Tief ge­trof­fen

Ita­li­en be­trau­ert das WM-Aus sei­ner Fuß­bal­ler. Trai­ner Gi­an Pie­ro Ven­tura wird wohl zu­rück­tre­ten

Der Tagesspiegel - - SPORT -

Mai­land - Ei­ne Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft oh­ne Ita­li­en? Un­denk­bar ei­gent­lich, aber nun doch bit­te­re Ge­wiss­heit für den vier­fa­chen Welt­meis­ter. Und ge­wiss war auch schon am Tag nach dem 0:0 in Mai­land ge­gen Schwe­den, dass dies nicht oh­ne Fol­gen blei­ben wür­de. Nach der ver­pass­ten WM-Qua­li­fi­ka­ti­on kün­dig­te der ita­lie­ni­sche Fuß­ball­ver­band (FIGC) für Mitt­woch Kon­se­quen­zen an. Ita­lie­ni­sche Me­di­en ge­hen da­von aus, dass Na­tio­nal-Coach Gi­an Pie­ro Ven­tura nicht zu hal­ten ist.

„Wir sind zu­tiefst be­trübt und ent­täuscht we­gen der ver­pass­ten Welt­meis­ter­schafts-Qua­li­fi­ka­ti­on, das ist ein sport­li­cher Miss­er­folg, der ei­ne ge­mein­sa­me Lö­sung braucht“, sag­te FIGC-Prä­si­dent Car­lo Ta­ve­c­chio der Nach­rich­ten­agen­tur An­sa am Di­ens­tag. „Und des­halb ha­be ich für mor­gen ei­ne Ver­samm­lung des Ver­bands ein­be­ru­fen, um ei­ne gründ­li­che Ana­ly­se vor­zu­neh­men und über die Ent­schei­dun­gen für die Zu­kunft zu tref­fen.“

Das erst­ma­li­ge Ver­pas­sen ei­ner Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft seit 60 Jah­ren hat die Na­tio­nal­mann­schaft be­reits un­mit­tel­bar nach dem Ab­pfiff am Mon­tag in Mai­land tief ge­trof­fen. Trotz drü­cken­der Über­le­gen­heit en­de­te das Play­off-Rück­spiel ge­gen Schwe­den tor­los und be­sie­gel­te nach dem 0:1 im Hin­spiel das Feh­len Ita­li­ens in Russ­land.

„Ich füh­le mich da­nach, mich bei den Ita­lie­nern zu ent­schul­di­gen, für das Er­geb­nis, nicht für un­se­re An­stren­gun­gen“, sag­te Ven­tura. Der un­tröst­li­che Buf­fon nann­te das Feh­len bei der WMei­ne „Ka­ta­stro­phe“. Es hät­te für die Mann­schaft und für das Land viel be­deu­tet. Auch für die an­de­ren bei­den Welt­meis­ter von 2006, Da­nie­le De Ros­si und Andrea Bar­zag­li, war es die letz­te Par­tie im Tri­kot der Az­zur­ri. „Ich glau­be, das ist die größ­te Ent­täu­schung mei­nes Le­bens“, sag­te Bar­zag­li.

In hit­zi­ger At­mo­sphä­re im le­gen­dä­ren San Si­ro hat­ten die Gast­ge­ber schnell die Initia­ti­ve über­nom­men und auf den frü­hen Füh­rungs­tref­fer ge­drängt. Der ehe­ma­li­ge Dort­mun­der Ci­ro Im­mo­bi­le war ei­ner der Ak­tiv­pos­ten, ver­gab je­doch sei­ne bes­ten Mög­lich­kei­ten al­le­samt (40. Mi­nu­te/64.).

Wäh­rend sich die Gäs­te im­mer mehr zu­rück­zo­gen und über­haupt nichts mehr für die Of­fen­si­ve ta­ten, schei­ter­ten auch Gior­gio Chiel­li­ni (58.) so­wie Ste­phan El Shaara­wy (87.) und lie­ßen die Ti­fo­si je­weils rau­nen. In der Schluss­pha­se stan­den al­le Ita­lie­ner in­klu­si­ve Buf­fon in der geg­ne­ri­schen Hälf­te und dräng­ten auf das er­sehn­te Tor – er­folg­los.

Joa­chim Löw sieht durch das WM-Aus für Ita­li­en kei­ne grö­ße­ren Aus­wir­kun­gen auf die ei­ge­ne Welt­meis­ter­schafts-Auf­ga­be im kom­men­den Som­mer in Russ- land. „Ita­li­en ist schon ein gro­ßer Na­me, steht bei ei­nem Tur­nier für ge­wis­se Qua­li­tät“, hat­te der Bun­des­trai­ner be­reits vor der ver­pass­ten WM-Teil­nah­me der Ita­lie­ner am Mon­tag er­klärt.

Nun al­so wird Schwe­den an­stel­le von Ita­li­en in Russ­land teil­neh­men. Und bei den pas­siv agie­ren­den Schwe­den brach rie­si­ger Ju­bel aus, nach­dem sie zum zwölf­ten Mal das WM-Ti­cket ge­löst hat­ten. Sie sind nach zu­letzt zwei ge­schei­ter­ten Ver­su­chen erst­mals seit 2006 wie­der da­bei. Vor elf Jah­ren wa­ren die Skan­di­na­vi­er im Ach­tel­fi­na­le an Gast­ge­ber Deutsch­land ge­schei­tert. Schwe­den steht als 29. von 32 WM-Teil­neh­mern fest.

Die Spie­ler fan­den kaum Wor­te für ih­ren Er­folg. „Es gab vie­le Trä­nen“, sag­te der ehe­ma­li­ge HSV-Pro­fi Mar­cus Berg. „Ich ha­be schon als Kind den Traum ge­habt, bei so et­was da­bei zu sein.“Ka­pi­tän Andre­as Gran­qvist ver­spür­te „un­glaub­li­chen Stolz. Vie­le hat­ten uns schon ab­ge­schrie­ben, aber jetzt wer­den uns al­le sehr ernst neh­men.“

Nur die un­ver­meid­li­che Fra­ge nach Zla­tan Ibra­hi­mo­vic drück­te auf die Stim­mung. „Das ist doch un­glaub­lich! Die­ser Spie­ler hat vor ein­ein­halb Jah­ren auf­ge­hört, für Schwe­den zu spie­len, und wir re­den hier im­mer noch über ihn“, schimpf­te Na­tio­nal­trai­ner Jan­ne An­ders­son nach dem Qua­li­fi­ka­ti­on-Coup ge­gen Ita­li­en. „Wir müs­sen end­lich an­fan­gen, über die groß­ar­ti­gen Spie­ler zu re­den, die wir in die­ser Mann­schaft ha­ben“, sag­te An­ders­son. Ibra­hi­mo­vic sei „ein gro­ßer Cham­pi­on“, aber die Art, Fuß­ball zu spie­len, ha­be sich nach dem Ab­schied des Ex­zen­tri­kers doch grund­le­gend ver­än­dert.

„We are Zwe­den“schrieb Ibra­hi­mo­vic am Mon­tag un­ter ein Fo­to bei Ins­ta­gram, auf dem die schwe­di­sche Mann­schaft zu se­hen war. Pro­vo­kant er­setz­te er das S durch ein Z – sein Mar­ken­zei­chen. Der 36-Jäh­ri­ge war nach dem Schei­tern in der Qua­li­fi­ka­ti­on für die EM 2016 aus dem Na­tio­nal­team zu­rück­ge­tre­ten.

Fo­to: Mi­guel Me­di­na/AFP

Am Bo­den. Die ita­lie­ni­sche Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft ist zum ers­ten Mal seit 1958 nicht bei ei­ner Welt­meis­ter­schaft da­bei.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.