Bö­ses Er­wa­chen

Als der Arzt ihr die Dia­gno­se stellt, ist Va­le­ria F. scho­ckiert: Ma­gen­krebs. Sie ist doch erst 30! Die jun­ge Frau än­dert ih­ren Le­bens­stil und ih­re Er­näh­rung. Be­reit­wil­lig lässt sie je­de Be­hand­lung über sich er­ge­hen. Dann wird sie stut­zig

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Nein, das kann, das darf nicht sein, denkt Va­le­ria F. an je­nem Win­ter­tag vor vier Jah­ren, ich bin doch erst 30. Die Dia­gno­se des Arz­tes al­ler­dings ist ein­deu­tig: Dort, wo ih­re Spei­se­röh­re in den Ma­gen mün­de, ent­ste­he ein Tu­mor. „Wir ma­chen das an­fäl­li­ge Ge­we­be mit dem La­ser weg“, sagt der Dok­tor. „Und am bes­ten bald.“

Ther­mi­sche Abla­ti­on nen­nen Me­di­zi­ner das. Va­le­ria F. ver­steht nicht ganz ge­nau, was der Arzt vor­hat, aber sie wi­der­spricht nicht. „Man will eben Hil­fe“, sagt sie heu­te, „so ein­fach.“

Ma­gen­schmer­zen ha­ben Va­le­ria F., ei­ne zier­li­che Frau mit de­zen­ten Tat­toos und gro­ßer Bril­le, in die­se Schö­ne­ber­ger Pra­xis ge­führt. Kurz zu­vor hat die Ita­lie­ne­rin in Ber­lin ein ei­ge­nes Un­ter­neh­men ge­grün­det, sie de­signt und ver­kauft Schu­he. Ter­min­druck, Ver­ant­wor­tung, Stress schei­nen ihr auf den Ma­gen ge­schla­gen zu ha­ben.

Ihr Haus­arzt rät Va­le­ria F., ei­nen Gas­tro­en­te­ro­lo­gen auf­zu­su­chen, ei­nen Fach­mann für den Ma­gen-Darm-Trakt. Erst mel­det sich F. in ei­ner an­de­ren Pra­xis, dort aber wer­den ab­seh­bar kei­ne Ter­mi­ne ver­ge­ben. In Ber­lin dau­ert es oft Wo­chen, manch­mal Mo­na­te, bis Fach­ärz­te freie Ter­mi­ne ha­ben.

Wes­halb Va­le­ria F. dann in die­ser Schö­ne­ber­ger Pra­xis an­ruft, weiß sie heu­te nicht mehr ge­nau. „Je­den­falls hat er mir so­fort ei­nen Ter­min ge­ge­ben.“Der Arzt, um den es geht, prak­ti­ziert seit bald 40 Jah­ren. In die­ser Ge­schich­te soll er Her­mann Wolf hei­ßen.

Als Va­le­ria F. im De­zem­ber 2013 zum ers­ten Mal in die Pra­xis von Her­mann Wolf kommt, ist das War­te­zim­mer voll. Es herrscht Hek­tik, der Dok­tor macht bei sei­ner Un­ter­su­chung ei­nen über­aus ent­schlos­se­nen Ein­druck. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten führt er den Son­den­kopf ei­nes Ul­tra­schall­ge­räts über den Bauch der Pa­ti­en­tin. Die Bil­der sind un­ge­nau, wes­halb er – wie­der in Mi­nu­ten­schnel­le – ei­nen Anäs­the­sis­ten ho­len lässt. Der setzt F. ei­ne Mas­ke auf. Voll­nar­ko­se, Ma­gen­spie­ge­lung. Als sie auf­wacht, ver­kün­det ihr der Arzt: „Ich ver­mu­te, wir ha­ben es mit ei­nem Bar­rett-Syn­drom zu tun.“

Va­le­ria F. ist scho­ckiert. Das Bar­rett-Syn­drom, er­klärt der Arzt, sei ei­ne krank­haf­te Ge­we­be­ver­än­de­rung zwi­schen Spei­se­röh­re und Ma­gen – ei­ne Krebs­vor­stu­fe. Er ha­be ihr wäh­rend der Nar­ko­se ei­ne Pro­be für das La­bor ent­nom­men, bald wer­de ein Er­geb­nis vor­lie­gen, dann ha­be man Ge­wiss­heit.

Den Be­fund der La­bo­ran­ten ver­kün­det Wolf sei­ner Pa­ti­en­tin beim zwei­ten Pra­xis­be­such ein paar Ta­ge spä­ter: Ja, wie ver­mu­tet, Bar­rett-Syn­drom, zwei Zen­ti­me­ter lang. „Das wird wohl ein Tu­mor“, sag­te Wolf, „wir soll­ten la­sern.“Mi­nu­ten spä­ter däm­mert F. wie­der in Voll­nar­ko­se weg. Nach dem Auf­wa­chen ver­ein­bart der Arzt ei­nen Kon­troll­ter­min.

Va­le­ria F. fragt sich ängst­lich: Wie wer­de ich le­ben? Darf ich es­sen, was ich möch­te? Sind Wein, Bier, Sekt er­laubt? Die jun­ge Frau be­ginnt ih­ren All­tag um­zu­stel­len, sie ver­zich­tet auf Fleisch. Bei Ma­gen­krebs wird das emp­foh­len. Va­le­ria F. wird so­gar Ve­ga­ne­rin. „Ich hat­te ein­fach Angst“, sagt sie. „Man macht dann al­les Mög­li­che, um wie­der ge­sund zu wer­den.“

Drei Wo­chen nach der ers­ten La­ser­be­hand­lung sitzt Va­le­ria F. wie­der bei Dok­tor Wolf in der Pra­xis. Der Arzt teilt ihr mit, dass der La­ser of­fen­bar nicht ge­hol­fen ha­be. „Das ha­ben wir noch nicht weg­be­kom­men“, sagt Wolf ernst. „Wir neh­men ei­nen an­de­ren La­ser!“Und wie­der: OP-Tisch, Voll­nar­ko­se.

Zu ei­nem vier­ten Ter­min er­scheint Va­le­ria F. dann ei­ne Wo­che spä­ter. Man müs­se schau­en, gibt Wolf ihr zu ver­ste­hen, ob der La­ser ge­wirkt ha­be. OP-Tisch, Voll­nar­ko­se, En­do­sko­pie. Er­geb­nis: un­klar, „bit­te kom­men Sie in ein paar Wo­chen wie­der“.

Va­le­ria F. fährt nach Ita­li­en, ob­wohl Dok­tor Wolf ihr da­von ab­rät. In ih­rer Hei­mat trifft sie sich mit Ge­schäfts­part­nern und Freun­den. In Sor­ge ist sie im­mer noch, denn soll­te der La­ser auch dies­mal kei­ne Wir­kung ge­zeigt ha­ben, dann – das hat Wolf ihr pro­phe­zeit – müs­se eben rich­tig ope­riert wer­den.

In Ita­li­en er­reicht die De­si­gne­rin je­ner merk­wür­di­ge An­ruf, den sie heu­te als ver­rä­te­risch ein­stuft: Erst ent­facht der Arzt so viel Angst in ihr, legt sie auf den OP-Tisch, und nun mel­det er sich – wie ne­ben­bei – be­schwingt am Te­le­fon? „Hal­lo, kein Krebs mehr da“, träl­lert der Dok­tor in sorg­lo­sem Ton. „Aber kom­men Sie bit­te noch zum Kon­troll­ter­min.“

Kein Tu­mor, Va­le­ria F. ist er­leich­tert. Trotz­dem, so er­in­nert sie sich heu­te an das Ge­fühl, ist der An­ruf der Mo­ment, seit­dem für sie fest­steht: Mit die­sem Arzt stimmt ir­gend­was nicht. „Er wirk­te plötz­lich so un­ernst“, sagt sie. „Mir kam das ko­misch vor, als wä­re das al­les ein Spiel für ihn ge­we­sen.“

Va­le­ria F. geht, trotz Wolfs aus­drück­li­cher Auf­for­de­rung, nicht mehr in sei­ne Pra­xis. Sie spricht statt­des­sen mit ei­nem Freund, der in­zwi­schen selbst Me­di­zi­ner ist. Der wun­dert sich: So jung schon Ma­gen­krebs – und so­fort La­ser­ein­satz? Va­le­ria F. grü­belt. Nach ei­ni­gen Mo­na­ten wen­det sie sich an die Cha­rité. Ein Ober­arzt dort stellt fest: Tu­mor? Gab es nicht. La­ser­ein­satz? Fand nicht statt. Der La­bor­be­fund? Un­auf­fäl­lig, kein Bar­rett-Syn­drom. Die Dia­gno­se, der Be­fund, die La­ser­be­hand­lung – al­les er­fun­den.

„Ich ha­be nie dar­an ge­dacht, ei­nem Arzt zu miss­trau­en“, sagt Va­le­ria F, „ich war wü­tend, aber fast noch mehr ver­blüfft. Er ist Arzt – wie konn­te er mich so rein­le­gen?!“Sie geht zum An­walt, der über­nimmt den Fall An­fang 2015.

Kran­ke ver­trau­en Me­di­zi­nern. Oft stim­men Pa­ti­en­ten ei­nem Arzt zu, ob­wohl sie nicht ge­nau wis­sen, was der Fach­mann ei­gent­lich er­klärt hat. Viel­leicht wä­re Va­le­ria F. nie auf­ge­fal­len, was ihr Arzt ge­tan hat. Viel­leicht wä­re sie dank­bar ge­we­sen, für die Hei­lung. Viel­leicht wä­re der Mann, der sich bald vor Ge­richt ver­ant­wor­ten muss, da­von­ge­kom­men.

Me­di­zin­recht­li­che Ver­fah­ren dau­ern oft Jah­re, all die Gut­ach­ten, Fris­ten, Ge­gen­gut­ach­ten kos­ten Zeit. Je­des Jahr, so gro­be Schät­zun­gen von Er­mitt­lern, ver­si­ckern zwi­schen 20 und 50 Mil­li­ar­den Eu­ro im Ge­sund­heits­we­sen. Mit 350 Mil­li­ar­den Eu­ro Jah­res­um­satz ist es Deutsch­lands größ­te Bran­che, der An­teil kri­mi­nel­ler Be­schäf­tig­ter dürf­te nicht hö­her sein als in an­de­ren Be­ru­fen. Aber ein ein­zi­ger Arzt kann rie­si­ge Sum­men er­gau­nern. Da über­treibt ein Me­di­zi­ner schon mal die Dia­gno­se; da wün­schen sich auch Kli­nik­ma­na­ger lie­ber schwe­re, weil von den Kas­sen bes­ser be­zahl­te Fäl­le; da stre­cken Apo­the­ker teu­re Me­di­ka­men­te wie Dea­ler ih­ren Stoff. Der­zeit steht ein Bot­tro­per Apo­the­ker vor Ge­richt, der Krebs­prä­pa­ra­te ge­panscht ha­ben soll, um mehr Mit­tel ver­kau­fen zu kön­nen, aber we­ni­ger vom teu­ren Wirk­stoff ein­set­zen zu müs­sen. Die Kran­ken­kas­sen soll er so um 56 Mil­lio­nen Eu­ro be­tro­gen ha­ben.

Im Fall von Va­le­ria F. geht es um klei­ne­re Sum­mern, Her­mann Wolf dürf­te an ihr rund 5000 Eu­ro er­gau­nert ha­ben. Er­mitt­ler sa­gen da­zu: Übung macht den Meis­ter – wer so kalt­schnäu­zig vor­ge­he, ma­che das nicht zum ers­ten Mal.

Mit Her­mann Wolf hat sich nach dem Cha­rité-Chef­arzt auch ein ge­richt­lich be­auf­trag­ter Gut­ach­ter be­fasst. Dem­nächst wird die Jus­tiz dar­über ur­tei­len, ob die Dia­gno­se nicht doch kor­rekt ge­we­sen sein könn­te – oder ob Wolf ein Be­trü­ger ist. Al­ler­dings ist es schwer, ei­nem Arzt bei­zu­kom­men, der die Ah­nungs­lo­sig­keit sei­ner Pa­ti­en­ten aus­nutzt und dann hart­nä­ckig je­de Ab­sicht leug­net. Selbst wenn er so dreist vor­geht wie Dok­tor Wolf.

„Ich ver­tre­te seit 17 Jah­ren Pa­ti­en­ten“, sagt Jörg Heyne­mann. „Ver­gleich­ba­res ha­be ich nicht er­lebt.“Heyne­mann ist An­walt, in Ber­li­ner Pra­xen und Kli­ni­ken fürch­ten ihn ei­ni­ge Ärz­te. Als Va­le­ria F. in sei­ne Kanz­lei kam, ha­be er die Schil­de­run­gen der Frau zu­nächst kaum glau­ben kön­nen: „Ei­ner jun­gen Pa­ti­en­tin vor­zulü­gen, sie ha­be ei­ne Krebs­vor­stu­fe. Die Pa­ti­en­tin dann in Voll­nar­ko­se zu ver­set­zen, weil die Ver­si­che­rung das gut be­zahlt – das ist schon un­ge­wöhn­lich nie­der­träch­tig.“Heyne­mann hat Wolf an­ge­zeigt. Die Staats­an­walt­schaft prüft, ob sie den Arzt we­gen Kör­per­ver­let­zung und Be­trug an­klagt. Au­ßer­dem for­dert Heyne­mann von dem Gas­tro­en­te­ro­lo­gen 15 000 Eu­ro Schmer­zens­geld. In die­sem Fall wird sich der Arzt al­so wohl vor ei­ner Zi­vil- als auch vor ei­ner Straf­kam­mer ver­ant­wor­ten müs­sen. Vom zwei­ma­li­gen Frei­spruch bis zur Ver­ur­tei­lung zu Schmer­zens­geld und Haft­stra­fe wä­re al­les mög­lich.

Über Jahr­hun­der­te hat­ten es Ärz­te mit ih­ren Pa­ti­en­ten leicht. Von Me­di­zi­nern ge­stell­te Dia­gno­sen gli­chen Ur­tei­len von Rich­tern. Das än­der­te sich zu­letzt. Nun fra­gen Pa­ti­en­ten nach, wech­seln Pra­xen, ver­kla­gen Ärz­te. Schar­la­ta­ne zu ent­lar­ven aber ge­lingt Lai­en kaum. Ob­wohl Pa­ti­en­ten heu­te selbst­be­wuss­ter sind, mit­un­ter gar ei­ne über­trie­be­ne An­spruchs­hal­tung pfle­gen, be­steht ein er­heb­li­ches Ge­fäl­le zwi­schen Arzt und Pa­ti­ent.

Ein ver­sier­ter Me­di­zi­ner kann je­de Be­hand­lung be­grün­den, zu­mal sich der Zu­stand von Wun­den, aber selbst die Blut­wer­te ei­nes Pa­ti­en­ten so ver­än­dern kön­nen, dass vie­les spä­ter kaum zu über­prü­fen ist. Nur in so­ge­nann­ten Schwerst­fäl­len gilt ei­ne Be­weis­last­um­kehr. Dann muss der Arzt dar­le­gen, war­um er nichts für ei­ne Pan­ne kann. Kör­per­lich sind bei Va­le­ria F. blei­ben­de Schä­den nicht zu er­war­ten, sie muss be­wei­sen, dass Wolf in be­trü­ge­ri­scher Ab­sicht han­del­te. Ar­chiv­bil­der, die je­der La­ser vom Ein­satz spei­chert, feh­len – Dok­tor Wolf sagt An­walt Heyne­mann, das Ge­rät sei da­hin­ge­hend wohl de­fekt ge­we­sen.

Das Land­ge­richt hat ei­nen frü­he­ren Chef­arzt als Gut­ach­ter be­auf­tragt. Der stell­te nicht nur „gra­vie­ren­de Do­ku­men­ta­ti­ons­män­gel“fest, son­dern: Nach ei­nem La­ser­ein­satz wä­re es „na­he­zu un­mög­lich“, dass al­le „the­ra­pie­be­ding­ten Schä­den an dem Schleim­hautare­al ab­ge­heilt sind“. Wo ge­lasert wird, blei­ben Nar­ben. Un­ab­hän­gig da­von stel­le die Ar­beit mit dem La­ser – „soll­te sie denn statt­ge­fun­den ha­ben“– oh­ne­hin ei­nen Be­hand­lungs­feh­ler dar, es ha­be da­für schlicht „kei­ne In­di­ka­ti­on“ge­ge­ben, der Arzt schür­te „wohl un­nö­tig die Krebs­angst“bei der Pa­ti­en­tin.

Über ei­nen An­walt lässt Dok­tor Wolf aus­rich­ten, ihm ver­bie­te die Schwei­ge­pflicht, sich zu De­tails zu äu­ßern, was rich­tig ist. Grund­sätz­lich, er­klärt der An­walt, ar­bei­te Wolf seit Jahr­zehn­ten ver­trau­ens­voll und fach­lich kor­rekt. In­ter­es­san­ter ist, was ei­ne zwei­te von Wolf be­auf­trag­te Kanz­lei ei­ni­ge St­un­den da­nach schreibt: Soll­te der Dok­tor „in iden­ti­fi­zier­ba­rer Wei­se dar­ge­stellt“und „sein Ruf nach­hal­tig ge­schä­digt“wer­den, wer­de man vor Ge­richt da­ge­gen vor­ge­hen.

Ärz­te müs­sen ih­re Pra­xen als ge­winn­ori­en­tier­te Un­ter­neh­men füh­ren, ein schlech­ter Ruf kann zum Ru­in füh­ren. Al­ler­dings be­trach­ten ei­ni­ge ih­re Pa­ti­en­ten all­zu leicht als Kun­den, de­nen es mög­lichst vie­le Be­hand­lun­gen zu ver­kau­fen gilt. Im Gut­ach­ten heißt es zu Wolf fast schon iro­nisch: „War­um der Be­klag­te bei der Klä­ge­rin ei­ne im pri­vat­ärzt­li­chen Be­reich sehr lu­kra­tiv ver­gü­te­te ther­mi­sche Abla­ti­on vor­ge­nom­men hat, er­schließt sich dem Gut­ach­ter auf­grund der zu­vor ge­mach­ten Tat­sa­chen nicht.“

Dass Va­le­ria F. da­mals pri­vat ver­si­chert ist, hat für den Arzt ei­nen Vor­teil: Die ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen sind ver­pflich­tet, Ver­dachts­fäl­len nach­zu­ge­hen. Pri­vat­ver­si­che­run­gen ent­schei­den da­ge­gen selbst, ob sie in­ter­ve­nie­ren.

Die Ver­si­che­rung von Va­le­ria F. geht nicht ge­gen Her­mann Wolf vor, ver­mut­lich ist ihr die Sum­me, um die es geht, für den ab­seh­ba­ren Auf­wand zu ge­ring. Der Ver­band der pri­va­ten Kran­ken­kas­sen teilt mit, sol­che Kos­ten-Nut­zen-Ab­wä­gun­gen sei­en üb­lich. Oft ge­lin­ge der Nach­weis nicht, dass es sich um Be­trug han­de­le. Zu­wei­len gä­ben Ärz­te auch Irr­tü­mer zu, kor­ri­gier­ten Rech­nun­gen – und mach­ten wei­ter.

„Wenn man so jung ist, trifft ei­nen so ei­ne Dia­gno­se be­son­ders hart“, sagt Va­le­ria F., „ich möch­te, dass der Typ kei­ne Pa­ti­en­ten mehr be­trü­gen kann.“Manch­mal fragt sie sich, ob sie frü­her hät­te stut­zig wer­den sol­len. War­um wur­de sie nach der Voll­nar­ko­se, noch be­nom­men, von ei­ner Pra­xi­s­an­ge­stell­ten so­fort in ei­nen an­de­ren Raum ge­führt und auf ei­nen Stuhl ge­setzt – statt, wie fach­lich emp­foh­len, sich über ein, zwei St­un­den lie­gend zu er­ho­len? Al­les in der Pra­xis Wolf ging im­mer so schnell. „Und ich ha­be mich noch ge­wun­dert, war­um der Anäs­the­sist nach Al­ko­hol roch“, sagt F. und schüt­telt den Kopf. „Der zit­ter­te so­gar.“

Her­mann Wolf gier­te nicht nur nach Geld, son­dern auch nach An­er­ken­nung. Auf der In­ter­net­sei­te sei­ner Pra­xis gab sich der Arzt als Do­zent an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät aus. Die Hoch­schul­lei­tung teilt mit, das stim­me nicht. Das Wort „Do­zent“ist in­zwi­schen von der Pra­xis-Home­page ge­stri­chen.

Über Wolf be­ra­ten bald nicht nur Rich­ter, son­dern auch die Ex­per­ten der Ber­li­ner Ärz­te­kam­mer. Sie ha­ben Va­le­ria F. be­fragt. Die Ärz­te­kam­mern sind für das Stan­des­recht der Zunft zu­stän­dig, ih­nen ge­hö­ren al­le prak­ti­zie­ren­den Me­di­zi­ner an. Wenn die Kam­mern da­von aus­ge­hen, dass sich ein Mit­glied nicht mehr für den Arzt­be­ruf eig­net, dann le­gen sie dem zu­stän­di­gen Lan­des­amt für Ge­sund­heit und So­zia­les na­he, die Ap­pro­ba­ti­on, al­so die Be­rufs­er­laub­nis, zu ent­zie­hen.

Das al­ler­dings ist sel­ten – und das Amt folgt der Emp­feh­lung der Kam­mer nicht in je­dem Fall. An­walt Heyne­mann wünscht sich mehr Druck: „Ein sol­cher Arzt soll­te nicht wei­ter­ma­chen dür­fen.“Die Ärz­te­kam­mer äu­ßert sich nicht zu lau­fen­den Ver­fah­ren.

Va­le­ria F.s Ma­gen­schmer­zen lie­ßen üb­ri­gens nach ein paar Mo­na­ten nach. Dass Wolfs Haft­pflicht­ver­si­che­rung die Kos­ten sei­nes Pro­zes­ses wohl nicht über­nimmt, deu­tet dar­auf hin, dass ih­re Chan­cen vor Ge­richt gut ste­hen. Wenn der Pro­zess vor­bei ist, wenn Her­mann Wolf viel­leicht nicht mehr als Arzt ar­bei­ten darf, möch­te Va­le­ria F. all das hin­ter sich las­sen. Nicht mehr an Nar­ko­sen, La­ser, Ak­ten den­ken. Ei­nes aber will sie blei­ben: Ve­ga­ne­rin.

Auch Ärz­te ori­en­tie­ren sich am Ge­winn, Pra­xen sind Un­ter­neh­men War­um durf­te sie sich nicht er­ho­len? War­um ging al­les im­mer so schnell?

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