Die Ge­win­ne der an­de­ren

Vom Bör­sen­boom pro­fi­tie­ren die meis­ten Bür­ger nicht. Sie brau­chen hö­he­re Zin­sen

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Hei­ke Jah­berg

Hin­ter­her ist man im­mer schlau­er. Hät­te man vor acht Jah­ren 10 000 Eu­ro in Ak­ti­en des Halb­lei­ter­her­stel­lers In­fi­ne­on ge­steckt, wä­re man heu­te um ei­ne hal­be Mil­li­on Eu­ro rei­cher. Oder Adi­das. Wer vor gut zwei Jah­ren Ak­ti­en des Sport­ar­ti­kel­kon­zerns ge­or­dert hat, kann sich über ei­ne Ver­drei­fa­chung des Kur­ses freu­en. Die Zei­ten für Ak­tio­nä­re sind gut. Der Ak­ti­en­in­dex Dax hat in die­ser Wo­che erst­mals die Mar­ke von 13 000 Punk­ten durch­bro­chen – und strebt nun hö­he­ren Zie­len ent­ge­gen.

Hät­te, hät­te. Doch man hat eben nicht. Die meis­ten Men­schen ha­ben we­der In­fi­ne­on-Pa­pie­re noch Adi­das-Ak­ti­en in ih­ren De­pots. Sie ha­ben statt­des­sen Spar­brie­fe oder Le­bens­ver­si­che­run­gen ge­kauft. Ge­ra­de ein­mal neun Mil­lio­nen An­le­ger be­sit­zen in Deutsch­land Ak­ti­en oder An­tei­le an ei­nem Ak­ti­en­fonds. Groß an der Bör­se sind an­de­re, in­ter­na­tio­na­le In­ves­to­ren wie Black­rock. Über sei­ne Fonds ist der Ver­mö­gens­ver­wal­ter aus den USA an al­len 30 Un­ter­neh­men be­tei­ligt, die im Deut­schen Ak­ti­en­in­dex ver­tre­ten sind. Der Bör­sen­boom macht die Gro­ßen noch grö­ßer, an den Klei­nen geht die Ral­lye vor­bei.

Im Ge­gen­teil: Für Klein­spa­rer kommt es im­mer dicker. Si­che­re, fest­ver­zins­li­che Wert­pa­pie­re brin­gen schon seit Jah­ren kaum noch Ge­win­ne. Nun zieht aber auch die In­fla­ti­on lang­sam wie­der an, das ver­grö­ßert den Lei­dens­druck. Nicht nur Spa­rer sind in Not, auch Ver­si­che­rungs­kun­den, vor al­lem wenn sie ihr Geld der Ge­ne­ra­li oder Er­go an­ver­traut ha­ben. Die Kon­zer­ne wol­len die Le­bens­ver­si­che­rungs­po­li­cen an In­ves­to­ren ver­ti­cken, weil sich das Ge­schäft für sie nicht mehr lohnt. Zehn Mil­lio­nen Kun­den sol­len ver­hö­kert wer­den – mit un­ge­wis­sem En­de.

Dreh- und An­gel­punkt der Mi­se­re ist die Geld­po­li­tik der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank. De­ren Null­zins­stra­te­gie, ge­paart mit dem gi­gan­ti­schen Kauf von An­lei­hen, be­straft si­cher­heits­be­dürf­ti­ge An­le­ger und be­lohnt Zo­cker – am Ak­ti­en­markt, aber auch bei Im­mo­bi­li­en­ge­schäf­ten. Mehr als 3400 Eu­ro kos­tet heu­te im Schnitt der Qua­drat­me­ter in Ber­lin, in kaum ei­ner Re­gi­on des Lan­des schnel­len die Prei­se so ra­sant in die Hö­he wie in der Haupt­stadt. Das ist lu­kra­tiv für Spe­ku­lan­ten, aber schlecht für all die­je­ni­gen, die den Im­mo­bi­li­en­boom ver­passt ha­ben. Sie ge­hö­ren zu den Leid­tra­gen­den des Spe­ku­la­ti­ons­wahn­sinns, der Deutsch­land er­fasst hat. Denn um die im­mer hö­he­ren Im­mo­bi­li­en­prei­se in Ber­lin und an­de­ren Bal­lungs­räu­men zu er­wirt­schaf­ten, set­zen die Käu­fer die Mie­ten hoch. Wie schwer es ist, ei­ne be­zahl­ba­re Woh­nung zu fin­den, weiß je­der, der sich bei ei­ner Woh­nungs­be­sich­ti­gung am En­de der Schlan­ge wie­der­fin­det.

Es ist da­her al­ler­höchs­te Zeit für ei­ne Wen­de in der Geld­po­li­tik. Das schei­nen auch im­mer mehr Mit­glie­der im EZB-Rat so zu se­hen. Am 26. Ok­to­ber, bei der nächs­ten Sit­zung, könn­te der Ein­stieg in den Aus­stieg be­schlos­sen wer­den – doch selbst dann dau­ert es noch Jah­re, bis wie­der nor­ma­le Ver­hält­nis­se herr­schen. So lan­ge kön­nen sich die Spe­ku­lan­ten aus al­ler Welt freu­en. Bei In­fi­ne­on kom­men 85 Pro­zent der Ak­tio­nä­re aus dem Aus­land, bei Adi­das sind es 80 Pro­zent. Der „Dax 13000“lässt bei ih­nen die Kor­ken knal­len. Für die meis­ten Deut­schen gibt es da­ge­gen Sel­ters statt Sekt.

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