Auf­ge­lau­fen

Für das Ju­gend­schiff in der Rum­mels­bur­ger Bucht gibt es gro­ße Plä­ne. Doch ein Lie­ge­platz fehlt – und die Ei­gen­tü­mer ha­ben Schul­den beim Be­zirk

Der Tagesspiegel - - BERLIN -

Mar­kus Ibrom, San­na Pom­mer­anz und Jen­ni­fer Smith wol­len aut­ark le­ben – un­ab­hän­gig von der „al­ten Welt“, wie vie­le Phil­an­thro­pen das nen­nen, was hin­ter ih­nen liegt. Der Traum von der ge­mein­sa­men Frei­heit, of­fen für je­den. Sie möch­ten ei­ne le­bens­lan­ge Ver­bin­dung dar­stel­len, ei­ne so­zia­le Grup­pe mit fa­mi­liä­ren Ver­ant­wort­lich­kei­ten so­wie ge­mein­sa­mem Wir­ken und Wirt­schaf­ten. Der Aus­tausch von Gü­tern und Fä­hig­kei­ten soll die All­tags­be­dürf­nis­se re­geln. „Ge­mi­lie“nen­nen sie das, ein Kof­fer­wort aus „Fa­mi­lie“und „Ge­mein­schaft“. Für vie­le klingt das nach Pa­ra­dies, für an­de­re nach Sek­te. Sei­nen al­ter­na­ti­ven Le­bens­ent­wurf frei le­ben, das soll­te mög­lich sein in Ber­lin, be­son­ders in Fried­richs­hain-Kreuz­berg.

Doch so ein­fach ist es nicht. Um sich zu ver­wirk­li­chen ha­ben die drei dem Be­zirk vor rund ei­nem Jahr den „Frei­beu­ter“ab­ge­kauft, ein ehe­ma­li­ges Ju­gend­frei­zeit­schiff in der Rum­mels­bur­ger Bucht. Nun nen­nen sie es „For­schungs­sta­ti­on Au­Ge“, kurz für Aut­ark und Ge­sell­schaft. Da­bei stimmt „ge­kauft“nicht ganz: Sie ha­ben ei­nen Ver­trag un­ter­schrie­ben und bis­her erst drei Pro­zent des Kauf­prei­ses von 225 150 Eu­ro be­zahlt. Denn es gibt da ein Pro­blem: Das Schiff wur­de oh­ne An­le­ge­platz ver­kauft. Sie hät­ten das Schiff be­reits An­fang des Jah­res weg­schaf­fen müs­sen. Im Ver­trag ist auch ei­ne mo­nat­li­che Stra­fe von mehr als 1000 Eu­ro ver­an­lasst – für je­den Mo­nat, den es noch vor Ort und Stel­le an der Ky­nast­stra­ße 17 liegt. „Es ist al­lein An­ge­le­gen­heit des Käu­fers, ei­nen neu­en Lie­ge­platz zu be­schaf­fen“, steht im Kauf­ver­trag.

Ob­wohl sie kei­nen Lie­ge­platz ge­fun­den ha­ben, fin­gen die neu­en Be­sit­zer an, das Schiff um­zu­bau­en. Um den Kauf­preis zu be­zah­len, woll­ten sie ei­nen Kre­dit auf­neh­men, ganz klas­sisch. Ei­ne Bank ha­be be­reits zu­ge­sagt, je­doch nur, wenn ein An­le­ge­platz fest­steht. Und die­sen gibt es für das Schiff der­zeit nicht. Ein rea­les Di­lem­ma der rea­len Welt. Und ein prak­ti­sches Pro­blem: Der „Frei­beu­ter“passt un­ter kei­ner Brü­cke durch und ist so­mit auf ei­nen Lie­ge­platz in Kreuz­berg, Kö­pe­nick oder Lich­ten­berg an­ge­wie­sen. Der Be­zirk Lich­ten­berg hat zwar Hil­fe an­ge­bo­ten, weiß aber auch nicht, wo das Schiff ste­hen könn­te.

Der Be­zirk Fried­richs­hain-Kreuz­berg hat so­gar Kla­ge ein­ge­reicht und ver­langt ei­ne Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges. Das ha­ben die Phil­an­thro­pen ver­wei­gert, nun droht die Räu­mung. Doch die „Ge­mi­lie“hat schon viel Geld in den Um­bau des Schif­fes in­ves­tiert, für die Di­ens­te ei­nes Ar­chi­tek­ten­bü­ros und für So­lar­pa­nels zum Bei­spiel. Ei­ne auf­wen­di­ge Fil­ter­an­la­ge rei­nigt das See­was­ser, so­dass es trink­bar wird. Was in der Toi­let­te lan­det, wird mit Hil­fe von Sau­er­kraut­saft ge­go­ren und als Dün­ger ver­wen­det. Ein „Raum der Sin­ne“und ein Schü­ler­ca­fé sind in Pla­nung.

Ei­ne Montes­so­ri-Schu­le will ei­ni­ge Schü­ler tags­über hier mit­ma­chen las­sen. „Sie sol­len ler­nen, selbst Kreis­läu­fe zu schaf­fen“, sagt Schul­lei­ter Uwe Rey­er. „Für so et­was gibt es kein Schul­fach.“Dass um das Schiff ein Rechts­streit tobt, wis­sen die Schü­ler nicht. Für sie geht es abends zu­rück nach Prenz­lau­er Berg.

Für Schiff­be­woh­ner Mar­kus Ibrom ist klar: Der Ver­trag ist un­er­füll­bar. „Der Be­zirk ver­langt, dass wir ei­nen neu­en Lie­ge­platz fin­den, es gibt aber gar kei­nen. Wir ha­ben die Kat­ze im Sack ge­kauft.“Zwi­schen den Phil­an­thro­pen und Kreuz­bergs Grü­nen-Bau­stadt­rat Flo­ri­an Schmidt kri­selt es hef­tig, jetzt herr­sche so­gar Funk­stil­le, sa­gen die Boot­be­sit­zer. Michael Heih­sel, FDP-Be­zirks­ver­ord­ne­ter aus Fried­richs­hain-Kreuz­berg, fin­det es oh­ne­hin merk­wür­dig, dass der Be­zirk ge­glaubt hat, die drei Ar­beits­lo­sen wür­den mehr als 200 000 Eu­ro be­zah­len kön­nen. Heih­sel stört auch, dass das Schiff als Wohn­sitz an­ge­mel­det wur­de. „Ver­mut­lich kann man sei­nen Wohn­sitz in Fried­richs­hain-Kreuz­berg al­so auch auf ei­nem Pad­del­boot oder ei­nem Baum­haus an­mel­den, so­lan­ge man hier­zu ei­ne Adres­se mit­tei­len kann.“

Die Ge­mein­schaft der Phil­an­thro­pen ist noch grö­ßer und wächst der­zeit. Ei­ne gro­ße Wohn­ge­mein­schaft, be­grün­det auf der Phi­lo­so­phie von „Tei­len und Schen­ken“. Das Schiff soll das „Stadt­haus“wer­den. Da­ne­ben exis­tie­ren an­geb­lich be­reits ein „Werk­haus“am Tel­tower Ka­nal und ein „Land­sitz“am gro­ßen Wen­tow­see. Über­ra­schen­der­wei­se sind die Ka­jü­ten so­wie die Bio­toi­let­ten für Frau­en und Män­ner auf dem Schiff ge­trennt. „Vie­le Pro­zes­se ma­chen die Ge­schlech­ter lie­ber un­ter sich aus“, sagt Mar­kus Ibrom. Zum Bei­spiel die „Kom­pen­sa­ti­ons­kom­mu­ni­ka­ti­on“, al­so das Spre­chen über Pro­ble­me. „Män­ner hau­en sich ein­fach ge­gen­sei­tig auf die Schul­tern und gut ist. Frau­en re­den 15 Mal dar­über“, meint Ibrom. Da­her die Ge­schlech­ter­tren­nung.

Der­zeit lebt die Schiffs­ge­mein­schaft von ei­nem Exis­tenz­grün­dungs­zu­schuss in Hö­he von rund 460 Eu­ro pro Mo­nat, pro Per­son, ein Jahr lang. Al­le drei sind ih­re ei­ge­nen Start-ups. Mar­kus ist Vor­sit­zen­der der Spree­woh­nen eG. – wer hier Mit­glied wer­den möch­te, muss 2000 Eu­ro be­zah­len und kann dann die „Wohn­flä­chen“in den Ob­jek­ten der Grup­pe nut­zen. Bei Aus­tritt soll der Bei­trag zu­rück­ge­zahlt wer­den, steht in der Sat­zung. Statt Geld wol­len sie dem Be­zirk nun Di­enst­leis­tun­gen an­bie­ten, ganz nach dem Prin­zip des Schen­kens und Tau­schens. Schul­klas­sen dürf­ten vor­bei­kom­men und zu­dem kön­ne der Be­zirk ein Um­welt­bü­ro auf dem Schiff ein­rich­ten, kos­ten­los na­tür­lich. Oder ei­ne See-For­schungs­sta­ti­on.

Doch dar­aus wird wohl nichts: Stadt­rat Flo­ri­an Schmidt hat das Schiff neu zum Ver­kauf aus­ge­schrie­ben. Dies­mal nur zur Ver­schrot­tung. Der neue Käu­fer muss kei­nen An­le­ge­platz fin­den.

Das See­was­ser wird ge­fil­tert und trink­bar ge­macht

Fo­to: R. Kla­ges

In See­not.

Das ehe­ma­li­ge Ju­gend­club­schiff „Frei­beu­ter“ge­hört seit rund ei­nem Jahr ei­ner Grup­pe von Phil­an­thro­pen, die es als aut­ar­ken Woh­nund Lern­raum nut­zen wol­len.

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