An­sich­ten ei­nes so­zia­len Po­li­ti­kers

Nor­bert Blüm und wie er die Welt sieht

Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR -

Das pas­sen­de Bild zu die­sem Buch ist viel­leicht das ei­nes Oh­ren­ses­sels, dar­in ein klei­ner al­ter Mann, der viel er­lebt hat und da­von er­zählt. Sei­ne Re­de ist un­ter­halt­sam; er ver­steht sich aufs For­mu­lie­ren. Die Zu­hö­rer lau­schen ge­spannt. Doch nach und nach ver­zie­hen sich ei­ni­ge au­gen­rol­lend. Die ken­nen das al­les schon und den­ken: Och nö, nicht schon wie­der!

Das Buch heißt „Ver­än­dert die Welt, aber zer­stört sie nicht – Ein­sich­ten ei­nes lin­ken Kon­ser­va­ti­ven“. Ge­schrie­ben hat es Nor­bert Blüm, der ehe­ma­li­ge CDU-So­zi­al­po­li­ti­ker und Ex-Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter, be­rühmt ge­wor­den als Lit­faß­säu­len­pla­ka­tie­rer sei­nes Si­che­re-Ren­ten-Man­tras, in­zwi­schen 82 Jah­re alt. Wort­ge­wal­tig be­leuch­tet er dar­in glo­ba­le wie lo­ka­le Un­ge­rech­tig­kei­ten und Un­ge­reimt­hei­ten in ei­nem Auf­wasch: Nach­kriegs­nö­te, Eu­ro­pas Zu­kunft, Dik­ta­to­ren der Ver­gan­gen­heit, die Flücht­lings­kri­se, die So­zi­al­sys­te­me und na­tür­lich die Ren­te. Es sei ihm nicht „auf Ori­gi­na­li­tät“an­ge­kom­men, schreibt er; wich­tig sei ihm die Fra­ge ge­we­sen, „ob auch tat­säch­lich rich­tig ist, was ich für rich­tig hal­te“– was er für sich be­ja­hen dürf­te – „und ob sich und wie sich das Rich­ti­ge ver­wirk­li­chen lässt.“Was schon schwie­ri­ger ist, und so hat auch Blüm nicht wirk­lich ei­ne Ant­wort.

Was er aber hat, ist der Blick aus der Dis­tanz, der man­ches viel kla­rer er­kennt als der durch die Lu­pe. Bei­spiel Ein­wan­de­rungs­ge­setz, das der­zeit auch bei den Ko­ali­ti­ons­son­die­run­gen von Uni­on, FDP und Grü­nen vor­kommt. Er lehnt es ab, weil Deutsch­land da­mit die Qua­li­fi­zier­ten aus den Län­dern ab­zie­he, in de­nen sie ge­braucht wür­den. Wir re­ser­vie­ren den Vor­teil für uns, schreibt er, und schwä­chen da­mit aber­mals die an­de­ren: „Die Not, wel­che wir mit der lin­ken Hand lin­dern, ver­schär­fen wir mit der rech­ten.“Das ist durch­aus ei­nen Ge­dan­ken wert.

Auch jen­seits von Mi­gra­ti­on – „Die fett-feis­te Ab­leh­nung von Flücht­lin­gen ist un­ap­pe­tit­li­cher Wohl­stands­zy­nis­mus“– liegt vie­les im Ar­gen: Geld ist der Mam­mon, der um den Preis von Men­sch­lich­keit an­ge­be­tet wird. Al­les ist Ge­schäft, Märk­te re­gie­ren, Po­li­tik ist Po­lit­re­kla­me, Eu­ro­pa fehlt Her­zens­wär­me. Blüm wird ge­stärkt von sei­nem Glau­ben an Gott und das Gu­te im Men­schen. Man­ches, was er sagt, wirkt na­iv, oh­ne dar­um falsch zu sein. Wür­den mehr Men­schen auf Je­sus hö­ren, wä­re die Welt ei­ne bes­se­re. Zwei­fel­los. Aber sie hö­ren nicht.

Da­von un­be­ein­druck­bar reckt Blüm auf dem Buch­co­ver mah­nend den Zei­ge­fin­ger, wo­mit das Buch aus­sieht wie sei­ne Vor­gän­ger aus 2014 und 2016. Klei­ner Un­ter­schied: 2017 trägt er kei­nen Schlips. Ein Hin­weis auf die pri­va­ten Epi­so­den, mit de­nen Blüm auf­war­tet. Er ha­be nicht Ta­ge­buch ge­führt in sei­nem Le­ben, schreibt Blüm, son­dern dar­auf ver­traut, dass sei­ne Er­in­ne­rung ihn rich­tig lei­te. Und so führt der Un­ter­ti­tel des Buchs et­was in die Ir­re. Mit Ein­sich­ten war­tet es eher we­ni­ger auf. Es sind wohl mehr An­sich­ten.

Nor­bert Blüm:

Ein­sich­ten ei­nes lin­ken Kon­ser­va­ti­ven. Her­der Ver­lag, Frei­burg 2017. 288 S., 20 €.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.