Das sau­di­sche Ri­si­ko

Kron­prinz Mo­ham­med bin Sal­man räumt mit al­ler Macht Wi­der­sa­cher aus dem Weg und at­ta­ckiert den Iran – das ver­schärft die Kon­flik­te in der Re­gi­on

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Von Chris­ti­an Böh­me, Ber­lin, und Tho­mas Sei­bert, Istan­bul

Ei­ne ge­fähr­li­che Kon­fron­ta­ti­on und ei­ne Schlap­pe im An­ti-Ter­ror-Kampf

Es war ein son­der­ba­rer Ab­gang. Und bis heu­te ist nicht so recht klar, wo die Gren­ze zwi­schen Wahr­heit, Pro­pa­gan­da und Ver­schwö­rungs­theo­rie ver­läuft. Vor ei­ni­gen Ta­gen war Li­ba­nons Mi­nis­ter­prä­si­dent Saad Har­i­ri völ­lig über­ra­schend zu­rück­ge­tre­ten. Er füh­le sich von der mit­re­gie­ren­den His­bol­lah be­droht und fürch­te um sein Le­ben. Die Schii­ten­mi­liz de­sta­bi­li­sie­re sein Land – und da­hin­ter ste­cke der Iran. Das al­les ver­kün­de­te der 47-Jäh­ri­ge aus­ge­rech­net im sau­di­schen Ri­ad. Das dor­ti­ge sun­ni­ti­sche Kö­nigs­haus gilt als Erz­ri­va­le der schii­ti­schen Is­la­mi­schen Re­pu­blik im Macht­kampf in der Re­gi­on. Dann tauch­te Har­i­ri ab. So­gleich mach­ten Ge­rüch­te die Run­de, der Pre­mier mit en­gen Ge­schäfts­kon­tak­ten in den Golf­staat sei von Sau­di-Ara­bi­en ge­zwun­gen wor­den, sein Amt auf­zu­ge­ben. Das Ziel: Te­he­rans gro­ßen Ein­fluss im Li­ba­non be­gren­zen. Zwar ver­kün­de­te Har­i­ri am Wo­che­n­en­de, er hal­te sich frei­wil­lig in Ri­ad auf und sei zu nichts ge­zwun­gen wor­den. Den­noch ge­hen vie­le Be­ob­ach­ter da­von aus, dass die sau­di­schen Herr­scher ge­zielt Zwie­tracht sä­en.

Der Ehr­geiz des Prin­zen

Sau­di-Ara­bi­ens de­si­gnier­ter Thron­fol­ger gilt als trei­ben­de Kraft hin­ter der jüngs­ten Es­ka­la­ti­on im Na­hen Os­ten. Das hat in­nen- wie au­ßen­po­li­ti­sche Grün­de. Und al­les ist eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Denn Mo­ham­med bin Sal­man ver­sucht der­zeit, mit al­len Mit­teln sei­ne Stel­lung als Kron­prinz ab­zu­si­chern. Vor we­ni­gen Ta­gen ließ er so­gar Mi­nis­ter und Mit­glie­der der Kö­nigs­fa­mi­lie fest­neh­men. Sein Vor­wurf: Kor­rup­ti­on. Und der ver­fängt vor al­lem bei den jun­gen Sau­dis, auf die sich bin Sal­man in sei­nem Kampf ge­gen die Aus­wüch­se des un­be­lieb­ten Esta­blish­ments stützt. Letzt­end­lich geht es dem 32-Jäh­ri­gen al­ler­dings dar­um, den Wi­der­stand in den ei­ge­nen Rei­hen zu bre­chen und so das Ter­rain für ei­ne mög­lichst un­an­ge­foch­te­ne Herr­schaft zu be­rei­ten.

Bin Sal­mans ag­gres­si­ver Kurs nach au­ßen passt da ge­wis­ser­ma­ßen ins stra­te­gi­sche Kon­zept. „Die Ein­däm­mung des Iran ist ein zen­tra­les Ziel des jun­gen Kron­prin­zen – auch um nach in­nen die Rei­hen zu schlie­ßen“, sagt Nah­ost-Ex­per­te Se­bas­ti­an Sons im Ge­spräch mit dem Ta­ges­spie­gel. Da­mit sol­le ein sau­di­scher Pa­trio­tis­mus ge­för­dert wer­den, der sich ge­gen ei­nen äu­ße­ren Feind rich­tet. „In Sau­di-Ara­bi­en ist der Un­mut vor al­lem über Ame­ri­ka groß. Man fühlt sich im Kampf ge­gen den Zu­griff Irans auf die ara­bi­sche Welt al­lein­ge­las­sen.“Dass bin Sal­man sich al­ler­dings auf ei­ne mi­li­tä­ri­sche Kon­fron­ta­ti­on mit Te­he­ran ein­lässt, hält Sons für un­wahr­schein­lich. „Es geht dem Prin­zen zwar dar­um, Stär­ke zu zei­gen“, sagt der Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Ge­sell­schaft für Aus­wär­ti­ge Po­li­tik. Und das sei ris­kant. „Die Si­tua­ti­on kann rasch es­ka­lie­ren. Doch im Kö­nig­reich will nie­mand ei­nen Krieg mit dem Iran. Denn dann wür­den al­le ver­lie­ren. Auch Sau­di-Ara­bi­en.“

Die Ant­wort der Mul­lahs

Die Ver­ant­wort­li­chen in Te­he­ran wei­sen al­le Vor­wür­fe in Sa­chen Li­ba­non zu­rück. Es ge­be kei­ner­lei In­ter­es­se, den Ze­dern­staat zu de­sta­bi­li­sie­ren, ge­schwei­ge denn den Na­hen Os­ten. Da­bei be­lässt es der Iran der­zeit. Die­se Zu­rück­hal­tung grün­det auf Wis­sen um die ei­ge­ne Stär­ke. Seit der Auf­he­bung der Sank­tio­nen im Zu­ge des Atom­ab­kom­mens schal­tet und wal­tet die Is­la­mi­sche Re­pu­blik in der Re­gi­on fast nach Be­lie­ben. Sy­ri­en, Irak, Li­ba­non – die Mul­lahs ge­win­nen ste­tig an Ein­fluss. Und kom­men so ih­rem geo­po­li­ti­schen Ziel im­mer­nä­her: ei­nem vomIran weit­ge­hend do­mi­nier­ten schii­ti­schen „Halb­mond“von Te­he­ran über Bag­dad und Da­mas­kus bis zum Mit­tel­meer.

Die Furcht der Li­ba­ne­sen

Die Ein­woh­ner des Ze­dern­staats ban­gen nach dem Ab­tritt ih­res Re­gie­rungs­chefs um die oh­ne­hin fra­gi­le Sta­bi­li­tät ih­res mul­ti­kon­fes­sio­nel­len Lan­des. Vie­le fürch­ten, zum Spiel­ball der Groß­mäch­te Sau­di-Ara­bi­en und Iran zu wer­den. Das kommt nicht von un­ge­fähr. Te­he­ran ver­sucht seit Jah­ren mit­hil­fe der von ihm ge­lenk­ten His­bol­lah, ein ge­wich­ti­ges Wort im Li­ba­non mit­zu­re­den. Die hoch­ge­rüs­te­te Schii­ten­mi­liz, zu de­ren vor­ran­gigs­ten Zie­len Is­ra­els Ver­nich­tung ge­hört, ist längst ei­ne po­li­ti­scher und mi­li­tä­ri­scher Macht­fak­tor ge­wor­den – zur Freu­de des Iran und zum Leid­we­sen Sau­di-Ara­bi­ens. Das Ziel des Prä­si­den­ten

Der es­ka­lie­ren­de Kon­flikt zwi­schen Ri­ad und Te­he­ran ruft auch die Tür­kei auf den Plan. An sei­nem An­spruch auf die Rol­le des in­for­mel­len Spre­chers der is­la­mi­schen Welt will Re­cep Tay­yip Er­do­gan nicht rüt­teln las­sen, auch nicht vom sau­di­schen Kron­prin­zen. In un­ge­wöhn­lich schar­fer Form knöpf­te sich der Prä­si­dent vor ei­ni­gen Ta­gen den star­ken Mann in der Füh­rung der Groß­macht am Golf vor, des­sen Land als Hü­ter der hei­li­gen is­la­mi­schen Städ­te Mek­ka und Me­di­na ei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung ein­nimmt. Auf die An­kün­di­gung des Prin­zen, er wol­le sein Land zu ei­nem „ge­mä­ßig­ten Is­lam“zu­rück­füh­ren, re­agier­te Er­do­gan mit Em­pö­rung und Spott. In sei­ner Re­de bei ei- ner Kon­fe­renz is­la­mi­scher Un­ter­neh­me­rin­nen in An­ka­ra sag­te der Staats­chef, es ge­be kei­nen „ge­mä­ßig­ten Is­lam“– der Be­griff schwä­che viel­mehr den Is­lam und sei ein Pro­dukt des Wes­tens. Das war wohl ei­ne An­spie­lung auf die en­gen Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Sau­di und der Trump-Re­gie­rung.

Der Kron­prinz hat ei­ne en­ge per­sön­li­che Be­zie­hung zu Trumps Schwie­ger­sohn Ja­red Kush­ner ent­wi­ckelt, der als from­mer Ju­de der Nah­ost­po­li­tik der USA neue Im­pul­se ver­lei­hen soll; nach un­be­stä­tig­ten Be­rich­ten drängt bin Sal­man die Pa­läs­ti­nen­ser zur An­nah­me ei­nes US-Frie­dens­plans, der un­ter Kush­ners An­lei­tung ent­ste­hen soll. Do­nald Trump wie­der­um un­ter­stützt die Po­li­tik des Kron­prin­zen im Kon­flikt mit Ka­tar, im Krieg in Je­men und beim Vor­ge­hen ge­gen in­ter­ne Kri­ti­ker.

Er­do­gan da­ge­gen ist we­nig be­geis­tert vom sau­di­schen Thron­fol­ger. Im Kon­flikt zwi­schen Sau­di-Ara­bi­en und Ka­tar hat sich der tür­ki­sche Prä­si­dent klar auf die Sei­te des klei­nen Emi­rats ge­stellt. Gleich­zei­tig such­te sei­ne Re­gie­rung in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten die Nä­he des schii­ti­schen Iran, des Haupt­ri­va­len der Sau­dis. Zu­letzt ar­bei­te­ten An­ka­ra und Te­he­ran eng bei der Re­ak­ti­on auf das kur­di­sche Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum im Nord­irak zu­sam­men.

Die ag­gres­si­ve Po­li­tik des sau­di­schen Kron­prin­zen ge­gen Ka­tar und den Iran sei für die Tür­kei ein Pro­blem, schreibt der Po­li­to­lo­ge Men­sur Ak­gün in der tür­ki­schen Zei­tung „Karar“. Soll­te bin Sal­man mit sei­nen Vor­stö­ßen Er­folg ha­ben, „könn­te er ge­gen­über dem Aus­land ei­ne noch weit här­te­re Po­si­ti­on an den Tag le­gen“. Wür­de der Kron­prinz je­doch schei­tern, könn­te die dann dro­hen­de In­sta­bi­li­tät im öl­rei­chen Sau­di-Ara­bi­en der Tür­kei eben­falls nicht recht sein. Auch weil Er­do­gan und bin Sal­man ei­ni­ge ge­mein­sa­me In­ter­es­sen ha­ben. Ei­ne Schwä­chung des ira­ni­schen Ein­flus­ses im Li­ba­non zum Bei­spiel könn­te dem sy­ri­schen Prä­si­den­ten und Er­do­gan-Erz­feind Ba­schar al As­sad scha­den.

Fo­to: Fay­ez Nu­rel­di­ne/AFP

Stär­ke zei­gen, nach in­nen und au­ßen: Der 32-jäh­ri­ge Thron­fol­ger bin Sal­man setzt der­zeit auf Kon­fron­ta­ti­on.

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