Hei­li­ger Hu­ma­nis­mus

Der Se­nat hat be­schlos­sen: Hu­ma­nis­ti­scher Lan­des­ver­band soll glei­chen Sta­tus wie Kir­chen er­hal­ten

Der Tagesspiegel - - BERLIN -

Der Ber­li­ner Lan­des­ver­band des Hu­ma­nis­ti­schen Ver­ban­des (HVD) wird künf­tig den gro­ßen christ­li­chen Kir­chen recht­lich gleich­ge­stellt. Der Se­nat stimm­te am Di­ens­tag dem Vor­schlag von Kul­tur­se­na­tor Klaus Le­de­rer (Lin­ke) zu, dem HVD den Sta­tus ei­ner Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts zu ver­lei­hen. Da­mit er­hält erst­mals in der Ge­schich­te des Lan­des Ber­lin ei­ne Wel­t­an­schau­ungs­ge­mein­schaft die­sen pri­vi­le­gier­ten Sta­tus. Da­mit ver­bun­den sind et­wa das Recht zum Steu­er­ein­zug bei den ei­ge­nen Mit­glie­dern, ein ei­ge­nes Di­enst­recht für Mit­ar­bei­ter so­wie Pri­vi­le­gi­en beim Im­mo­bi­li­en­er­werb.

Der lang­jäh­ri­ge Prä­si­dent des Ver­ban­des, Bru­no Osuch, sprach von ei­nem „his­to­ri­schen Schritt in Rich­tung völ­li­ge Gleich­be­hand­lung“von kon­fes­si­ons­frei­en Hu­ma­nis­ten mit den christ­li­chen Kir­chen. Ka­trin Rac­zyn­ski vom Vor­stand des HVD Ber­lin-Bran­den­burg mahn­te mit dem neu­en Sta­tus an, die ak­tu­el­le Zu­sam­men­set­zung des Rund­funk­ra­tes Ber­lin-Bran­den­burg oder der Ber­li­ner Ethik-Kom­mis­si­on zu über­den­ken. Ne­ben den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten müss­ten auch die Kon­fes­si­ons­frei­en dort ei­nen Sitz ha­ben „und von uns ver­tre­ten wer­den“.

Der HVD hat sich seit Jah­ren um ei­ne Gleich­stel­lung mit den Kir­chen be­müht. Schon 1999 hat­te der Ver­band bei der Se­nats­ver­wal­tung den An­trag ge­stellt – und schei­ter­te auf­grund zu we­ni­ger Mit­glie­der. Tat­säch­lich lag de­ren Zahl 1999 noch bei et­wa 600. Mitt­ler­wei­le zählt der Ver­band über 13 000 Mit­glie­der. „Die Um­stän­de ha­ben sich maß­geb­lich ver­än­dert“, sag­te Tho­mas Hummitzsch, Spre­cher des HVD Ber­lin, dem Ta­ges­spie­gel.

Auf die An­er­ken­nung als Kör­per­schaft hat sich der HVD in­des be­reits vor Wo­chen ein­ge­stellt, mit In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen für Mit­glie­der und Be­schäf­tig­te und ei­ner um­fang­rei­chen Bro­schü­re auf der In­ter­net­sei­te. Die Rechts­form der Kör­per­schaft ist äl­ter als die Bun­des­re­pu­blik selbst. Sie ver­deut­licht, dass das Ver­hält­nis von Re­li­gi­on und Staat hier­zu­lan­de eben nur auf ei­ner „hin­ken­den Tren­nung“fußt, so die ver­letz­li­che Bild­spra­che der Ju­ris­ten.

Mit dem Kör­per­schafts­sta­tus ge­hen zahl­rei­che Pri­vi­le­gi­en ein­her, die an­sons­ten dem Staat vor­be­hal­ten sind: Al­len vor­an die Mög­lich­keit, Mit­glieds­bei­trä­ge in Form von Steu­ern ein­zie­hen zu las­sen, aber auch die star­ke Selbst­be­stim­mung in ar­beits­recht­li­chen Fra­gen. 29 Kör­per­schaf­ten des öf­fent­li­chen Rechts gibt es in Ber­lin – bis­lang aus­schließ­lich Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten.

Dass die An­ge­bo­te des Ver­ban­des vor al­lem im sä­ku­la­ren Ber­lin stark nach­ge­fragt wer­den, ist kaum ver­wun­der­lich. Tat­säch­lich ist die Be­deu­tung des größ­ten al­ler hu­ma­nis­ti­schen Lan­des­ver­bän­de enorm ge­stie­gen: Ne­ben dem Mit­glie­der­zu­wachs zeigt sich das et­wa bei den mitt­ler­wei­le über 60 000 Schü­lern, die in Ber­lin das frei­wil­li­ge Schul­fach „Le­bens­kun­de“be­su­chen. Auch im so­zia­len Be­reich ist der Ver­band breit auf­ge­stellt: Ne­ben meh­re­ren Ki­tas und So­zi­al­sta­tio­nen ist der HVD mitt­ler­wei­le der größ­te Trä­ger von Ho­s­piz­ein­rich­tun­gen.

An­ders als die Kir­chen wol­le der HVD ei­ni­ge Pri­vi­le­gi­en des Kör­per­schafts­sta­tus nicht über­neh­men, et­wa das kon­ser­va­ti­ve Ar­beits­recht, sag­te Hummitzsch. Es soll wei­ter­hin ei­nen Be­triebs­rat ge­ben; die Mit­be­stim­mungs­rech­te sei­en nicht in Ge­fahr.

Fo­to: HVD/C. Eckelt

At­he­is­tisch. Der Ver­band be­treibt meh­re­re Kin­der­gär­ten in Ber­lin.

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