Ge­misch­tes Dop­pel

Das Ber­li­ner Fes­ti­val „No Li­mits“prä­sen­tiert Thea­ter von Men­schen mit Be­hin­de­rung

Der Tagesspiegel - - KULTUR -

Mein Na­me ist Gün­ter, und zu­fäl­lig bin ich nicht be­hin­dert. Je­der Gast auf die­ser Hoch­zeit be­kommt amEin­gang ein Schild­chen an­ge­hef­tet – und je nach­dem, ob man der Sei­te der Braut oder des Bräu­ti­gams zu­ge­rech­net wird, noch ei­ne Ein­schrän­kung ver­passt. Ei­nen Roll­stuhl. Ei­nen di­cken Schaum­stoff­über­zug für den Arm. Kopf­hö­rer, die ge­hör­los ma­chen. Denn die Braut Do­ris ist kör­per­be­hin­dert, aber ihr An­ge­trau­ter De­an ist es nicht. So what?

Lie­be schert sich nicht um sol­che Äu­ßer­lich­kei­ten. Soll­te man mei­nen. Aber ganz so ein­fach ist es eben doch nicht. Wenn der Trau­zeu­ge sein Glas er­hebt und mit mas­ken­haf­ter Fröh­lich­keit ei­nen To­ast auf De­ans Mut aus­bringt, „ei­nen Krüp­pel“zu ehe­li­chen, schleicht sich ge­wal­ti­ges Un­be­ha­gen ein. Wenn die Trau­zeu­gin in ih­rer Re­de durch­bli­cken lässt, dass der Gat­te im

Ruf ei­nes Schür­zen­jä­gers steht, blickt man doch skep­tisch auf die Ver­bin­dung.

Kann das ech­te

Lie­be sein?

„Hy­per­ga­mie –

Hoch­zeit mit Hin­der­nis­sen“heißt die­se

Per­for­mance der

Kom­pa­nie „do­ris­de­an“, ei­ne mi­xed-ab­led Trup­pe aus Nord­rhein-West­fa­len. „Mi­xed-ab­led“, das hieß auch schon mal „in­klu­siv“, meint aber das Glei­che: be­hin­der­te und nicht­be­hin­der­te Schau­spie­ler ste­hen ge­mein­sam auf der Büh­ne. Was be­kannt­lich zu groß­ar­ti­gen Aben­den füh­ren kann, die al­les ver­die­nen, aber nicht die pa­ter­na­lis­ti­sche Be­trach­tung mit ver­meint­lich wohl­wol­len­dem Bo­nus-Blick. Be­son­ders ge­glück­te Ins­ze­nie­run­gen die­ses Gen­res zeigt re­gel­mä­ßig das Ber­li­ner Fes­ti­val „No Li­mits“un­ter der Lei­tung von Andre­as Me­der, das jetzt wie­der am HAU, im Ball­haus Ost und im Thea­ter Thik­wa läuft und sei­nen Ruf als Platt­form für Ent­de­ckun­gen fes­tigt.

„Hy­per­ga­mie“zählt da­bei zu den spe­zi­ells­ten Er­fah­run­gen. Die En­sem­ble-Ins­ze­nie­rung, die ja durch­aus den Schre­cken des Mit­mach­thea­ters ent­fal­ten könn­te, ent­wi­ckelt sich zu ei­ner sub­til-be­klem­men­den Re­fle­xi­on über die Fra­ge, wie viel Au­gen­hö­he un­se­re Ge­sell­schaft tat­säch­lich zu­lässt. In ei­nem selt­sam ent­rück­ten 20er-Jah­re-Set­ting mit knar­zen­dem Gram­mo­phon gibt’s ein ge­mein­sa­mes Kar­tof­fel-Es­sen und ei­nen Knö­del-Te­nor, der „O so­le mio“schmet­tert, wäh­rend das Braut­paar die hoch­zeits­üb­li­chen Spiel­chen ab­sol­viert. Ganz un­spek­ta­ku­lär geht der Abend zu En­de. Al­ler­dings nicht, oh­ne ge­misch­te Ge­füh­le be­züg­lich der Kluft zwi­schen „nor­mal“und „be­hin­dert“zu hin­ter­las­sen.

Ganz an­ders, viel knal­li­ger, schrä­ger, über­dreh­ter ist das Stück „Der Tag, an dem Ken­ne­dy er­mor­det wur­de und Mim­mi Ken­ne­dy Prä­si­den­tin wur­de“der Ham­bur­ger For­ma­ti­on „Mei­ne Da­men und Her­ren“. De­ren Re­gis­seur Den­nis Sei­del hat ei­ne geis­ti­ge Be­hin­de­rung und ei­ne über­schie­ßen­de Fan­ta­sie, die in die­sem Fall zu ei­ner ur­ko­mi­schen Trash-Ex­tra­van­g­an­za führt. Sei­del selbst spielt – in Kleid und Pe­rü­cke – die Re­por­te­rin mit dem Zun­gen­bre­cher­na­men Liv Split, die am 22. No­vem­ber 1963 li­ve vom Attentat auf JFK be­rich­tet. Lei­der ge­rät die Jour­na­lis­tin bald selbst un­ter Mord­ver­dacht. Was nur der An­fang ei­ner Film-noir-mä­ßig ver­wor­re­nen Kri­mi-Far­ce mit Po­lit-Back­ground ist, in de­ren Zu­ge ver­schol­le­ne Schwes­tern wie­der auf­tau­chen und kom­mu­nis­ti­sche Bar­bie-Pup­pen ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len. Das gan­ze mün­det in ei­ner Fei­er und dem fi­na­len Liv-Split-Kom­men­tar: „Wenn Ken­ne­dy heu­te noch le­ben wür­de, hät­te ich ihn ein­ge­la­den.“Gran­di­os.

Die Viel­falt der dies­jäh­ri­gen Fes­ti­val-Aus­ga­be ist über­haupt er­freu­lich. Ein Schwer­punkt liegt auf cho­reo­gra­fi­schen Ar­bei­ten un­ter­schied­lichs­ter Aus­for­mung. „touch me“von tan­z_bar bre­men er­kun­det Be­rüh­rung und Nä­he. „Whe­re is down?“– ei­ne Ge­mein­schafts­pro­duk­ti­on der spa­ni­schen Schu­le Dan­za Mo­bi­le und des Yug­s­a­mas Mo­ve­ment Collec­tive aus Salzburg – fragt mit Puc­ci­nis Arie „Nes­sun dor­ma“nach Iden­ti­tät und Lie­be. Und die Ber­li­ner Pup­pen­kom­pa­nie Das Hel­mi be­gibt sich zu­sam­men mit dem Zürcher Thea­ter Ho­ra auf ei­ne ir­re Odys­see durch die The­men Mid­life­cri­sis, Tanz­sport und Pfer­de­zucht, ge­tauft: „Der Be­such der ver­knall­ten Da­me“.

Neu ist an die­sem „No Li­mits“-Jahr­gang die stär­ke­re Prä­senz von Ar­bei­ten mit kör­per­be­hin­der­ten Darstel­lern. „Ei­ne Ges­te“vom War­schau­er No­wy Tea­tr ist so ein Bei­spiel. Die Ins­ze­nie­rung von Wo­j­tek Zie­mil­ski ver­sam­melt vier ge­hör­lo­se Per­for­me­rin­nen und Per­for­mer, die oh­ne Brim­bo­ri­um in Sze­ne ge­setzt wer­den und aus ih­rem je ei­ge­nen Kos­mos be­rich­ten. Nie wird da­bei die Be­haup­tung auf­ge­baut, als Hö­ren­der kön­ne man nach­voll­zie­hen, was ein Le­ben mit Ges­ten­spra­che be­deu­tet. Ein­gangs er­zählt ei­ne der Darstel­le­rin­nen la­ko­nisch, dass ih­re Groß­mut­ter sie frü­her in die Kir­che zu schlep­pen pfleg­te, um für ei­ne Wun­der­hei­lung zu be­ten. „Hat die Re­li­gi­on mir ge­hol­fen?“, fragt sie. Nun ja. „Mei­ne Oma wur­de de­pres­siv. Und ich hö­re im­mer noch nichts.“

Wie viel Au­gen­hö­he lässt un­se­re Ge­sell­schaft zu?

— Noch bis 18. No­vem­ber, Pro­gramm un­ter www.no-li­mits-fes­ti­val.de

Fo­to: Michael Bause

An­nä­he­run­gen. Das En­sem­ble tanz–bar aus Bre­men geht mit dem Stück „touch me“auf Er­kun­dungs­rei­se.

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