­ter­stel­len und ih­nen al­le fi­nan­zi­el­len Mit­tel ent­zie­hen.

Die­se Ver­samm­lung war Ma­du­ros Ant­wort auf die Mas­sen­pro­tes­te, die im April be­gon­nen hat­ten, nach­dem er das Par­la­ment ent­mach­ten woll­te. Ih­re Ein­be­ru­fung ver­stieß nach

Auf­fas­sung von Ju­ris­ten ge­gen die Ver­fas­sung, eben­so wie die haupt­säch­lich in­di­rek­te Wahl ih­rer Ver­tre­ter. Nach An­ga­ben der Fir­ma Smart­ma­tic, die mit der tech­ni­schen Aus­füh­rung be­auf­tragt war, sei au­ßer­dem be­tro­gen wor­den. Trotz­dem er­reich­te Ma­du­ro – un­ter­stützt vom re­gie­rungs­treu­en Mi­li­tär – da­mit sein Ziel, das op­po­si­tio­nel­le Par­la­ment zu ent­mach­ten und die Pro­tes­te ein­zu­däm­men. Die Ver­samm­lung setz­te zu­dem Kri­ti­ker Ma­du­ros wie Ge­ne­ral­staats­an­wäl­tin Lui­sa Or­te­ga ab. Wei­te­re Ver­spre­chun­gen wie die Wirt­schafts­kri­se zu lö­sen, die Kor­rup­ti­on und die Ge­walt­kri­mi­na­li­tät ein­zu­däm­men, blie­ben die De­le­gier­ten schul­dig. Selbst an der arg ge­schrumpf­ten so­zia­lis­ti­schen Ba­sis wur­de des­halb in den ver­gan­ge­nen Ta­gen Kri­tik laut. Trotz­dem ha­ben sich die So­zia­lis­ten in den Um­fra­gen sta­bi­li­siert, wäh­rend die Op­po­si­ti­on, die vor ei­ni­gen Mo­na­ten noch knapp 75 Pro­zent Un­ter­stüt­zung ge­noss, durch Füh­rungs­schwä­che und in­ter­ne Strei­tig­kei­ten an­ge­schla­gen ist.

Ge­ne­rell herrscht in Ve­ne­zue­la ei­ne ge­drück­te Stim­mung. Die Hoff­nung auf ei­nen Re­gime­wech­sel, die zu Be­ginn der Mas­sen­pro­tes­te im April auf­keim­te, ist nach 120 To­ten und mehrals 5000 Ver­letz­ten und In­haf­tier­ten ver­pufft. Vie­le Op­po­si­tio­nel­le sind im Ge­fäng­nis oder im Exil; die Be­völ­ke­rung ist mit dem per­sön­li­chen Über­le­bens­kampf in ei­nem feind­li­chen, po­la­ri­sier­ten Um­feld be­schäf­tigt; mehr als zwei Mil­lio­nen Men­schen ha­ben dem Land den Rü­cken ge­kehrt.

„Die Wah­len ver­ur­sa­chen bei den meis­ten ei­nen in­ne­ren Kurz­schluss“, sagt der Au­tor Al­ber­to Bar­re­ra Ty­sz­ka. „Seit zwei Jah­ren un­ter­neh­men wir al­les, um den Macht­ha­bern de­mo­kra­ti­sche Wah­len ab- zu­rin­gen. Ge­mein­sam sind wir ge­schei­tert an ih­rer Ge­walt und ih­ren Tricks. Das schafft enor­men Frust.“Es sei schwie­rig, trotz­dem ab­zu­stim­men, meint er un­ter Be­ru­fung auf die von der Re­gie­rung ein­ge­bau­ten Stol­per­fal­len.

Da­zu ge­hö­ren der Aus­schluss der wich­tigs­ten Op­po­si­ti­ons­füh­rer wie Leo­pol­do López und Hen­ri­que Ca­pri­les, die Kon­trol­le der Re­gie­rung über den Wahl­rat, die kurz­fris­ti­ge Schlie­ßung oder Ver­le­gung von Wahl­lo­ka­len, die ver­wir­ren­den Stimm­zet­tel, auf de­nen auch bei den Vor­wah­len un­ter­le­ge­ne Op­po­si­ti­ons­kan­di­da­ten auf­tau­chen so­wie die Gleich­schal­tung der Ra­dio- und TV-Sta­tio­nen. Die Re­gie­rung set­ze vor al­lem auf ei­ne ho­he Ent­hal­tung, glaubt der Mei­nungs­for­scher Lu­is Vi­cen­te Le­on. Da­mit wer­de der Vor­sprung der Op­po­si­ti­on klei­ner, was die Tü­ren für Wahl­ma­ni­pu­la­tio­nen öff­ne. „Trotz al­ler Zwei­fel ist die Hoff­nung auf mas­si­ve Be­tei­li­gung das Ein­zi­ge, was der Op­po­si­ti­on bleibt“, stim­men Ty­sz­ka und Le­on über­ein. Die­ser Auf­fas­sung schloss sich auch die Ka­tho­li­sche Kir­che an. Miss­trau­en und Nie­der­ge­schla­gen­heit dürf­ten am Sonn­tag nicht sie­gen, so die Bi­schö­fe in ei­ner ge­mein­sa­men Er­klä­rung an die Gläu­bi­gen.

Zwei Mil­lio­nen Men­schen ha­ben das Land ver­las­sen

Fo­to: Fe­de­ri­co Par­ra/AFP

fiem Stüt­ze des Re­gimes. Auf die Si­cher­heits­kräf­te kann sich Staats­chef Ma­du­ro auch bei die­sen Wah­len ver­las­sen.

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