Das ent­fes­sel­te Or­na­ment

Wie­der­ent­de­ckung ei­ner Pio­nie­rin: Fah­rel­nis­sa Zeid in der DB-Kunst­hal­le

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Von El­ke Lin­da Buch­holz

Das ist die Höl­le, ein Alb­traum des Hor­ror Va­cui. „My Hell“hat Fah­rel­nis­sa Zeid ihr 1951 ge­mal­tes Po­wer­pa­ket ge­nannt. Das über fünf Me­ter brei­te Qu­er­for­mat do­mi­niert den Saal in der Deut­sche Bank Kunst­Hal­le mü­he­los. Wer nä­her­tritt, wird von dem Ge­wim­mel aus geo­me­trisch zer­split­ter­ten Klein­tei­len auf­ge­so­gen. Man kann sich dar­an aber auch mit Ener­gie auf­la­den wie an ei­ner Stark­strom­quel­le. Was hier pul­siert, ist emo­tio­nal auf­ge­wühlt, gra­fisch ge­bän­digt, ab­so­lut mo­dern und trotz­dem in der Tra­di­ti­on ori­en­ta­li­scher Or­na­men­tik ver­wur­zelt. Opu­len­te Kur­ven grei­fen ges­tisch über die Flä­che. Drei­ecks­for­men pro­ben Va­ria­ti­on und Wie­der­ho­lung. Na­del­spit­ze Struk­tu­ren ver­dich­ten sich wie ge­bleck­te Zäh­ne. Und ein schwar­zes Loch im Zen­trum der ge­wal­ti­gen abs­trak­ten Kom­po­si­ti­on droht al­le For­men zu ver­schlin­gen.

Die 1901 ge­bo­re­ne Künst­le­rin selbst sprach von ei­nem Vul­kan, wenn sie ih­ren erup­ti­ven Schaf­fens­pro­zess be­schrei­ben woll­te. Die­ses Meis­ter­werk prä­sen­tier­te sie sei­ner­zeit im Mu­sée des Beaux-Arts der Stadt Pa­ris. Auch in Lon­don war sie in wich­ti­gen Ga­le­ri­en ver­tre­ten. Die ex­zen­tri­sche Fah­rel­nis­sa Zeid war ei­ne Aus­nah­me­er­schei­nung, er­folg­reich, kos­mo­po­li­tisch – und spä­ter trotz­dem ver­ges­sen. In der Tür­kei wur­de sie in den 90er Jah­ren wie­der­ent­deckt. Der Wes­ten, wo sie ih­re Kar­rie­re star­te­te und den Durch­bruch er­leb­te, hat noch Nach­hol­be­darf. Die zu­vor in der Ta­te Mo­dern ge­zeig­te Re­tro­spek­ti­ve bringt die Künst­le­rin zu- rück nach Ber­lin, wo sie tat­säch­lich ei­ni­ge Jah­re ge­lebt hat.

Um mög­lichst viel aus ih­rem wech­sel­vol­len Schaf­fen zei­gen zu kön­nen, wur­de in der DB-Kunst­hal­le ex­tra ei­ne Zwi­schene­ta­ge ein­ge­zo­gen. Vom frü­hen Por­trät ih­rer Groß­mut­ter, das die 14-Jäh­ri­ge zeich­ne­te, über ih­re farb­in­ten­si­ven Fi­gu­ren­sze­nen der 30er bis zum spä­ten Por­trät­schaf­fen lässt sich die ge­sam­te Span­ne über­bli­cken. Nichts je­doch ist so span­nend wie ih­re abs­trak­ten Ar­bei­ten – und ih­re Le­bens­ge­schich­te.

Fah­rel­nis­sa Zeid wird auf ei­ner In­sel bei Istan­bul in ei­ne os­ma­ni­sche Adels­fa­mi­lie ge­bo­ren. Als ei­ne der ers­ten Frau­en stu­diert sie 1919 Kunst in Istan­bul, er­lebt die Mo­der­ni­sie­rungs­po­li­tik von Ke­mal Ata­türk, setzt ihr Stu­di­um in Pa­ris fort. Ein Fo­to zeigt sie als mo­der­ne Frau mit Kurz­haar­schnitt und ge­schmink­ten Lip­pen. Jung hei­ra­tet sie zu­erst ei­nen Schrift­stel­ler und Ge­schäfts­mann, dann in zwei­ter Ehe Prinz Zeid Al-Hus­sein, ei­nen Bru­der des ira­ki­schen Kö­nigs. Ab nun ist sie Teil des Kö­nigs­hau­ses. Als er 1934 zum ers­ten Bot­schaf­ter des Kö­nig­reichs Irak nach Ber­lin be­ru­fen wird, be­währt sie sich als Di­plo­ma­ten­gat­tin. Mit Hit­ler soll sie beim Tee in der Reichs­kanz­lei über Kunst ge­plau­dert ha­ben.

Der Zwei­te Welt­krieg be­en­det die Ber­li­ner Epi­so­de. Da­nach in Bag­dad kämpft die Künst­le­rin mit De­pres­sio­nen. Erst ab 1946 in Lon­don, der nächs­ten Di­plo­ma­ten­sta­ti­on ih­res Man­nes, blüht sie auf. Sie rich­tet sich im Bot­schafts­ge­bäu­de ein Ate­lier ein, ver­kehrt mit Hen­ry Moo­re, Cha­gall, de Chi­ri­co und pen­delt in ih­re Lieb­lings­stadt Pa­ris. In ih­rem dor­ti­gen Studio ent­ste­hen die ful­mi­nan­ten, abs­trak­ten Wer­ke des nächs­ten Jahr­zehnts. Auf dem Ge­mäl­de „Fight against Ab­strac­tion“von 1947 wird der Kampf mit der neu­en Bild­spra­che buch­stäb­lich mit blo­ßer Faust aus­ge­tra­gen. Dan­nist der Durch­bruch da: „Re­sol­ved Pro­blems“heißt ein Ti­tel 1948.

1958 wird die ge­sam­te Fa­mi­lie ih­res Man­nes Zeid Al-Hus­sein beim ira­ki­schen Staats­streich er­mor­det. Erst Mit­te der 60er malt Fah­rel­nis­sa Zeid wie­der: Er­in­ne­rungspor­träts ih­res Va­ters, ih­rer Freun­de. Par­al­lel ent­ste­hen As­sem­bla­gen aus be­mal­ten Hüh­ner­kno­chen in Kunst­harz, aber kei­ne abs­trak­ten Wer­ke mehr.

In ei­nem spä­ten Selbst­bild­nis ima­gi­niert sich Fah­rel­nis­sa Zeid als „So­meo­ne from the Past“: ei­ne strah­lend schö­ne, jun­ge Prin­zes­sin mit über­gro­ßen Au­gen und ei­nem schwarz-gol­de­nen Kleid, des­sen Ex­tra­va­ganz zwi­schen Ba­rock und By­zanz chan­giert. Das abs­trak­te Mus­ter gibt der Fi­gur Halt. In ih­rer Ma­le­rei er­fand sich Fah­rel­nis­sa Zeid neu und lös­te sich aus al­len Tra­di­tio­nen ih­rer Her­kunft. Aber sie schrieb die­se zu­gleich fort: mit Wer­ken, die zwi­schen Pol­locks frei­er Ges­tik und form­s­tren­ger ori­en­ta­li­scher Or­na­men­tik ih­rem ei­ge­nen Kom­pass fol­gen.

Sie ge­hör­te zum ira­ki­schen Kö­nigs­haus, ihr Gat­te war Di­plo­mat

— DB-Kunst­hal­le, Un­ter den Lin­den 13/ 15, bis 25.3.; tägl. 10–20 Uhr.

Fo­to: DB-Kunst­hal­le

Mit der Faust. In ih­rem Ge­mäl­de „Fight against Ab­strac­tion“von 1947 nimmt Fah­rel­nis­sa Zeid den Kampf wört­lich.

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