Di­gi­ta­le Schu­len oder: Fort­schritt ist ei­ne Schne­cke

Der Tagesspiegel - - MEINUNG -

Wir schrei­ben das Jahr 2017. Fast je­der Te­enager be­sitzt ein Smart­pho­ne, vie­le ei­nen ei­ge­nen Rech­ner, und sie be­we­gen sich täg­lich im Netz. Spä­ter, im Be­rufs­le­ben, wer­den di­gi­ta­le Kom­pe­ten­zen als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­ge­setzt, je­de(r) soll­te grund­le­gen­de Pro­gram­me be­herr­schen, sich im Netz in­for­mie­ren und sich kom­pe­tent in ei­ner zu­neh­mend ver­netz­ten Ge­sell­schaft be­we­gen kön­nen. Deutsch­land strebt die Di­gi­ta­li­sie­rung der Ver­wal­tung an (e-Go­vern­ment), der Zah­lungs­ver­kehr funk­tio­niert im­mer mehr über das Netz und die boo­men­de IT-Bran­che sucht hän­de­rin­gend nach Fach­kräf­ten, die zum Wirt­schafts­wachs­tum der In­dus­trie­na­ti­on bei­tra­gen kön­nen. So weit, so di­gi­tal.

In der Schu­le schrei­ben un­se­re Kin­der je­doch wei­ter auf Krei­de­ta­feln, ha­ben die miss­glück­te Ein­füh­rung der Smart­boards hin­ter sich ge­bracht, The­men der Di­gi­ta­li­sie­rung wer­den aus­ge­klam­mert, kaum ei­ne Ein­rich­tung hat ei­nen schnel­len In­ter­net­an­schluss – die Schu­le wird zum letz­ten Hort des Ana­lo­gen. Wie kann das sein?

Ve­r­al­te­te Com­pu­ter, feh­len­de In­ves­ti­ti­ons­mit­tel und ei­ne Über­for­de­rung der Leh­re­rin­nen und Leh­rer, die­ses The­ma auch noch zu schul­tern, prä­gen den All­tag. Ei­ne Stu­die der Ber­tels­mann Stif­tung zeigt, dass jähr­lich 2,8 Mil­li­ar­den Eu­ro für die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur in Schu­len in­ves­tiert wer­den müss­ten. Da­bei ist di­gi­ta­le Bil­dung nicht nur ei­ne Fra­ge der Hard­ware, son­dern ei­ner ge­mein­sa­men Stra­te­gie, die die Bil­dung des 21. Jahr­hun­derts neu er­fin­den kann – von in­di­vi­du­el­len Lern­sys­te­men bis zu neu­en Kol­la­bo­ra­ti­ons­for­men in Echt­zeit.

Müh­sam hat die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz im ver­gan­ge­nen Jahr die Grund­la­gen da­zu ge­legt, die nun, Schritt für Schritt, in den ein- zel­nen Län­dern um­ge­setzt wer­den sol­len. Je­doch herrscht in den Län­dern Un­ei­nig­keit dar­über, wie das Cur­ri­cu­lum an­ge­passt wer­den kann, wel­che Hard­ware an­zu­schaf- fen ist und wie die drin­gend not­wen­di­ge Leh­r­er­fort­bil­dung ge­meis­tert wer­den soll. Lö­sun­gen schei­nen nur ver­ein­zelt in Sicht – und vor al­lem ist die Lang­sam­keit die­ser Pro­zes­se scho­ckie­rend. Jah­re ver­ge­hen, in de­nen Kon­zept­pa- pie­re er­stellt wer­den müs­sen, Aus­schrei­bun­gen lan­ciert, ein­zel­ne Pi­lot­schu­len eva­lu­iert wer­den. Im Jahr 2025 sind wir dann so weit, dass Kin­der auch in der Schu­le mit dem Com­pu­ter ar­bei­ten kön­nen – wenn al­les glatt läuft. Ist das wirk­lich un­se­re Vi­si­on?

Die­se Pro­zes­se ha­ben al­le ih­re in­ne­re Lo­gik und Be­rech­ti­gung, kei­ne Fra­ge. Je­doch lau­fen wir Ge­fahr, dass so auch die nächs­ten Jahr­gän­ge von Schü­le­rin­nen und Schü­lern oh­ne jeg­li­che Be­glei­tung die di­gi­ta­le Welt er­kun­den, dass sie we­der ana­ly­ti­sches Den­ken noch die Grund­la­gen des Pro­gram­mie­rens er­ler­nen. Jetzt schon fällt Deutsch­land im eu­ro­päi­schen Ver­gleich in Sa­chen di­gi­ta­le Bil­dung weit zu­rück.

Mein Plä­doy­er ist da­her: heu­te an­fan­gen! Mit Pro­to­ty­pen der di­gi­ta­len Bil­dung, in de­nen ex­pe­ri­men­tell er­probt wird, was Di­gi­ta­li­sie­rung für die Bil­dung be­deu­ten kann. In de­nen auf ei­ner Platt­form die bes­ten Bei­spie­le un­ter frei­er Li­zenz aus­ge­tauscht wer­den. In de­nen di­gi­ta­le Werk­zeu­ge zur Un­ter­stüt­zung von In­klu­si­on und Viel­falt ein­ge­setzt wer­den. Und in de­nen Kin­der schon ab der Grund­schu­le die ers­ten Schrit­te beim Pro­gram­mie­ren ler­nen kön­nen.

Da­zu brau­chen wir ein brei­tes Bünd­nis der Wil­li­gen: der Leh­rer und El­tern, der Ge­werk­schaf­ten, der Län­der und Kom­mu­nen, der Netz-Ak­ti­vis­ten und der Wis­sen­schaft­ler. Es herrscht häu­fig Sprach­lo­sig­keit zwi­schen den di­gi­tal Af­fi­nen, die sich un­ter­ein­an­der ei­nig sind, dass et­was pas­sie­ren muss, und der schwei­gen­den Mehr­heit, die in vie­len Fäl­len selbst von der Di­gi­ta­li­sie­rung über­for­dert ist und mit Ab­leh­nung re­agiert. Zwi­schen bei­den Po­len muss es mehr Aus­tausch ge­ben. Die neue Bun­des­re­gie­rung muss die­ses The­ma end­lich be­herzt auf­neh­men – mit ei­ner Lo­cke­rung des Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bots, mit im Haus­halt fest­ge­schrie­be­nen In­ves­ti­tio­nen in die di­gi­ta­le Aus­stat­tung der Schu­len, mit ei­nem Netz­werk zur di­gi­ta­len Bil­dung und ei­ner ge­mein­sa­men Agen­da von Bund und Län­dern. Sonst blei­ben un­se­re Schu­len in der Krei­de­zeit ste­cken.

— Die Au­to­rin ist Pro­fes­so­rin für De­sign an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin und seit 2014 In­ter­net­bot­schaf­te­rin der Bun­des­re­gie­rung

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