Fal­scher Moral­apos­tel

Kan­di­dat für US-Se­nat soll Mäd­chen be­läs­tigt ha­ben

Der Tagesspiegel - - POLITIK -

Wa­shing­ton - An der Ober­flä­che geht es um die Dop­pel­mo­ral ei­nes US-Re­pu­bli­ka­ners, der sich als christ­li­cher Moral­apos­tel gibt, aber frü­her sei­ne Macht als Staats­an­walt miss­braucht ha­ben soll, um min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen zu Sex zu zwin­gen. Roy Moo­re möch­te bei der Nach­wahl im De­zem­ber den Se­nats­sitz in Ala­ba­ma er­obern, den Jeff Ses­si­ons in­ne­hat­te, bis er Jus­tiz­mi­nis­ter wur­de. Da­hin­ter ver­birgt sich je­doch ein Macht­kampf um die Zu­kunft der Par­tei: zwi­schen dem na­tio­nal­po­pu­lis­ti­schen Flü­gel um Ste­ve Ban­non samt sei­nen mil­li­ar­den­schwe­ren Fi­nan­ciers und dem Par­tei­e­sta­blish­ment, hin­ter dem an­de­re Mil­li­ar­dä­re ste­hen. Es ist zu­gleich ein Macht­kampf zwi­schen Pro­vinz und Haupt­stadt.

Um die Se­nats­kan­di­da­tur Moo­res, in­zwi­schen 70 Jah­re alt und Rich­ter, zu ret­ten, zie­hen sei­ne An­hän­ger im bi­bel­treu­en Ala­ba­ma atem­be­rau­ben­de Par­al­le­len zur Hei­li­gen Schrift. Jo­seph sei auch ei­ni­ge Jahr­zehn­te äl­ter ge­we­sen als sei­ne Frau, die Got­tes­mut­ter Ma­ria. Dass Jo­seph jun­ge Mäd­chen se­xu­ell be­läs­tigt ha­be, be­rich­tet die Bi­bel zwar nicht. Aber die Ban­non-Frak­ti­on hat die Un­ter­stüt­zung für Moo­re zu ei­ner Fra­ge der Un­be­irr­bar­keit er­klärt. Nur wenn die Bür­ger Volks­ver­tre­ter wie Moo­re nach Wa­shing­ton schick­ten, sei Do­nald Trumps Prä­si­dent­schaft zu ret­ten. Denn der sei „um­zin­gelt“von kor­rup­ten Esta­blish­ment-Re­pu­bli­ka­nern. Der Skan­dal um die Be­läs­ti­gun­gen hat aus der Wahl in Ala­ba­ma, die nor­ma­ler­wei­se klar für die Re­pu­bli­ka­ner aus­geht, ein of­fe­nes Ren­nen ge­macht. In ei­ni­gen Um­fra­gen liegt der De­mo­krat Doug Jo­nes in­zwi­schen vor Moo­re.

In der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te die „Wa­shing­ton Post“über vier Frau­en be­rich­tet, die un­ab­hän­gig von­ein­an­der an­ga­ben, Moo­re ha­be sie zwi­schen 1979 und 1982 se­xu­ell be­drängt. Drei wa­ren da­mals 16, ei­ne erst 14 Jah­re alt. Moo­re war An­fang 30 und „District At­tor­ney“. Die Re­pu­bli­ka­ner re­agier­ten ge­spal­ten. Moo­res An­hän­ger spra­chen von ei­ner Schmutz­kam­pa­gne der De­mo­kra­ten, die Frau­en wür­den an­geb­lich für die An­schul­di­gun­gen be­zahlt. In Wa­shing­ton sag­ten ho­he Par­tei­freun­de: „Falls die An­schul­di­gun­gen wahr sind“, müs­se Moo­re die Kan­di­da­tur auf­ge­ben. Am Mon­tag mel­de­te sich ei­ne fünf­te Frau zu Wort, Be­ver­ly Nel­son. Sie sei da­mals 16 ge­we­sen und ha­be in ei­nem Im­biss ge­ar­bei­tet. Un­ter Trä­nen schil­der­te sie, wie Moo­re an­bot, sie nach Hau­se zu brin­gen, dann aber in ei­ne dunk­le Gas­se ein­ge­bo­gen sei und die Au­to­tü­ren ver­schlos­sen ha­be, da­mit sie nicht aus­stei­gen kön­ne. Er ha­be sie an den Brüs­ten an­ge­fasst und ver­sucht, ih­ren Kopf mit Ge­walt in sei­nen Schoß zu zie­hen. Sie ha­be ge­schrien und ihn ge­be­ten, auf­zu­hö­ren. Nach ei­ner Ewig­keit ha­be er von ihr ab­ge­las­sen und sie ge­warnt: Sie sol­le nie­man­dem da­von er­zäh­len; nie­mand wer­de ihr glau­ben, sie sei ein Schul­mäd­chen und er Staats­an­walt.

Nach Nel­sons Auf­tritt än­der­te der re­pu­bli­ka­ni­sche Mehr­heits­füh­rer im Se­nat, Mitch McCon­nell, die Sprach­re­ge­lung. Er glau­be den Frau­en, Moo­re müs­se die Kan­di­da­tur auf­ge­ben. Doch der wei­gert sich. Und Ban­non will jetzt erst recht de­mons­trie­ren, dass sein Ein­fluss aus­reicht, um Wahl­kämp­fe in der Pro­vinz ge­gen das Esta­blish­ment der Par­tei zu ent­schei­den.

Be­reits die Kan­di­da­ten­auf­stel­lung galt als Macht­pro­be Ban­nons, nach­dem Trump ihn, den Chef­stra­te­gen sei­nes Wahl­siegs, im Au­gust sei­ner Pos­ten im Wei­ßen Haus ent­ho­ben hat­te. Die Par­tei­füh­rung woll­te Lu­ther Stran­ge, den Jus­tiz­mi­nis­ter von Ala­ba­ma, zu Ses­si­ons’ Nach­fol­ger im Se­nat ma­chen. Ban­non setz­te auf Moo­re, ei­nen ex­zen­tri­schen Evan­ge­li­ka­len, der ger­ne mit Pferd, Cow­boy­hut und Pis­to­le zu Auf­trit­ten er­scheint. Als Rich­ter hat er im Ge­richt, das laut Ver­fas­sung welt­an­schau­lich neu­tral sein muss, die Zehn Ge­bo­te auf­stel­len las­sen und sich Wei­sun­gen wi­der­setzt, sie zu ent­fer­nen. Und er hat Rich­ter an­ge­wie­sen, kei­ne gleich­ge­schlecht­li­chen Ehen an­zu­er­ken­nen, nach­dem die­se USA-weit zu­ge­las­sen wor­den wa­ren.

Es ist auch ein Kampf der Geld­ge­ber. Ban­non hat den New Yor­ker Mil­li­ar­där Ro­bert Mer­cer hin­ter sich. Ei­nem an­de­ren Fi­nan­cier der Rech­ten, Ca­si­no-Be­sit­zer Shel­don Adel­son, wird es zu hei­kel. Er hat sich am Di­ens­tag von Ban­non ab­ge­wandt und hin­ter Se­nats­chef McCon­nell ge­stellt.

Roy Moo­re

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.