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Job­mes­se für Ge­flüch­te­te zeigt Fort­schrit­te und an­hal­ten­de Her­aus­for­de­run­gen. Ei­ne Pla­kat­kam­pa­gne wirbt für En­ga­ge­ment

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Von Flo­ri­an Schu­mann

Kurz nach elf kommt erst­mal nie­mand mehr rein. So groß ist am Di­ens­tag der An­sturm auf das Haus der Wirt­schaft in Char­lot­ten­burg, dass die Tü­ren zwi­schen­zeit­lich ge­schlos­sen wer­den müs­sen. Drau­ßen bil­den sich lan­ge Schlan­gen dick ein­ge­pack­ter Ju­gend­li­cher. Drin­nen ist es nicht nur warm, son­dern es wird auch viel ge­bo­ten: 24 Aus­stel­ler zei­gen den Schü­lern Per­spek­ti­ven für die Zu­kunft. Die meis­ten hier sind zum ers­ten Mal auf so ei­ner Ver­an­stal­tung, denn die Aus­bil­dungs­mes­se „vo­ca­ti­um plus“rich­tet sich spe­zi­ell an ge­flüch­te­te Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne.

Der 17-jäh­ri­ge Pa­läs­ti­nen­ser Mo­mo war heu­te schon früh da. Wie al­le aus sei­ner Klas­se vom Ober­stu­fen­zen­trum Han­del in Kreuz­berg hat er heu­te schul­frei – zu­guns­ten sei­ner Zu­kunft. Er ist seit Sep­tem­ber 2015 in Deutsch­land und will Kauf­mann wer­den. Ob ihm die Mes­se et­was ge­bracht hat? „Ich ha­be mei­nen Na­men und mei­ne Num­mer an­ge­ge­ben“, sagt er. „Aber erst­mal brau­che ich den Ab­schluss.“Wenn er den nächs­tes Jahr in der Ta­sche ha­be, wol­le sich je­mand von „Job­lin­ge“bei ihm mel­den und hel­fen, ein Prak­ti­kum oder ei­ne Aus­bil­dung zu fin­den.

Die Ber­li­ner Initia­ti­ve „Job­lin­ge“hat ih­ren Stand links vom Ein­gang auf­ge­baut. „Die meis­ten glau­ben, dass sie bei uns di­rekt ei­ne Aus­bil­dung star­ten kön­nen“, sagt Ro­my Böh­me. Da­bei fun­giert „Job­lin­ge“eher als Ver­mitt­ler zwi­schen den Be­trie­ben und den Be­wer­bern. Drei Ju­gend­li­chen hö­ren ihr zu, fra­gen ge­zielt nach – in feh­ler­frei­em Deutsch. „Das gu­te Sprach­ni­veau fällt so­fort auf“, sagt Böh­me.

Das war bei der Pre­mie­re der Mes­se vor zwei Jah­ren noch an­ders, be­rich­tet Hel­la Back­haus. Sie ist die Che­fin des In­sti­tuts für Ta­lent­ent­wick­lung, das die „vo­ca­ti­um plus“or­ga­ni­siert. „Da­mals konn­ten we­ni­ge Ju­gend­li­che Deutsch, so­dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Fir­men schwer war”, sagt Back­haus. Seit­dem ge­hen ih­re Mit­ar­bei­ter ge­zielt in die Ober­schu­len und spre­chen Klas­sen an. Wenn das Sprach­ni­veau gut ge­nug ist und die Schü­ler In­ter­es­se ha­ben, wer­den sie ein­ge­la­den. Grund­sätz­lich aber steht die Mes­se je­dem of­fen, und so zeigt der Zäh- ler um 13 Uhr schon 1016 Be­su­cher, 200 mehr als in den Vor­jah­ren.

Trotz der Fort­schrit­te bleibt die Spra­che für die meis­ten hier die größ­te Hür­de. Bei der Ga­sag ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr drei Ge­flüch­te­te ih­re Aus­bil­dung zum In­dus­trie­kauf­mann be­gon­nen. Ei­ner da­von ist Mahmoud Asad. Für den 26-jäh­ri­gen Sy­rer ist vor al­lem die Be­rufs­schu­le mit ih­ren gan­zen Fach­be­grif­fen schwer. Die Ga­sag hat das Pro­blem er­kannt, und zahlt den drei Azu­bis Deutsch­kur­se und Nach­hil­fe­stun­den. „Da­durch klappt al­les viel bes­ser“, sagt Asad. So gut, dass das Un­ter­neh­men im Sep­tem­ber wie­der drei Ge­flüch­te­te ein­ge­stellt hat.

Ob das an­dern­orts ge­nau­so gut funk­tio­niert, kann auch Hel­la Back­haus nicht sa­gen. Die Da­ten der Be­wer­ber wer­den nach der Mes­se ge­löscht. „Dann ist es an den Fir­men und den Ju­gend­li­chen, et­was dar­aus zu ma­chen“, sagt sie. Der An­sturm auf die Mes­se je­den­falls gibt Hoff­nung, dass vie­le der Ge­flüch­te­ten bald ih­ren Platz in der Ge­sell­schaft fin­den.

Die­sen Platz schon ge­fun­den ha­ben die Prot­ago­nis­ten der Se­nats­kam­pa­gne „Far­ben be­ken­nen“, die am Di­ens­tag star­te­te. Auf Pla­ka­ten sind Ge­sich­ter von Ge­flüch­te­ten zu se­hen, die sich ak­tiv in die deut­sche Ge­sell­schaft ein­brin­gen, ob als Jour­na­lis­tin, Youtube-Star oder Grün­der ei­ner Blut­spen­de­or­ga­ni­sa­ti­on. Un­ter den Ge­sich­tern prangt der Schrift­zug „Ty­pisch Deutsch“, ge­mein­sam mit ei­ner Ei­gen­schaft, die die Ge­flüch­te­ten mit ih­rer neu­en Hei­mat ver­bin­den: Hilfs­be­reit­schaft, Pünkt­lich­keit, sich an Re­geln hal- ten. In den nächs­ten Ta­gen wer­den 1500 Pla­ka­te in U- und S-Bahn-Sta­tio­nen auf­ge­hängt, in 570 Ca­fés und Re­stau­rants lie­gen Post­kar­ten aus.

Ver­ant­wort­lich für die Kam­pa­gne ist Staats­se­kre­tä­rin Saw­san Cheb­li (SPD). „Ich ken­ne vie­le Bei­spie­le von Ge­flüch­te­ten, die die Ängs­te und Sor­gen in der Ge­sell­schaft nach­voll­zie­hen kön­nen und Ver­ant­wor­tung über­neh­men wol­len“, sagt Cheb­li. Der Na­me „Far­ben be­ken­nen“be­zie­he sich da­bei auf „die ver­schie­de­nen Le­bens­ent­wür­fe, die un­se­re Ge­sell­schaft aus­ma­chen und zu de­nen die Prot­ago­nis­ten sich auf den Pla­ka­ten be­ken­nen.“

Lob für die Ak­ti­on kommt so­gar von der Op­po­si­ti­on. „Ich fin­de es gut, dass in der ak­tu­el­len Stim­mung dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es vor­bild­li­che Flücht­lin­ge gibt“, sagt der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Bur­kard Dreg­ger. Es dür­fe aber kei­ne Schön­fär­be­rei be­trie­ben wer­den. Cheb­li sagt, die Ak­ti­on sol­le nichts schön­re­den, aber den Ne­ga­tiv­bei­spie­len et­was ent­ge­gen­stel­len. „Bis­her muss man die po­si­ti­ven Ge­schich­ten mit der Lu­pe su­chen. Ih­nen müs­sen wir mehr Raum ge­ben.“

Für das Pro­jekt ha­be sie mit über 40 Ge­flüch­te­ten ge­spro­chen und schließ­lich acht aus­ge­wählt. Ih­re Ge­schich­ten könn­ten die Men­schen eher er­rei­chen als blo­ße Fak­ten. Cheb­li möch­te aber auch Nach­bar­schafts­ak­tio­nen star­ten, da­mit Ber­li­ner mit Ge­flüch­te­ten in Kon­takt kom­men. Nur so kön­ne ei­ne wei­te­re Po­la­ri­sie­rung der Ge­sell­schaft ver­hin­dert wer­den.

— Mit­ar­beit: Michael Graupner

Fo­tos: pro­mo

Fi­ras Als­ha­ter (li.) ist die Öf­fent­lich­keit ge­wohnt, der Sy­rer ist er­folg­rei­cher Vi­deo­blog­ger und hat ein Buch über „sei­ne neue Hei­mat“ge­schrie­ben. Die So­ma­lie­rin Fa­tu­ma Mu­sa Afrah kam 2014 aus Ke­nia nach Deutsch­land, sie en­ga­giert sich für an­de­re Ge­flüch­te­te. Der Pa­läs­ti­nen­ser Ha­di Al­ba­ri ist eh­ren­amt­li­cher Bas­ket­ball­trai­ner.

Ge­sich­ter zei­gen.

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