„Wir ver­mis­sen kein Smart­pho­ne“

Ein Rent­ner­paar aus Fal­ken­see be­zwei­felt, dass al­les di­gi­ta­li­siert wer­den muss – und zeigt, wie Äl­te­re das In­ter­net auf ih­re ei­ge­ne Wei­se nut­zen kön­nen

Der Tagesspiegel - - DIGITALES BERLIN -

Wel­che Be­deu­tung hat ei­gent­lich noch der Mensch als Per­son, al­so der Mensch, den man se­hen, hö­ren, rie­chen, spü­ren oder be­rüh­ren kann? Ob nun an­ge­nehm oder un­an­ge­nehm, di­rekt von Mensch zu Mensch ist doch Le­ben pur. Viel­leicht ver­lie­ren Men­schen, die nur noch über Smart­pho­ne oder an­de­re di­gi­ta­le Me­di­en kom­mu­ni­zie­ren, des­halb so leicht den Re­spekt an­de­ren Men­schen ge­gen­über.

Auch wir ha­ben ein Lap­top, üb­ri­gens nicht ab­ge­legt, son­dern selbst ge­kauft! Ein Smart­pho­ne be­sit­zen wir nicht. Uns – als 74- und 76-jäh­ri­ge Rent­ner – ge­nügt ein ganz sim­ples Mo­bil­te­le­fon, nur um im Not­fall Hil­fe zu ru­fen. Das be­deu­tet al­ler­dings auch, dass ei­ni­ges im Vor­aus ge­plant wer­den muss, zum Bei­spiel die Nut­zung öf­fent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel. Um an ei­nen frem­den Ort zu ge­lan­gen nut­zen wir pro­blem­los Stadt­plä­ne oder Kar­ten.

Und wir möch­ten kei­nes­wegs pau­sen­los Fo­tos oder Nach­rich­ten an­de­rer Men­schen er­hal­ten. Wich­ti­ge Nach­rich­ten kön­nen uns gern per Fest­netz-Te­le­fon, not­falls über den An­ruf­be­ant­wor­ter oder per E-Mail über­mit­telt wer­den. Spe­zi­el­le Apps ha­ben wir bis­her auch nicht be­nö­tigt. Noch kön­nen wir selbst den­ken, an ge­eig­ne­ten Stel­len nach­schau­en oder fra­gen, so­fern wir et­was Be­son­de­res er­fah­ren möch­ten. Wir nut­zen we­der Face­book noch Twit­ter, doch ha­ben und pfle­gen wir vie­le per­sön­li­che Kon­tak­te.

Un­se­ren Lap­top nut­zen wir vor­wie­gend für E-Mails, mal um Flü­ge zu bu­chen oder Ak­tu­el­les über ein Rei­se­ziel zu le­sen. Für Ar­bei­ten in ei­ner AG „Woh­nen im Al­ter“wird der Com­pu­ter so­wohl für Pro­to­kol­le, die Or­ga­ni­sa­ti­on von Ver­an­stal­tun­gen mit Fly­ern und Pos­tern wie auch zur Vor­be­rei­tung von Le­sun­gen ge­nutzt. Mit der Toch­ter, die weit ent­fernt lebt, sky­pen wir. Und wir be­ar­bei­ten und be­wah­ren Fo­tos, für die wir noch ei­nen rich­ti­gen Fo­to­ap­pa­rat nut­zen. Denn wenn wir ein Fo­to ma­chen, Schnapp­schüs­se aus­ge­nom­men, neh­men wir auch die um­ge­ben­den Ein­drü­cke wahr, um uns spä­ter, beim Be­trach­ten der Bil­der, der gan­zen Si­tua­ti­on zu er­in­nern.

An­sons­ten tref­fen wir uns ein­mal in der Wo­che mit an­de­ren Se­nio­ren zum aus­ge­dehn­ten Kaf­fee­klatsch, bei dem durch­aus ak­tu­el­le The­men aus Po­li­tik und Kul­tur Vor­rang ha­ben. An ei­nem an­de­ren Tag spie­len wir im Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus der Stadt in grö­ße­rer Run­de Kar­ten. Und es ist, nicht nur in un­se­rer Stadt, ein drin­gen­der Wunsch an die Ver­wal­tung, mehr „Treff­punk­te“zu schaf­fen, weil wir uns eben nur zu gern von Mensch zu Mensch be­geg­nen. Und nie­mand von uns ver­misst ein Smart­pho­ne, we­ni­ge nicht mal ei­nen Com­pu­ter oder Ähn­li­ches. Wenn Be­darf be­steht, so hilft ein Freund, Be­kann­ter oder die Fa­mi­lie.

Durch die Di­gi­ta­li­sie­rung sol­len die Men­schen ja auch Zeit spa­ren, aber was tun sie dann ei­gent­lich mit der ge­won­ne­nen Zeit? Sich auch wie­der mit dem Smart­pho­ne oder Com­pu­ter be­schäf­ti- gen? Di­gi­ta­li­sie­rung ist in vie­ler­lei Fäl­len si­cher sehr sinn­voll, doch für uns be­deu­tet sie in man­cher Hin­sicht Ent­mün­di­gung, wer­den doch vie­le Din­ge vor­ge­ge­ben. Selbst nach­zu­den­ken ist nicht mehr not­wen­dig, viel­leicht auch nicht ge­wünscht. Und wenn erst ein­mal Ro­bo­ter das Ar­beits­le­ben gestal­ten, wer­den für sie ei­gent­lich So­zi­al­ab­ga­ben ge­leis­tet? Denn we­ni­ger Men­schen wird es nicht ge­ben, wor­aus soll­ten dann Ren­ten und an­de­res ge­zahlt wer­den? Si­cher kann man auch die Ar­beit bei der Po­li­zei, Feu­er­wehr, in Me­di­zin und Pfle­ge durch Di­gi­ta­li­sie­rung er­leich­tern. Doch den Men­schen er­set­zen kann man nicht, auch wenn es ei­nen ho­hen Ar­beits­kräf­te­man­gel gibt. Men­schen in die­sen Be­ru­fen brau­chen tech­ni­sche Un­ter­stüt­zung, vor al­lem aber An­er­ken­nung und ei­nen an­ge­mes­se­nen Lohn! Dann kön­nen wir wie­der Men­schen für die­se Be­ru­fe be­geis­tern. Es gä­be noch vie­le Grün­de auf­zu­zäh­len, war­um das Le­ben auch oh­ne viel­sei­ti­ge Di­gi­ta­li­sie­rung le­bens­wert ist, doch dies wür­de hier zu weit füh­ren. Manch­mal wünsch­ten wir uns schon, der Strom fie­le ei­ni­ge Zeit aus. Doch das wür­de lei­der zu ei­nem ab­so­lu­ten Cha­os füh­ren, dar­um al­so lie­ber nicht.

Rei­sen im Netz bu­chen ja, Smart­pho­ne-Nach­rich­ten nein. ha­ben ein dif­fe­ren­zier­tes Ver­hält­nis zur Di­gi­ta­li­sie­rung. Dag­mar und Horst von Kleist Fo­to: Kai-Uwe Hein­rich

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