Com­pu­ter auf Ga­no­ven­jagd

Seit ei­nem Jahr wer­den in Ber­lin Ver­bre­chen per Soft­ware vor­her­ge­sagt. Die Po­li­zei lobt die Al­go­rith­men, Ex­per­ten zwei­feln an de­ren Nut­zen

Der Tagesspiegel - - DIGITALES BERLIN - Von Oli­ver Voss

Je­den Mor­gen lässt Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Micha­el Cor­ne­li­us im Ana­ly­se­zen­trum des Lan­des­kri­mi­nal­amts am Platz der Luft­brü­cke sei­nen Com­pu­ter aus­rech­nen, wo sich die Ver­bre­cher­jagd in der Haupt­stadt an die­sem Tag be­son­ders lohnt. Als Er­geb­nis er­hält er ei­ne ak­tu­el­le Ein­bruch­pro­gno­se: Auf der Ber­lin-Kar­te sind drei Ge­bie­te im Prenz­lau­er Berg, Wed­ding und Ste­glitz mit gel­ben und ro­ten Qua­dra­ten mar­kiert. Für die her­vor­ge­ho­be­nen Häu­ser­blocks kal­ku­lie­ren die Al­go­rith­men heu­te ei­ne be­son­ders ho­he Wahr­schein­lich­keit, dass sich Ein­bre­cher­ban­den ans Werk ma­chen. „Die In­for­ma­tio­nen schi­cken wir an die zu­stän­di­gen Po­li­zei­di­rek­tio­nen“, sagt Cor­ne­li­us. Vor Ort wird dann ent­schie­den, ob ver­stärkt Strei­fen in die ge­fähr­de­ten Ge­bie­te auf Pa­trouil­le ge­schickt wer­den, teil­wei­se wer­den auch die An­woh­ner mit Fly­ern ge­warnt.

Es ist der ers­te Schritt, mit dem ei­ne Vision des Sci­ence-Fic­tion-Au­tors Phi­lip K. Dick in die Rea­li­tät über­führt wird: Po­li­zis­ten sol­len Ver­bre­chen ver­hin­dern, be­vor sie be­gan­gen wer­den. Pre­dic­tive Po­li­cing nennt sich die Tech­no­lo­gie, die in im­mer mehr Bun­des­län­dern ein­ge­setzt wird. Wel­che Pro­ble­me es al­ler­dings mit sich bringt, wenn sich Feh­ler in die Ver­bre­chens­pro­gno­sen ein­schlei­chen, zeig­te schon „Mi­no­ri­ty Re­port“, Ste­ven Spiel­bergs Ver­fil­mung des Dick-Ro­mans mit Tom Crui­se in der Haupt­rol­le. Auch im ech­ten Le­ben klop­fen in den USA be­reits Po­li­zei­be­am­te an die Tü­ren von Men­schen, die nur durch die Kal­ku­la­ti­on ei­nes Al­go­rith­mus in Ver­dacht ge­ra­ten sind. So nutzt bei­spiels­wei­se die Po­li­zei in Chi­ca­go ein Sco­ring-Sys­tem, das ei­ne ro­te Lis­te po­ten­zi­el­ler Tä­ter er­stellt. Wie weit Vision und Wirk­lich­keit be­reits ver­schmel­zen, zeigt auch der Do­ku­men­tar­film „Pre-Cri­me“, der ge­ra­de im Ki­no ge­star­tet ist.

„Den wer­de ich mir auch mal an­schau­en“, sagt Kom­mis­sar Cor­ne­li­us. „Aber von Mi­no­ri­ty Re­port sind wir noch ganz weit weg.“In der Tat wird die Ber­li­ner Soft­ware nicht da­zu ge­nutzt, po­ten- ziel­le in­di­vi­du­el­le Straf­tä­ter zu iden­ti­fi­zie­ren. Statt­des­sen folgt der An­satz der so­ge­nann­ten Ne­ar-Re­peat-Theo­rie. Die be­sagt, dass ge­ra­de pro­fes­sio­nel­le Tä­ter nach ei­nem er­folg­rei­chen Ein­bruch oft mehr­fach in der Nä­he zu­schla­gen.

„Wir las­sen den Al­go­rith­mus nach ent­spre­chen­den Mus­tern su­chen“, sagt der Kri­mi­na­list. Da­zu hat das LKA die Stadt in mehr als 9000 Qua­dra­te ein­ge­teilt, die je­weils 400 mal 400 Me­ter um­fas­sen. Fast die Hälf­te da­von kön­nen die Be­am­ten igno­rie­ren, da es sich um Parks, Ge­wäs­ser oder an­de­re un­be­bau­te Flä­chen han­delt. Die­ses Ras­ter wird dann mit ei­ner Da­ten­bank ver­knüpft, in der In­for­ma­tio­nen über al­le Ein­brü­che ver­zeich­net wer­den. Wenn es in ei­nem Qua­dran­ten 21 Ta­ge lang kei­nen Ein­bruch gab und dann in drei Ta­gen zwei Fäl­le, lie­ge die Wahr­schein­lich­keit bei 33 bis 37 Pro­zent, dass noch ein drit­ter Dieb­stahl fol­ge, er­klärt der Er­mitt­ler. In die­se Pro­gno­se be­zie­hen Cor­ne­li­us und sei­ne Kol­le­gen je­doch noch ei­ne gan­ze Rei­he wei­te­rer Fak­to­ren ein.

In der Re­gel gibt es drei Tä­ter­ty­pen: Ei­ne gro­ße Grup­pe ma­chen ehe­ma­li­ge Freun­de und Be­kann­te aus. Ein klas­si­scher Fall: „Der Ex zieht aus und will den Fern­se­her mit­neh­men, aber die bis­he­ri­ge Freun­din hat schon ein neu­es Schloss ein­ge­baut.“In die zwei­te Grup­pe fal­len Be­schaf­fungs­kri­mi­na­li­tät und Ge­le­gen­heits­tä­ter, die bei­spiels­wei­se ein of­fen ste­hen­des Fens­ter nut­zen. Für die Com­pu­ter­ana­ly­se ist je­doch nur der drit­te Ty­pus in­ter­es­sant: pro­fes­sio­nel­le Se­ri­en­tä­ter. Denn nur bei de­nen zei­gen sich Mus­ter, die auch die Soft­ware er­ken­nen kann.

Da­zu wer­den al­le Tat­merk­ma­le in der Da­ten­bank mit ei­nem Punk­te­sys­tem ge­wich­tet. Ha­ben die Ein­bre­cher ei­ne Schei­be ein­ge­wor­fen, gibt es we­nig Punk­te, denn das ver­ur­sacht Lärm und ist eher un­pro­fes­sio­nell. Da­ge­gen zeigt das so­ge­nann­te „Rie­gel zie­hen“fast im­mer, dass Pro­fis am Werk wa­ren: Sie öff­nen da­bei die Flü­gel­tü­ren von Alt­bau­ten mit ei­nem Schrau­ben­zie­her. Die Wer­te flie­ßen in die Be­rech­nung mit ein und füh­ren letzt­lich zu den Pro­gno­sen wei­te­rer mög­li­cher Ta­ten.

Doch was bringt die Ver­bre­chens­vor­her­sa­ge letzt­lich? „Wir ha­ben seit zwölf Mo­na­ten nied­ri­ge­re Fall­zah­len“, sagt Cor­ne­li­us. „Im ak­tu­el­len Jahr sind die Rück­gän­ge zwei­stel­lig.“Er glaubt, dass da­zu auch die Al­go­rith­men bei­ge­tra­gen ha­ben.

Ver­schie­de­ne Ex­per­ten sind da je­doch skep­tisch. „Man kann nicht ge­nau be­zif­fern, ob und in wel­chem Aus­maß die Soft­ware Kri­mi­na­li­täts­zah­len sen­ken kann“, sagt Do­mi­nik Gerst­ner, Wis­sen­schaft­ler am Max-Planck-In­sti­tut für Straf­recht in Frei­burg. „Die Ef­fek­te von Pre­dic­tive Po­li- cing sind aber eher ge­ring“, sagt Gerst­ner. Das zeig­te sich auch in der bis­lang größ­ten wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­su­chung zum The­ma in Deutsch­land, die Gerst­ner kürz­lich ver­öf­fent­licht hat. Da­bei ana­ly­sier­te er ein Pi­lot­pro­jekt der Po­li­zei in Ba­den-Würt­tem­berg, die eben­falls die neue Tech­no­lo­gie ein­ge­setzt hat. Der wich­tigs­te Schluss der Stu­die: „Die kri­mi­na­li­täts­min­dern­den Ef­fek­te von Pre­dic­tive Po­li­cing im Pi­lot­pro­jekt lie­gen nur in ei­nem mo­de­ra­ten Be­reich.“Zwar sank die Zahl der Ein­brü­che in ei­ni­gen Städ­ten wie Stutt­gart, in Karls­ru­he nahm sie da­ge­gen so­gar zu.

Ähn­lich un­ein­deu­tig sind die Zah­len für das ers­te Halb­jahr die­ses Jah­res in Ber­lin. Im Ge­biet der Po­li­zei­di­rek­ti­on 5, zu dem Fried­richs­hain-Kreuz­berg und Neu­kölln ge­hö­ren, warn­te die Soft­ware 82 Mal. Das ist fast dop­pelt so viel wie in den nächst­fol­gen­den Di­rek­tio­nen. Die Zahl der Ein­brü­che sank in der Di­rek­ti­on 3 von 1049 auf 711. Das klingt erst mal gut. Al­ler­dings gin­gen die Ein­brü­che auch in der Di­rek­ti­on 6 (Trep­tow-Kö­pe­nick, Mar­zahn-Hel­lers­dorf, Lich­ten­berg-Ho­hen­schön­hau­sen) von 1014 auf 724 zu­rück. Al­ler­dings hat­te hier die Soft­ware nur neun Mal Alarm ge­schla­gen.

Wer die Wirk­sam­keit der Tech­no­lo­gie mes­sen möch­te, steckt aber in ei­nem Di­lem­ma. „Wenn ent­ge­gen der Pro­gno­se kein Ein­bruch statt­fin­det, weiß man nicht, ob die Soft­ware falsch lag oder die Po­li­zei die Ein­bre­cher ab­ge­schreckt hat“, sagt Si­mon Eg­bert, Kri­mi­nal­for­scher an der Uni­ver­si­tät Ham­burg. Trotz­dem glaubt er, dass die Po­li­zei künf­tig ver­stärkt sol­che Tech­no­lo­gi­en nut­zen wird.

Ne­ben Ber­lin und Ba­den-Würt­tem­berg nutzt oder tes­tet auch die Po­li­zei in Bay­ern, Hes­sen, Nie­der­sach­sen und Ba­den-Würt­tem­berg Pre­dic­tive Po­li­cing. An­de­re Län­der prü­fen der­zeit ei­nen Ein­satz, dar­un­ter auch Bran­den­burg. „Das Po­li­zei­prä­si­di­um des Lan­des Bran­den­burg er­ar­bei­tet ge­gen­wär­tig ei­ne er­wei­ter­te Mach­bar­keits­stu­die un­ter der Mit­wir­kung von Mi­cro­soft Deutsch­land“, sag­te ein Spre­cher des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. In Nord­rhein-West­fa­len und Bay­ern wird auch ge­prüft, ob die Tech­no­lo­gie auf an­de­re Straf­ta­ten wie Kfz-Dieb­stahl aus­ge­wei­tet wird. Au­to­klau ist na­he­lie­gend, da auch hier meist Pro­fis am Werk sind. Und die be­vor­zu­gen oft be­stimm­te Fahr­zeug­ty­pen. Könn­te man über die Da­ten der Zu­las­sungs­stel­le nicht auch ana­ly­sie­ren, wo be­son­ders viel ge­fähr­de­te Au­tos ste­hen? „Das sind per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten, die wir in Ber­lin nicht nut­zen“, sagt Cor­ne­li­us.

Wie lan­ge das so bleibt, ist je­doch die Fra­ge. Auch die De­bat­te um mehr Vi­deo­ka­me­ras und der Test von Ge­sichts­er­ken­nungs­soft­ware am Süd­kreuz zeigt, dass vie­le Leu­te für das Ge­fühl von mehr Si­cher­heit auch im­mer mehr Über­wa­chungs­tech­no­lo­gie ak­zep­tie­ren. „Ich kann mir vor­stel­len, dass auch in Deutsch­land die Ana­ly­se per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten auf den Plan rückt“, sagt For­scher Eg­bert. Zu­nächst im Be­reich Ter­ro­ris­mus, doch wenn ei­ne Tech­no­lo­gie erst mal im­ple­men­tiert ist, wird die Nut­zung ten­den­zi­ell eher aus­ge­wei­tet. So könn­te auch hier­zu­lan­de das Mi­no­ri­ty-Re­port-Sze­na­rio schnel­ler re­al wer­den, als Sci­ence-Fic­tion-Vi­sio­när Dick glaub­te. Die Ge­schich­te spielt erst im Jahr 2054.

Sze­nen wie aus „Mi­no­ri­ty Re­port“sind in den USA schon re­al

Fo­to: Pro­mo

Im Vi­sier der Al­go­rith­men. In Chi­ca­go lässt die Po­li­zei per Com­pu­ter Punkt­wer­te für Per­so­nen er­rech­nen, die mög­li­cher­wei­se zu Straf­tä­tern wer­den könn­ten. Die Fol­gen zeigt der ak­tu­el­le Do­ku­men­tar­film „PreC­ri­me“.

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