Wei­ne nicht, Gi­gi

Der Tagesspiegel - - SPORT -

Die Welt wird nicht un­ter­ge­hen, ja nicht ein­mal Ita­li­en. Auch wenn die Wel­len viel­leicht ein we­nig hef­ti­ger auf Si­zi­li­en bran­den und die Stür­me ein biss­chen hef­ti­ger über die Al­pen we­hen, erst recht durch den Blät­ter­wald. Die Gaz­zet­t­as und Cor­rie­res dürf­ten sich mit der ih­nen ei­ge­nen Lei­den­schaft der Apo­ka­lyp­se wid­men, die Ita­li­ens Fuß­ball­ver­bands­chef für den un­denk­ba­ren Fall ei­nes Schei­terns in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­on her­auf­be­schwo­ren hat.

Kein Tor in zwei Play-off-Spie­len ge­gen Schwe­den, kein Ti­cket für die Welt­meis­ter­schaft im kom­men­den Jahr in Russ­land. Zum ers­ten Mal seit 1958 in Schwe­den (sic!) fehlt Ita­li­en, wenn die Fuß­ball­welt ih­ren Meis­ter aus­spielt. Ein gan­zes Land wü­tet und trau­ert und weint, so herz­zer­rei­ßend, wie Gi­gi Buf­fon in der Nacht des Schei­terns.

Aber was ist rein fak­tisch schon pas­siert? Ei­ne Na­ti­on, die sich bei den Welt­meis­ter­schaf­ten 2010 und 2014 in der Vor­run­de ver­ab­schie­det hat, ist die­sem Schick­sal am Mon­tag in Mai­land zu­vor­ge­kom­men. Ita­li­en mag stolz sein auf vier WM-Sie­ge, aber die Sta­tis­tik war noch nie ein er­folg­rei­cher Tor­schüt­ze und die Ge­schich­te kein gu­ter Vor­be­rei­ter.

Ita­li­en war am Mon­tag im San Si­ro von Mai­land die bes­se­re Mann­schaft – oder soll man sa­gen: die we­ni­ger schlech­te? Die un­fass­bar schlech­ten Schwe­den ha­ben gar nicht erst ver­sucht, Fuß­ball zu spie­len. Das ist die ei­ne Hälf­te der Wahr­heit. Die an­de­re lau­tet: Eben die­se Schwe­den ha­ben das Hin­spiel am Frei­tag 1:0 ge­won­nen, und so viel bes­ser wa­ren sie da auch nicht.

Schon bei die­sem ers­ten Ren­cont­re in Stock­holm fehl­te den Ita­lie­nern jeg­li­che Phan­ta­sie. Dass die Schwe­den im Rück­spiel mit al­ler Macht ih­ren Straf­raum ver­bar­ri­ka­die­ren wür­den, kam so über­ra- schend nicht. Gu­te Mann­schaf­ten fin­den da­für Lö­sun­gen. Das Ita­li­en von 2017 hat kei­ne gu­te Mann­schaft, so wie es auch kei­ne gu­ten In­di­vi­dua­lis­ten hat. Kei­nen Andrea Pir­lo, kei­nen Fran­ces­co Tot­ti, kei­nen Fran­co Ba­re­si. Da­für eif­ri­ge Ren­ner und Grät­scher, die sich eh­ren­voll und mit al­ler Lei­den­schaft ge­gen das Schei­tern wehr­ten. Aber an Lei­den­schaft fehlt es auch den Sports­freun­den aus Neu­see­land, Is­land oder eben Schwe­den nicht. Was ih­nen Ita­li­en vor­aus hat, ist nur noch der gro­ße Na­me.

Die letz­te na­tio­na­le Cal­cio-Ka­ta­stro­phe er­eig­ne­te sich vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert bei der WM 1966 in En­g­land, ein 0:1 ge­gen die Fuß­ball-Ar­mee aus Nord­ko­rea. Da­mals re­agier­te Ita­li­en mit Iso­la­tio­nis­mus, mit dem Ver­bot des Im­ports aus­län­di­scher Spie­ler. Das wird dies­mal schon aus ju­ris­ti­schen Grün­den kaum mög­lich sein. Es wird in den kom­men­den Ta­gen ei­ne Rei­he von Rück­trit­ten ver­dien­ter Ve­te­ra­nen ge­ben, da­zu den un­ver­meid­li­chen Raus­wurf des Miss­er­folgs­trai­ners Gi­an Pie­ro Ven­tura. Da­bei spie­gelt der K.o. von San Si­ro in letz­ter Kon­se­quenz doch nur, was der ita­lie­ni­sche Klub-Fuß­ball seit Jah­ren vor­lebt. Auf höchs­tem eu­ro­päi­schen Ni­veau ist die Se­rie A jen­seits von Ju­ven­tus Tu­rin nicht mehr kon­kur­renz­fä­hig.

Ita­li­en steht im Herbst 2017 un­ge­fähr dort, wo Deutsch­land im Som­mer 2000 stand, nach der de­sas­trö­sen Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den, als es im letz­ten Grup­pen­spiel ein 0:3 ge­gen die por­tu­gie­si­sche B-Mann­schaft gab. Die Deut­schen ha­ben die­se Her­aus­for­de­rung an­ge­nom­men, mit ei­ner ra­di­ka­len Kurs­än­de­rung in der Nach­wuchs­ar­beit.

Mal se­hen, was den Ita­lie­nern ein­fällt.

Fo­to: L. Bru­no/dpa

Es ist vor­bei. Gi­an­lu­i­gi Buf­fon (l.) und Team­kol­le­ge Gab­bia­di­ni.

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