In der klei­nen Pu­ber­tät

Der Tagesspiegel - - BERLIN FAMILIE -

Lars Sp­an­na­gel wun­dert sich, dass es so vie­le „schwie­ri­ge Pha­sen“gibt

Seit kur­zem ha­ben wir ei­nen Te­enager im Haus, der Be­such kam eher un­er­war­tet. Mei­ne Toch­ter Jo­la ist näm­lich erst fünf Jah­re alt, zur­zeit be­nimmt sie sich aber re­gel­mä­ßig, als sei sie in der Pu­ber­tät. Kleins­te An­läs­se füh­ren zu dra­ma­ti­schen Zu­sam­men­brü­chen und trä­nen­rei­chen Streits. „Mann, Pa­pa!“, brüllt Jo­la dann. „Ich wer­de gleich rich­tig sau­er.“Kurz nach die­sem Aus­ruf wirft sie sich mit An­lauf auf die Couch und ver­gräbt ihr Ge­sicht wei­nend in den So­fa­kis­sen. Oder sie ver­zieht sich in die hin­ters­te Ecke der Woh­nung uns ist nur mit viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl da­zu zu be­we­gen, sich wie­der in den Kreis der Fa­mi­lie zu be­ge­ben.

Manch­mal kippt die Stim­mung mei­ner Toch­ter erst am Nach­mit­tag, zum Bei­spiel wenn ihr ein­jäh­ri­ger Bru­der Tim sie beim Ma­len stört, ih­re Spiel­zeug-Po­nys in Un­ord­nung bringt oder an ih­rem CD-Play­er her­um­spielt. Bis­wei­len steht sie aber schon mor­gens grum­me­lig auf, an die­sen Ta­gen kann man kaum et­was ge­gen ih­re schlech­te Lau­ne tun. Zum Glück löst sich ihr Är­ger manch­mal aber auch plötz­lich in Luft und gu­te Lau­ne auf. Ins­ge­samt ist mir die gan­ze Sa­che ein gro­ßes Rät­sel.

Zu­min­dest dach­te ich das, bis mir mei­nen Frau ei­nen Ar­ti­kel aus ei­ner El­tern­zeit­schrift schick­te. Dar­in tauch­te der Be­griff der „klei­nen Pu­ber­tät“auf, mit der vie­le Kin­der – ins­be­son­de­re Mäd­chen – im Vor­schul­al­ter zu kämp­fen ha­ben. Dem­nach ma­chen Fünf­jäh­ri­ge in­tel­lek­tu­ell, mo­to­risch und emo­tio­nal enor­me Fort­schrit­te, die für sie al­ler­dings nur schwer ver­ar­bei­ten kön­nen. Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass sie sich für den Kin­der­gar­ten fast schon zu groß füh­len, die Vor­stel­lung der na­hen­den Ein­schu­lung ih­nen aber noch un­heim­lich ist. In dem Ar­ti­kel riet ei­ne Er­zie­hungs­ex­per­tin, die Pha­se po­si­tiv zu se­hen. Trotz und Ei­gen­sinn sei­en schließ­lich „Vor­stu­fen zur Ei­gen­stän­dig­keit“.

Dem kann ich voll und ganz zu­stim­men – aber muss das al­les wirk­lich schon jetzt an­fan­gen?

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