Der Mus­lim, der ei­ne Jü­din ret­te­te

Der ägyp­ti­sche Arzt Mo­ham­med Hel­my ver­steck­te wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ei­ne Jü­din bei sich. Der Au­tor Ro­nen St­ein­ke hat die Ge­schich­te in ei­nem Buch fest­ge­hal­ten

Der Tagesspiegel - - BERLIN -

War­um war Ber­lin da­mals so be­liebt un­ter Ara­bern?

Wer zum Stu­die­ren nach Eu­ro­pa woll­te, der ging nicht nach Pa­ris oder Lon­don. Das wa­ren die Haupt­städ­te der Ko­lo­nia­lis­ten, die ara­bi­sche Län­der un­ter­joch­ten. Ber­lin hin­ge­gen galt als ara­ber­freund­lich. Die Stadt schil­ler­te als Ort der Kul­tur und Wis­sen­schaft. Und Deutsch­land tat viel da­für, Ara­ber an­zu­lo­cken. Man spen­dier­te Sti­pen­di­en. Man warb rich­tig dar­um, dass Söh­ne rei­cher Fa­mi­li­en aus Kai­ro, Da­mas­kus oder Mar­ra­kesch, al­so die zu­künf­ti­ge Eli­te ih­rer Län­der, für ein paar Jah­re nach Deutsch­land kom­men.

Der ge­wöhn­li­che Ber­li­ner schien in den Ara­bern hin­ge­gen nicht viel mehr als exo­ti­sche Tie­re zu er­ken­nen, schrei­ben Sie. Wie ge­stal­te­te sich das Le­ben für ei­nen mus­li­mi­schen Ara­ber da­mals in der deut­schen Haupt­stadt?

Der Ras­sis­mus kam oft im Ge­wand ei­nes ver­klä­ren­den Ori­en­ta­lis­mus da­her. Prin­zen aus dem Mor­gen­land. Mys­tik des Ori­ents. Die Kli­schees zeig­ten sich auch in Schla­gern, die da­mals po­pu­lär wa­ren. Ara­ber wur­den in den so­ge­nann­ten Völ­ker­schau­en im Zoo aus­ge­stellt.

Da­bei wa­ren die rea­len Ara­ber in Deutsch­land bür­ger­lich und hoch­ge­bil­det, wie Sie schrei­ben.

Ja, und sie ver­stan­den es, gut zu le­ben: Die ers­ten Ki­nos in der Stadt wur­den von ei­nem ägyp­ti­schen Ge­schäfts­mann ge­grün­det, vie­le Jazz-Klubs rund um den Ku'damm hat­ten ara­bi­sche Be­trei­ber, die Carl­ton-Bar in der Ran­ke­stra­ße et­wa, die Ci­ro-Bar, in der jü­di­sche Swing-Mu­si­ker auf­tra­ten, oder das Sher­bi­ni, das mit Kitsch von Kleo­pa­tra bis Kö­nig Fa­ruk ge­schmückt und sil­bern ge­tä­felt war.

En­de­te das, als die Na­zis an die Macht ka­men?

In­ter­es­san­ter­wei­se nicht. Na­tür­lich blick­ten die Na­zis ras­sis­tisch her­ab auf Ara­ber. An­de­rer­seits hat­ten sie ein stra­te­gi­sches In­ter­es­se dar­an, die mus­li­mi­sche Welt auf ih­re Sei­te zu zie­hen. Man hoff­te auf ein Bünd­nis ge­gen ge­mein­sa­me Fein­de – Bri­ten, Fran­zo­sen und Ju­den. Al­so streng­ten sich die NS-Ras­sen­ideo­lo­gen an, bis sie ei­nen Weg ge­fun­den hat­ten, zu Ara­bern freund­lich zu sein. Man de­fi­nier­te sie, die zu­vor als „Se­mi­ten“ge- gol­ten hat­ten, zu ei­nem ed­len, den Eu­ro­pä­ern art­ver­wand­ten Volk um. Das heißt, die Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­ze be­tra­fen Ara­ber nicht. Ara­ber wur­den nicht de­por­tiert, son­dern wei­ter ho­fiert.

ist Re­dak­teur und Au­tor der „Süd­deut­schen Zei­tung“. Sein Buch „Der Mus­lim und die Jü­din – Die Ge­schich­te ei­ner Ret­tung in Ber­lin“ist im Au­gust im Ber­lin Ver­lag er­schie­nen.

Manch­mal scheint es, als hät­ten sich die Na­zis ge­ra­de­zu ob­ses­siv zum Is­lam hin­ge­zo­gen ge­fühlt.

Der Ein­druck täuscht, mei­ne ich. Es sind zwar ei­ni­ge schrä­ge Zi­ta­te über­lie­fert von mäch­ti­gen Na­zis wie Himm­ler und Hit­ler, die ganz schwär­me­risch vom Is­lam spra­chen. Sie schwa­dro­nier­ten, der Is­lam sei „mann­haf­ter“als das Chris­ten­tum und des­halb dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus nä­her. Hit­ler hat sich am En­de so- gar zu der The­se ver­stie­gen, es hät­te den Deut­schen gut­ge­tan, wenn das Abend­land im Mit­tel­al­ter kom­plett is­la­mi­siert wor­den wä­re. Mus­li­mi­sche Ger­ma­nen, so Hit­lers Fan­ta­sie, wä­ren als Krie­ger un­schlag­bar ge­we­sen. Bi­zarr. Aber das al­les ist Pro­pa­gan­da-Rhe­to­rik ge­we­sen. Na­tür­lich hat­ten die Na­zis kei­nen Re­spekt vor die­ser Kul­tur. Sie ha­ben nach Kräf­ten ver­sucht, der mus­li­mi­schen Welt Ho­nig um den Bart zu schmie­ren. Mo­ham­med Hel­my nahm in Ber­lin ein 17-jäh­ri­ges jü­di­sches Mäd­chen bei sich auf, An­na Bo­ros, und ret­te­te sie vor der De­por­ta­ti­on ins KZ. Wie kam es zum Kon­takt? Hel­my ar­bei­te­te als Arzt und hat­te vie­le jü­di­sche Pa­ti­en­ten. Es gab ei­ne gro­ße Ver­traut­heit zwi­schen der jü­di­schen und der mus­li­mi­schen, so welt­läu­fi­gen Min­der­heit. Und ei­ne die­ser jü­di­schen Fa­mi­li­en, die Hel­my be­han­del­te, wand­te sich 1941 ver­zwei­felt an ihn. Das war die Fa­mi­lie des Mäd­chens An­na. Der ägyp­ti­sche Arzt ge­noss beim NS-Re­gime ge­wis­se Frei­hei­ten – und nun nutz­te er die­se, um das jü­di­sche Mäd­chen ver­schwin­den zu las­sen. Mit ei­nem op­ti­schen Täu­schung. Er gab sie als sei­ne Nich­te aus. Als Mus­li­min. Wie groß war die Ge­fahr für ihn, ent­deckt zu wer­den?

Er hat­te ziem­lich oft mit der Gesta­po zu tun. Die Män­ner sind bei ihm in die Pra­xis hin­ein­ge­stie­felt, ha­ben miss­trau­isch Fra­gen ge­stellt. Und An­na, das jü­di­sche Mäd­chen, saß da­bei di­rekt vor ih­rer Na­se – un­ter fal­scher Iden­ti­tät. Es gab ei­ni­ge brenz­li­ge Si­tua­tio­nen.

Sie sa­gen, dass Ber­li­ner Ju­den und Mus­li­me gut mit­ein­an­der aus­ka­men – was ver­band sie?

In der Wei­ma­rer Zeit hat­te es ei­ne gro­ße Nä­he ge­ge­ben. Hier wa­ren zwei schwei­ne­fleisch­freie Min­der­hei­ten. Bei­de wur­den aus­ge­grenzt, bei­de hat­ten ein Bil­dungs­ide­al. Die mus­li­mi­sche Min­der­heit war frei­lich mi­kro­sko­pisch im Ver­gleich zu den deut­schen Ju­den. Aber un­ter Letz­te­ren gab es ei­ne ro­man­ti­sche Sehn­sucht nach dem Ori­ent, zum Bei­spiel spa­zier­te die deutsch-jü­di­sche Ly­ri­ke­rin Else Las­ker-Schü­ler als ara­bi­scher Prinz ver­klei­det durch die Stra­ßen Ber­lins, in ih­ren Ge­dich­ten be­sang sie die Bru­der­schaft von Ju­den und Mus­li­men, „Juss­uf und Jo­sef “. Al­so nah­men Ju­den die mus­li­mi­schen Gäs­te mit of­fe­nen Ar­men auf. Man kann, wenn man möch­te, auch die theo­lo­gi­schen Ge­mein­sam­kei­ten be­trach­ten: Ju­den­tum und Is­lam lie­gen viel nä­her bei­ein­an­der als am Chris­ten­tum. Vor al­lem in ih­rem Mo­no­the­is­mus, der nicht durch die Vor­stel­lung ei­nes Got­tes­sohns oder ei­ner Drei­fal­tig­keit ver­kom­pli­ziert wird.

Hel­my starb 1982 in Ber­lin – blie­ben die bei­den in Kon­takt mit­ein­an­der?

Ja, bis an ihr Le­bens­en­de. An­na und Hel­my ha­ben sich noch jahr­zehn­te­lang Brie­fe ge­schrie­ben.

Gibt es ähn­li­che Fäl­le wie den von Hel­my?

Hel­my war nicht al­lein. Er hat­te Hil­fe von ei­nem gan­zen Netz­werk ara­bi­scher Freun­de in Ber­lin, das ge­fälsch­te Pa­pie­re und Ähn­li­ches or­ga­ni­sier­te. Und nicht nur das jü­di­sche Mäd­chen An­na, son­dern auch de­ren Groß­mut­ter wur­de so ge­ret­tet.

Hel­my wur­de post­hum als Ge­rech­ter un­ter den Völ­kern aus­ge­zeich­net. Sei­ne Fa­mi­lie woll­te die Aus­zeich­nung der Yad-Vas­hem-Stif­tung je­doch nicht ent­ge­gen­neh­men. War­um?

Ich bin zu den Nach­fah­ren Hel­mys nach Kai­ro ge­fah­ren, ge­nau­so wie zu den Nach­fah­ren An­nas in New York. Die Fa­mi­lie in Kai­ro sagt: Sie will die Eh­rung nicht an­neh­men, weil sie aus Is­ra­el kommt. Man wol­le nicht Teil ei­nes zio­nis­ti­schen Pro­pa­gan­da-Stücks wer­den. Das ist die bit­te­re Po­in­te: So nah man sich zu Hel­mys Zei­ten war, so fern sind sich Mus­li­me und Ju­den heu­te oft. So sehr über­la­gert der Nah­ost­kon­flikt al­le Er­in­ne­rung. Um­so wich­ti­ger fin­de ich es, ei­ne wah­re Ge­schich­te wie die von Hel­my und An­na wie­der ins Be­wusst­sein zu brin­gen.

— Am 20. Ok­to­ber liest der Au­tor im Buch­la­den am Baye­ri­schen Platz, Gru­ne­wald­str. 59, 10825 Ber­lin. Das In­ter­view mit ihm führ­te Jo­han­nes C. Bo­cken­hei­mer.

Ro­nen St­ein­ke

Schick­sals­ge­mein­schaft. Der ägyp­ti­sche Arzt Mo­ham­med Hel­my und An­na Bo­ros.

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