Für wen der Tag 25 St­un­den hat

Der Tagesspiegel - - MEINUNG -

Mein gan­zes Le­ben lang hö­re ich schon, wie schwar­zen Jun­gen und Mäd­chen ein­ge­trich­tert wird, ‚dop­pelt so gut’ zu sein, was letzt­lich be­deu­tet, dass sie sich mit halb so viel zu­frie­den­ge­ben sol­len.“Das schreibt der afro­ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Ta-Neh­si Coa­tes in sei­nem Essay „Zwi­schen mir und der Welt“. Er kri­ti­siert, wie aus ei­nem Un­recht ei­ne „un­ent­deck­te Tap­fer­keit“ge­macht wird. Die Mär von der dop­pel­ten Leis­tung, die al­les mög­lich macht, exis­tiert auch in Deutsch­land: Für Afro­deut­sche, für Sin­ti und Ro­ma und für al­le, die nicht als deutsch ge­le­sen wer­den. Auch für die Kin­der von Gas­t­ar­bei­tern. Coa­tes spricht vom „Zei­t­raub“– „all die Au­gen­bli­cke, die wir da­mit zu­brin­gen, un­se­re Mas­ken zu rich­ten oder uns dar­auf ein­zu­stel­len, uns mit halb so viel zu­frie­den­zu­ge­ben, und die wir nie zu­rück­be­kom­men.“

Wo wird die­se „ge­raub­te Zeit“hin­ge­tra­gen? Wenn die ei­nen nur 23-St­un­den-Ta­ge ha­ben, wie Coa­tes schreibt, le­ben an­de­re nicht mit 25-St­un­den-Ta­gen? Sie be­kom­men „das Floß aus zwei­ten Chan­cen“, mit dem die Kin­der der Gas­t­ar­bei­ter nie rech­nen durf­ten, nicht in der Schu­le und nicht im Be­ruf. Wenn ich zwar noch da­zu kom­me, mei­ne letz­te Wein­fla­sche zu ent­kor­ken, aber kei­ne Zeit bleibt, sie zu trin­ken: Wer trinkt mei­nen Wein? Was ist mit dem ei­nen Kuss, für den kei­ne Zeit mehr blieb, wer hat ihn be­kom­men? Oder öko­no­misch kon­kre­ti­siert: Wer gibt den­je­ni­gen ih­re Zeit wie­der, die sie zum Bei­spiel bei der ewi­gen Woh­nungs­su­che mit ei­nem ara­bi­schen Nach­na­men ver­lo­ren ha­ben?

Die ei­nen wach­sen mit dem My­thos auf, dass sie mit viel Mü­he – mit der dop­pel­ten – al­les oder we­nigs­tens fast al­les er­rei­chen kön­nen in die­ser Ge­sell­schaft. Die an­de­ren wach­sen mit dem My­thos auf, dass es ei­nes gibt, das man ih­nen nicht neh­men kann:

Was im­mer sie zu­rück­wirft, sie fal­len nicht ins Lee­re. Ih­nen bleibt ihr Deutsch­sein: die fünf­und­zwan­zigs­te St­un­de des Tages, das Glas Wein, aus der Fla­sche, die je­mand an­ders ent­korkt hat, das Vor­recht auf et­was, das an­de­ren auf­grund der Zu­ge­hö­rig­keit vor­ent­hal­ten wird.

Die­ses Pri­vi­leg hat aber sei­nen Preis. Wer mehr be­kommt, als ihm zu­steht, wird von sich selbst ent­fernt. Um wie­der in Ein­klang mit sich selbst zu kom­men, kann es ei­ne Stra­te­gie sein, dar­an zu glau­ben, al­lein durch die ei­ge­ne Zu­ge­hö­rig­keit wirk­lich auch mehr wert zu sein – die an­de­ren zu „den An­de­ren“zu ma­chen, sie zu ent­mensch­li­chen. Dies kann aber nur tun, wer selbst ent­mensch­licht und ver­roht.

Bei­den Sei­ten– den­je­ni­gen, die da­zu er­zo­gen wer­den, sich mit der Hälf­te zu­frie­den­zu­ge­ben, und den­je­ni­gen, die da­zu er­zo­gen wer­den, ih­re Pri­vi­le­gi­en als selbst­ver­ständ­lich zu neh­men – wird die­ser My­thos in ei­nem Al­ter in­dok­tri­niert, in dem sie noch nicht sa­gen kön­nen: Ich will die­sen My­thos gar nicht. Da be­ginnt schon die Spal­tung im Land, die Scharf­ma­cher auf­recht­er­hal­ten.

Nun sa­gen über­all auf der Welt Leu­te wie Coa­tes: Hört auf, das Dop­pel­te leis­ten zu wol­len! Auch in Deutsch­land. Die­ses neue Selbst­be­wusst­sein macht ei­ni­gen viel­leicht Angst. Es geht die Si­cher­heit ver­lo­ren, al­lein auf­grund von Zu­ge­hö­rig­keit we­ni­ger ge­trof­fen zu wer­den von den Um­brü­chen der Zeit. Um die­se Angst zu emp­fin­den, muss nie­mand arm sein oder ei­ne zu ge­rin­ge Ren­te be­zie­hen, son­dern am Ho­ri­zont nur die ent­fern­te Mög­lich­keit des Sta­tus­ver­lusts wit­tern. Und es stimmt: Vie­le Pri­vi­le­gi­en wer­den ver­lo­ren ge­hen. Aber ihr Ver­lust ist auch ei­ne Er­lö­sung, die mensch­li­che Be­geg­nun­gen dort er­mög­licht, wo vor­her Res­sen­ti­ments wa­ren. Es gibt kei­nen an­de­ren Aus­weg aus der Ver­ro­hung, die uns spal­tet.

Wer mehr be­kommt, als ihm zu­steht, wird von sich selbst ent­fernt

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.