Vie­le Deut­sche ha­ben kaum Rück­la­gen

Stu­die: Ver­mö­gens­auf­bau für Mehr­heit un­mög­lich

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT -

Ber­lin - Die Mehr­heit der Deut­schen wür­de bei ei­nem fi­nan­zi­el­len Not­fall schlecht schla­fen: Je­der drit­te Haus­halt könn­te sei­ne Kon­sum­aus­ga­ben nur we­ni­ge Wo­chen lang von sei­nem Er­spar­ten be­zah­len. Die ärms­ten 20 Pro­zent hät­ten laut dem neu­en Ver­tei­lungs­be­richt des ge­werk­schafts­na­hen Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (WSI) über­haupt gar kei­ne Rück­la­gen. Die reichs­ten fünf Pro­zent könn­ten von ih­ren Er­spar­nis­sen hin­ge­gen län­ger als zwei Jahr­zehn­te le­ben.

Die WSI-For­scher un­ter­such­ten, wie lan­ge Haus­hal­te den hy­po­the­ti­schen Ex­trem­fall durch­hal­ten könn­ten, wenn sie auf je­des Ein­kom­men aus Job, Ren­te oder So­zi­al­trans­fer ver­zich­ten müss­ten und statt­des­sen ihr kom­plet­tes Ver­mö­gen auf­zeh­ren wür­den. Im Durch­schnitt ka­men sie auf ei­nen Wert von ei­nem Jahr und elf Ta­gen. Die Haus­hal­te, die nur kur­ze Zei­t­räu­me über­brü­cken könn­ten, wür­den we­nig oder nichts be­sit­zen. Da­ge­gen ver­füg­ten die zehn Pro­zent der Haus­hal­te, die am längs­ten oh­ne Ein­kom­men le­ben kön­nen, nach Ab­zug von Ver­bind­lich­kei­ten, über ein mitt­le­res Haus­halts­ver­mö­gen von knapp 500 000 Eu­ro.

Na­tür­lich ge­be es Aus­nah­men: Ei­ni­ge Wohl­ha­ben­de wür­den so viel für ih­ren per­sön­li­chen Kon­sum aus­ge­ben, dass ihr ho­hes Ver­mö­gen nicht be­son­ders lan­ge rei­che. Gleich­zei­tig ge­be es Mit­tel­klas­se-Haus­hal­te, die so we­nig kon­su­mier­ten, dass sie lan­ge Zeit mit ih­rem

Geld über die Run­den kom­men wür­den. Trotz­dem kommt An­ke Has­sel, wis­sen­schaft­li­che Di­rek­to­rin des WSI, zu dem Schluss: „Wer viel Ver­mö­gen hat, steht wirt­schaft­lich weit­aus un­ab­hän­gi­ger da.“Ver­mö­gen be­deu­te nicht nur Lu­xus, son­dern auch Si­cher­heit.

Der Be­richt of­fen­bart deut­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen West- und Ost­deutsch­land. Im Mit­tel könn­ten Haus­hal­te in den neu­en Bun­des­län­dern le­dig­lich halb so lan­ge Zei­t­räu­me durch das Auf­brau­chen ih­res Ver­mö­gens über­brü­cken wie die in den al­ten – und zwar nicht ein­mal ein Jahr statt mehr als zwei. Be­son­ders pro­ble­ma­tisch sei die Si­tua­ti­on au­ßer­dem von Äl­te­ren und von Al­lein­er­zie­hen­den. Rund 40 Pro­zent ver­füg­ten über kein Ver­mö­gen.

Die Da­ten des Be­richts il­lus­trie­ren wie un­gleich die Ver­mö­gen in Deutsch­land ver­teilt sind. Nach An­ga­ben der In­dus­trie­län­der-Or­ga­ni­sa­ti­on OECD be­sit­zen die reichs­ten zehn Pro­zent hier­zu­lan­de mehr als 60 Pro­zent des ge­sam­ten Ver­mö­gens. Laut WSI ist die Span­ne hier­zu­lan­de grö­ßer als in fast al­len an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern und auch grö­ßer als zur Jahr­tau­send­wen­de.

Vie­le Ar­beit­neh­mer kön­nen sich auch des­halb kei­ne Ge­dan­ken über kür­ze­re Ar­beits­zei­ten ma­chen. Wer über kei­nen fi­nan­zi­el­len Puf­fer ver­fügt, der be­ruf­li­che Aus­zei­ten er­mög­li­chen könn­te, dem droht spä­ter zu­dem eher Al­ters­ar­mut. Dies un­ter­streicht laut WSI die Be­deu­tung der so­zia­len Si­che­rungs­sys­te­me. In Haus­hal­ten, die kein Ver­mö­gen auf­bau­en könn­ten, fin­de prak­tisch auch kei­ne pri­va­te Al­ters­vor­sor­ge statt. Au­ßer­dem be­güns­tig­ten ma­te­ri­el­le Ängs­te und Un­si­cher­hei­ten – wie Stu­di­en er­wie­sen ha­ben – po­pu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen.

Das WSI for­dert auf der Grund­la­ge sei­ner Ana­ly­se so­li­de Ein­kom­men als Grund­la­ge ei­nes Ver­mö­gens­auf­baus, aus­rei­chen­de Be­treu­ungs­an­ge­bo­te für Kin­der, da­mit bei Be­darf bei­de El­tern­tei­le ar­bei­ten ge­hen kön­nen, ein grö­ße­res Schon­ver­mö­gen für Hartz-IV-Emp­fän­ger so­wie ei­ne staat­li­che För­de­rung des Im­mo­bi­li­en­be­sit­zes für un­te­re und mitt­le­re Ein­kom­men. Un­ter­su­chun­gen zeig­ten, dass der Be­sitz von Im­mo­bi­li­en ent­schei­dend zum Auf­bau von Ver­mö­gen bei­trägt, sag­te WSI-Di­rek­to­rin Has­sel.

Be­son­ders be­trof­fen sind Äl­te­re und Müt­ter, die Kin­der al­lei­ne er­zie­hen

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