Des Ver­rück­ten zu viel

Die Tak­tik von Joa­chim Löw geht nicht auf – ge­gen er­fri­schen­de Fran­zo­sen spie­len die Deut­schen 2:2

Der Tagesspiegel - - SPORT - Von Stefan Her­manns, Köln

Vor ein paar Jah­ren hat der Deut­sche Fuß­ball-Bund mit ei­ner re­vo­lu­tio­nä­ren Neue­rung auf­ge­war­tet. Wenn der DFB sei­ne Auf­stel­lung für das nächs­te Län­der­spiel ver­kün­de­te, gab es wie ge­habt die Ka­te­go­ri­en Tor­hü­ter und Ab­wehr; die zu­vor ei­gen­stän­di­gen Res­sorts Mit­tel­feld und Sturm aber wur­den zu Mit­tel­feld/Sturm zu­sam­men­ge­fasst. Wahr­schein­lich war es ein­fach zu trau­rig, wenn Mi­ros­lav Klo­se im­mer al­lein im An­griff auf­tauch­te. Die Auf­stel­lung der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft am Di­ens­tag­abend ge­gen Frank­reich sah wie ei­ne kon­se­quen­te Um­set­zung die­ses Prin­zips aus. Wer Mit­tel­feld­spie­ler war und wer Stür­mer, war an­fangs nicht zwei­fels­frei zu er­ken­nen. Mal tauch­te der Sech­ser Sa­mi Khe­di­ra in vor­ders­ter Li­nie auf, wäh­rend der ei­gent­li­che Stür­mer Ti­mo Werner sich tief vor der Ab­wehr auf­hielt. Das war wirk­lich sehr ver­wir­rend. Vor al­lem für die Deut­schen selbst.

Die hoch ge­lob­te Of­fen­si­ve der Fran­zo­sen hin­ge­gen spiel­te mit er­fri­schen­der Klar­heit. Und da­mit hat­ten die Deut­schen vor 36 948 Zu­schau­ern in Köln an­fangs deut­lich mehr Pro­ble­me, als es um­ge­kehrt der Fall war. Im­mer­hin ver­hin­der­te der Welt­meis­ter dank ei­ner deut­li­chen Leis­tungs­stei­ge­rung nach der Pau­se im letz­ten Län­der­spiel des Jah­res die ers­te Nie­der­la­ge des Jah­res. Mit der letz- ten Ak­ti­on des Spiels traf der ein­ge­wech­sel­te Lars St­indl zum 2:2 (0:1)-End­stand.

Im Ver­gleich zum 0:0 ge­gen En­g­land rück­ten sechs neue Spie­ler in die Start­elf, dar­un­ter auch Mar­vin Plat­ten­hardt von Her­tha BSC, der in der Of­fen­si­ve durch­aus mu­tig auf­trat. Die viel­leicht größ­te Über­ra­schung war aber, dass Jos­hua Kim­mich beim An­pfiff nicht auf dem Platz stand. Da­mit en­de­te in Köln ei­ne be­ein­dru­cken­de Se­rie. Der Münch­ner hat­te seit sei­nem Pflicht­spiel­de­büt bei der EM-Vor­run­de im ver­gan­ge­nen Jahr in al­len 24 Begegnungen über 90 Mi­nu­ten ge­spielt. Zwei Spie­le hät­ten ihm noch ge­fehlt, um den bis­he­ri­gen Re­kord­hal­ter Ber­ti Vogts ein­zu­ho­len.

An Kim­michs Stel­le ver­tei­dig­te Em­re Can rechts in der Vie­rer­ket­te, ein ge­lern­ter Mit­tel­feld­spie­ler, der die Po­si­ti­on in der Na­tio­nal­mann­schaft zwar schon di­ver­se Ma­le ge­spielt, auf ihr aber nur be­dingt über­zeugt hat. Das war auch in Köln so. Can und Plat­ten­hardt auf der an­de­ren Sei­te soll­ten weit auf­rü­cken. Das führ­te da­zu, dass manch­mal sechs deut­sche Spie­ler ganz vor­ne auf ei­ner Li­nie stan­den. Das Sys­tem, das Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw sich aus­ge­dacht hat­te, war schwer zu ent­schlüs­seln – wenn man über­haupt von ei­nem Sys­tem spre­chen konn­te. Es sah mehr nach ge­woll­tem Cha­os aus. Löw hat­te in den ver­gan­ge­nen Ta­gen an­ge­kün­digt, dass er manch­mal auch be­wusst et­was Ver­rück­tes aus­pro­bie­ren wol­le. Ge­gen die Fran­zo­sen war es des Ver­rück­ten ein biss­chen zu viel.

Bes­ter deut­scher Spie­ler war Tor­hü­ter Ke­vin Trapp, der ein­mal nach ei­nem schnel­len Kon­ter ge­gen Alex­and­re La­ca­zet­te zur Ecke klär­te – und vor al­lem bei ei­nem Schuss von Ky­li­an Mbap­pé aufs kur­ze Eck glän­zend re­agier­te. Die Équi­pe tri­co­lo­re be­stä­tig­te das, was ihr nach­ge­sagt wird: dass sie über gro­ße Qua­li­tät in der Of­fen­si­ve ver­fügt. Und An­toi­ne Griez­mann, der beim EM-Halb­fi­na­le vor 16 Mo­na­ten bei­de To­re zum 2:0 er­zielt hat­te, saß so­gar nur auf der Bank.

Zur Pau­se hieß das Ecken­ver­hält­nis 6:1 – zu­guns­ten der Fran­zo­sen. Die Gäs­te brach­ten die deut­sche Ver­tei­di­gung im- mer wie­der in Ver­le­gen­heit. Zehn Mi­nu­ten vor der Pau­se gin­gen sie fast fol­ge­rich­tig und durch­aus ver­dient in Füh­rung. Ant­ho­ny Mar­ti­al ließ Ni­k­las Sü­le ins Lee­re grät­schen und leg­te dann klug ab in die Mit­te, so dass La­ca­zet­te den Ball nur noch über die Li­nie schie­ben muss­te.

In der Schluss­pha­se der ers­ten Hälf­te wur­den die Deut­schen of­fen­siv et­was ge­fähr­li­cher. Nach ei­nem fei­nen Steil­pass von Ju­li­an Drax­ler brach­te Werner den Ball nicht un­ter Kon­trol­le. Kurz dar­auf zö­ger­te der Leip­zi­ger zu lan­ge mit dem Ab­schluss. Auch nach der Pau­se spür­te man den Wil­len der Deut­schen, die Nie­der­la­ge­noch ab­zu­wen­den. Der ein­ge­wech­sel­te An­to­nio Rü­di­ger hat­te die ers­te gu­te Ge­le­gen­heit zum Aus­gleich, ver­gab nach der gu­ten Vor­ar­beit Drax­lers aber recht kläg­lich. Drei Mi­nu­ten spä­ter mach­te es Ti­mo Werner bes­ser. Nach gran­dio­sem Steil­pass von Me­sut Özil über­wand er Tor­hü­ter Ste­ve Mand­an­da mit ei­nem Bein­schuss zum 1:1.

Es war nun ein deut­lich at­trak­ti­ve­res, da aus­ge­gli­che­ne­res Spiel als vor der Pau­se. To­ni Kroos traf mit ei­nem Frei­stoß das Lat­ten­kreuz, Se­kun­den spä­ter aber brach­te La­ca­zet­te die Gäs­te mit sei­nem zwei­ten Tor er­neut in Füh­rung. Dank St­indls spä­tem Tref­fer durf­te sich Ma­rio Göt­ze nicht nur über sei­ne Rück­kehr in die Na­tio­nal­mann­schaft nach ex­akt ei­nem Jahr Pau­se freu­en, son­dern auch über ein ver­söhn­li­ches En­de des Län­der­spiel­jah­res.

Fo­to: Ma­ri­us Be­cker/AFP

über die Ita­lie­ner und ihr Schei­tern in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­on Nimm du ihn, ich hab ihn si­cher. Frank­reichs Ra­pha­el Va­ra­ne (links) und Ju­li­an Drax­ler fü­ßeln mit dem Ball.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.