Die lo­bens­wer­te Zä­hig­keit des Ge­richts

Der NSU-Pro­zess wird fort­ge­setzt

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Frank Jan­sen

Sie ban­gen jetzt wie­der. Wird es die­sen Mitt­woch end­lich klap­pen? Kön­nen die über­le­ben­den Op­fer des Ter­rors und ih­re An­wäl­te nun end­lich sa­gen, wel­che Schuld aus ih­rer Sicht Bea­te Zschä­pe und die vier Mit­an­ge­klag­ten auf sich ge­la­den ha­ben? Und wie die seit vier­ein­halb Jah­ren dau­ern­de NSU-Pro­zess am Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen auf sie, die An­ge­hö­ri­gen der Er­mor­de­ten und die über­le­ben­den Op­fer und sie ver­tre­ten­den Ju­ris­ten, wirkt?

Mehr als zwei Mo­na­te nach dem Ab­schluss des Plä­doy­ers der Bun­des­an­walt­schaft stockt der Pro­zess in­zwi­schen. Ob die Ne­ben­klä­ger jetzt zu Wort kom­men oder wie­der ein Be­fan­gen­heits­an­trag von Ver­tei­di­gern den Gang des größ­ten Ter­ror­ver­fah­rens seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung bremst, ist of­fen. Das ist ei­ne Zu­mu­tung. Auch für die Öf­fent­lich­keit. Vie­le se­hen den NSUPro­zess als Far­ce. Und als ei­ne be­son­ders teu­re. Je­der Pro­zess­tag kos­tet 150 000 Eu­ro. Die Steu­er­zah­ler brin­gen be­reits et­wa 60 Mil­lio­nen Eu­ro für die 386 Ta­ge dau­ern­de Ver­hand­lung auf. Und die warf Fra­gen auf: Mün­det das Mam­mut­ver­fah­ren doch noch in ein De­sas­ter des Rechts­staats? Sind der Vor­sit­zen­de Rich­ter Man­fred Götzl und sein Straf­se­nat über­for­dert? Droht der Pro­zess gar zu plat­zen?

Die Ant­wor­ten, die plau­si­bel er­schei­nen, wenn man die 386 Ta­ge durch­gän­gig be­ob­ach­tet hat, mö­gen über­ra­schen. Der Rechts­staat steht in Mün­chen kei­nes­wegs vor der Ka­pi­tu­la­ti­on. Im Straf­se­nat macht we­der der kan­ti­ge Götzl noch sonst je­mand den Ein­druck, es wer­de ge­schwä­chelt. Götzl re­agiert sou­ve­rän auf die Be­fan­gen­heits­an­trä­ge. Er lässt nicht zu, dass die Stra­te­gie ei­ni­ger Ver­tei­di­ger auf­geht, mit Be­fan­gen­heits­an­trä­gen ei­ne län­ge­re Un­ter­bre­chung der Ver­hand­lung zu er­zwin­gen, als die Straf­pro­zess­ord­nung er­laubt, da­mit der NSU-Pro­zess schei­tert. Höchst­wahr­schein­lich wird die Haupt­ver­hand­lung mit ei­nem kla­ren Ur­teil en­den, das auch den zu er­war­ten­den An­trä­gen auf Re­vi­si­on stand­hal­ten dürf­te.

Pro­ble­ma­tisch er­scheint viel­mehr die ne­ga­ti­ve Wahr­neh­mung in Tei­len der Öf­fent­lich­keit. Der Rechts­staat ver­liert An­se­hen, ob­wohl er in Mün­chen funk­tio­niert. Dass Ver­tei­di­ger die Straf­pro­zess­ord­nung stra­pa­zie­ren, spricht nicht ge­gen die Rechts­ord­nung. Ein li­be­ra­ler Staat hält das aus.

Der NSU-Pro­zess ist ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel für die Zä­hig­keit ei­nes Ge­richts, das sein Ziel trotz al­ler Kom­pli­ka­tio­nen nie aus den Au­gen ver­liert: ei­nes Ta­ges ei­ne recht­lich feh­ler­freie Ant­wort auf die Fra­ge nach der Schuld der An­ge­klag­ten zu prä­sen­tie­ren. Ge­ra­de auch im In­ter­es­se der Ne­ben­klä­ger, so ver­ständ­lich ih­re schmerz­ge­trie­be­ne Un­ge­duld auch ist. Wie vie­le Mo­na­te es noch dau­ern wird und wel­che Kos­ten sich er­ge­ben, ist letzt­lich zweit­ran­gig.

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