Am Pran­ger

SPD-Frak­ti­on de­bat­tier­te am Di­ens­tag über den Po­li­tik- und Ar­beits­stil ih­res Chefs Ra­ed Sal­eh

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Von Sa­bi­ne Beik­ler und Ul­rich Za­wat­ka-Ger­lach

Die Ge­nos­sen be­müh­ten sich, nicht noch mehr Por­zel­lan zu zer­schla­gen. Vor der Sit­zung der SPD-Frak­ti­on im Ab­ge­ord­ne­ten­haus, die am Di­ens­tag über den Po­li­tik- und Ar­beits­stil ih­res Frak­ti­ons­chefs Ra­ed Sal­eh de­bat­tier­te, wur­de ei­ne har­te Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den An­hän­gern und Wi­der­sa­chern des SPD-Spit­zen­manns er­war­tet. Die Ab­ge­ord­ne­ten dis­ku­tier­ten auch über drei St­un­den sehr in­ten­siv. Doch am En­de be­wer­te­ten auch Sal­eh-Kri­ti­ker die in­ter­ne De­bat­te als „gut und kon­struk­tiv“.

Die 14 Ver­fas­ser ei­nes Brand­briefs ge­gen Sal­eh hat­ten sich auf die Aus­spra­che, die von ih­nen er­zwun­gen wur­de, ge­mein­sam gut vor­be­rei­tet. Sal­eh wie­der­um sorg­te da­für, dass ab 15 Uhr erst ein­mal mög­lichst vie­le an­de­re Ta­ges­ord­nungs­punk­te ab­ge­ar­bei­tet wur­den. Es soll­te nicht so aus­se­hen, als wenn der Streit um sei­ne Per­son im Mit­tel­punkt der Frak­ti­ons­sit­zung stün­de. Erst ge­gen 17 Uhr be­gann am Di­ens­tag die De­bat­te über das fünf­sei­ti­ge Schrei­ben, das am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag ver­öf­fent­licht wur­de und in und au­ßer­halb der Ber­li­ner SPD für Über­ra­schung und Auf­se­hen sorg­te. Al­le Teil­neh­mer der Sit­zung, die kei­ne Ab­ge­ord­ne­ten sind, muss­ten bei die­sem Ta­ges­ord­nungs­punkt den Saal ver­las­sen. Da­zu ge­hör­ten die Bil­dungs­se­na­to­rin Sandra Schee­res und der Chef der Se­nats­kanz­lei, Björn Böh­ning.

Zu Be­ginn der Sit­zung hat­te SPD-Frak­ti­ons­chef Sal­eh ei­ne „pro­fes­sio­nel­le, kon­struk­ti­ve Dis­kus­si­on“an­ge­kün­digt. Er sei be­reit, die Kri­tik kon­struk­tiv auf­zu­neh­men und hof­fe auf ei­ne „Ver­stän­di­gung“in der Frak­ti­on. Seit Ver­öf­fent­li­chung des Briefs sei­ner Geg­ner hat­te sich der SPD-Frak­ti­ons­chef dar­um be­müht, mit den Un­ter­zeich­nern ein­zeln ins per­sön­li­che Ge­spräch zu kom­men. „Sei­ne al­te Ma­sche, ganz ty­pisch“, kom­men­tier­te ei­ner der Ab­ge­ord­ne­ten den Ver­such Sal­ehs, die Wi­der­sa­cher we­nigs­tens teil­wei­se wie­der auf sei­ne Sei­te zu zie­hen und her­aus­zu­be­kom­men, wer in der Frak­ti­on noch hin­ter ihm steht – und wer die Initia­to­ren des Schrei­bens sind.

Der SPD-Frak­ti­ons­chef hoff­te, of­fen­bar mit Er­folg, auf ein ei­ni­ger­ma­ßen ver­söhn­li­ches Er­geb­nis der Dis­kus­si­on um sei­ne Per­son. Seit sechs Jah­ren führt er die Frak­ti­on. Nach so lan­ger Zeit, räum­te Sal­eh jetzt in­tern ein, müs­se man eben „man­che Pro­zes­se über­den­ken und ver­bes­sern“. Was Sal­eh trotz­dem stör­te, war die – aus sei­ner Sicht – „Klein­tei­lig­keit“der Kri­tik an sei­nem Po­li­tik­stil und sei­ner ei­gen­wil­li­gen Art, mit den Frak­ti­ons­mit­glie­dern zu kom­mu­ni­zie­ren.

In schar­fem Ton hat­ten 14 von 38 Frak­ti­ons­mit­glie­dern in ih­rem Brief an den Frak­ti­ons­chef die­sen Füh­rungs­stil, sei­ne Ar­beit und die feh­len­de Dis­kus­si­ons­kul­tur in der Frak­ti­on an­ge­grif­fen. Sie for­der­ten ei­nen „Neu­an­fang“, ers­te Schrit­te da­für sei­en: Die Au­f­ar­bei­tung des An­teils der SPD-Frak­ti­on an den schlech­ten Er­geb­nis­sen der So­zi­al­de­mo­kra­ten bei den ver­gan­ge­nen Wah­len, ei­ne „bes­se­re, stra­te­gi­sche The­men­set­zung“und die Fest­le­gung von Frak­ti­ons­schwer­punk­ten für den Dop­pel­haus­halt 2018/ 19. Au­ßer­dem ei­ne Dis­kus­si­on über die Pres­se­ar­beit der Frak­ti­on.

Ein Rück­tritt Sal­ehs wur­de auch am Di­ens­tag nicht ge­for­dert. Trotz­dem wird in Tei­len der SPD-Frak­ti­on dar­über ge­re­det, wer die Frak­ti­on künf­tig füh­ren könn­te. Schon vor ei­nem Jahr, als es Sal­eh nicht ge­lang, die er­neu­te No­mi­nie­rung des re­nom­mier­ten SPD-Ab­ge­ord­ne­ten Ralf Wie­land für das Amt des Par­la­ments­prä­si­den­ten zu ver­hin­dern, ka­men Ge­rüch­te auf, dass der Frak­ti­ons­chef mit­tel­fris­tig ab­ge­löst wer­den sol­le. Durch ei­ne Frau. Auch der Re­gie­ren­de Bür­ger­meis­ter und SPD-Lan­des­chef Michael Mül­ler wä­re dar­an in­ter­es­siert.

Ei­ne sta­bi­le Mehr­heit hat Sal­eh in der SPD-Frak­ti­on jetzt schon nicht mehr, auch wenn die Sit­zung am Di­ens­tag für ihn recht glimpf­lich ver­lief. Ne­ben den 14 Ge­nos­sen, die of­fen ge­gen ihn auf­tra­ten, gibt es noch vier Se­nats­mit­glie­der, die sich den Um­gang des Frak­ti­ons­chefs mit den ei­ge­nen Leu­ten im Mül­ler-Ka­bi­nett nicht mehr ge­fal­len las­sen wol­len. Hin­zu kom­men „Wa­ckel­kan­di­da­ten“, die den Brand­brief zwar nicht un­ter­schrie­ben ha­ben, aber an Sal­eh nicht um je­den Preis fest­hal­ten wol­len.

Fo­to: Imago/Jens Jes­ke

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