Grob da­ne­ben

Ei­ne Flach­witz- Chal­len­ge zur Leicht­ath­le­tik-EM ge­rät zur ent­hül­len­den PR-Pan­ne

Der Tagesspiegel - - SPORT - Von Nant­ke Gar­relts

So nied­rig flog die­ser Flach­witz, dass so­gar sein Ab­sen­der ihn als „un­ter­ir­disch“schlecht be­zeich­ne­te. Ge­sche­hen nicht in ei­ner ver­rauch­ten Kn­ei­pe, son­dern auf der of­fi­zi­el­len Face­boo­ksei­te der Leicht­ath­le­tik-EM 2018, die Deutsch­lands größ­te Sport­ver­an­stal­tung des kom­men­den Jah­res sein will und sich mit Ti­cket­ver­käu­fen an in­ter­na­tio­na­les Pu­bli­kum so­wie schar­fen Kon­tern ge­gen ras­sis­ti­sche An­grif­fe auf schwar­ze deut­sche Ath­le­ten brüs­tet.

Was war ge­sche­hen? In ei­nem Vi­deo hat­te das deut­sche 4x100-Me­ter-Frau­en-Staf­fel­team zur „Flach­witz-Chal­len­ge“auf­ge­ru­fen – für das in­ter­na­tio­na­le Pu­bli­kum über­setzt als „low jo­kes“. Ei­ne Stim­me aus dem Off frag­te die Zu­schau­er: „Was ist pa­niert und raubt Leu­te aus?“Ant­wort: „Ein Zi­gau­ner­schnit­zel.“Das Kli­schee vom klau­en­den Zi­geu­ner, zu­dem ei­ne Be­zeich­nung, die längst durch das tref­fen­de­re, wenn auch um­strit­te­ne „Sin­ti und Ro­ma“er­setzt ist – in den zwei Zei­len ste­cken ein Hau­fen pro­ble­ma­ti­sche Kli­schees. Und über­haupt: An­ti­zi­ga­nis­ti­sche Wit­ze bei ei­ner in­ter­na­tio­na­len Sport­ver­an­stal­tung in ei­ner Welt­stadt – was ist denn da schief­ge­lau­fen?

Die Er­klä­rung ist so ein­fach wie ent­hül­lend: „Der Kol­le­ge hat Flach­wit­ze ge­goo­gelt und die­sen Witz ge­fun­den“, so Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor Claus Fröm­ming. Der Mit­ar­bei­ter sei sich nicht be­wusst ge­we­sen, was an dem ver­meint­li­chen Scherz pro­ble­ma­tisch sei. „Der Kol­le­ge ist be­trübt“, so Fröm­ming. Ei­ne Ent­schul­di­gung kam di­rekt nach dem Lö­schen des Vi­de­os, der Witz sei „nicht nur flach, son­dern un­ter­ir­disch schlecht“. Als „schlecht, platt und ras­sis­tisch“be­zeich­ne­te Fröm­ming den Witz. Da­mit räumt er im Ge­gen­satz zu der of­fi­zi­el­len Ent­schul­di­gung Ras­sis­mus ein und ge­lobt Bes­se­rung. Nur wie soll das ge­lin­gen, wenn es auf­grund von knap­pen Mit­teln kei­ne Qua­li­täts­prü­fung gibt, wie Fröm­ming zu­gibt?

„Die Spra­che der Ath­le­ten“wol­le man spre­chen, auch jun­ges Pu­bli­kum an­spre­chen, ähn­lich wie die lo­cker aus der Hüf­te ge­schos­se­nen Sprü­che et­wa auf der Twit­ter-Sei­te der BVG. Haupt­säch­lich jün­ge­re ehe­ma­li­ge Leicht­ath­le­ten sit­zen in der Mar­ke­ting­ab­tei­lung des Ver­an­stal­ters. Da­mit gibt es schon ein­mal zwei wich­ti­ge Un­ter­schie­de zu Kam­pa­gnen wie der der BVG oder Po­li­zei­pres­se­stel­len: Dort sind meis­tens pro­fes­sio­nel­le Wer­ber an der Tas­ta­tur, die im­mer zu zweit twit­tern oder ei­nen Kol­le­gen ge­gen­le­sen las­sen.

Der Vor­fall of­fen­bart nicht nur struk­tu­rel­le und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Fal­len, die Un­schuld des Ur­he­bers of­fen­bart ein tie­fer­lie­gen­des Pro­blem: In wei­ten Tei­len der Ge­sell­schaft und da­mit auch der Sport­welt, ste­cken ras­sis­ti­sche und an­ti­zi­ga­nis­ti­sche Kli­schees so tief un­ter der Ober­flä­che, dass sie nicht als Dis­kri­mi­nie­rung wahr­ge­nom­men wer­den. „Wir ver­weh­ren uns da­ge­gen, in die Nä­he von Ex­tre­mis­ten ge­stellt zu wer­den“, so Fröm­ming. Al­ler­dings sind es nicht nur Ex­tre­mis­ten, die so scher­zen, son­dern eben die ge­sell­schaft­li­che Mit­te.

Stu­di­en des Do­ku­men­ta­ti­ons- und Kul­tur­zen­trums Deut­scher Sin­ti und Ro­ma zei­gen, dass „Zi­geu­ner“in der All­tags­spra­che und in den Me­di­en im­mer noch als Syn­onym für Va­ga­bun­den, den hei­mat­lo­sen Rei­sen­den mit Bau­ern­schläue und Hang zum Dieb­stahl be­nutzt wird, und zwar in Qua­li­täts­me­di­en und von re­nom­mier­ten Schau­spie­lern und Jour­na­lis­ten. ImS­port of­fen­ba­ren sich sol­che Schief­la­gen häu­fig be­son­ders deut­lich: An­ge­fan­gen bei der Se­xis­mus-De­bat­te im Frau­en­fuß­ball über ras­sis­ti­sche Be­lei­di­gun­gen von Peop­le of Co­lor auf dem Spiel­feld bis hin zu an­ti­zi­ga­nis­ti­schen Sta­di­onge­sän­gen. Da­bei ist die In­ten­ti­on oft kei­ne de­zi­diert rechts­ex­tre­mis­ti­sche; ähn­lich wie am Stamm­tisch ist die Stim­mung im Sta­di­on und in der Sport­knei­pe ge­löst, das sich-lus­tig-Ma­chen ver­meint­lich harm­los und für den Kon­text ak­zep­tiert – was sie aber nicht we­ni­ger pro­ble­ma­tisch macht. Für ein in­ter­na­tio­na­les Leicht­ath­le­tik-Mee­ting mit Vor­bild­wir­kung ist die­se Spra­che dann doch ei­ne Spur zu lo­cker, das sieht auch der Ver­an­stal­ter ein und ge­lobt Bes­se­rung. Üb­ri­gens ist ein Flach­witz auf Eng­lisch eher ein „an­ti-jo­ke“– ein „low jo­ke“da­ge­gen be­deu­tet, dass der Witz un­ters­te Schub­la­de war. Auch hier ver­riet der Bei­trag sich selbst.

Die Kam­pa­gne will die Spra­che der Ath­le­ten spre­chen

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