Die Dis­zi­plin ent­schei­det

Deut­sche Ko­ali­tio­nen

Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR -

Es ist kein Zu­fall, son­dern liegt am deut­schen Ver­hält­nis­wahl­recht, dass das Land in al­ler Re­gel von Ko­ali­tio­nen re­giert wird. Selbst als aus­nahms­wei­se ein­mal ei­ne Al­lein­re­gie­rung der CDU mög­lich ge­we­sen wä­re – nach Ade­nau­ers Erd­rut­sch­wahl­sieg 1957 –, zog der Kanz­ler vor, die Ko­ali­ti­on mit der Deut­schen Par­tei fort­zu­set­zen. Mit dem Kanz­ler­wech­sel zu Lud­wig Er­hard be­gann ei­ne neue Ära der Kanz­ler­de­mo­kra­tie. Sie fand ih­ren Aus­druck in ei­nem neu­en, re­la­ti­vie­ren­den Ver­ständ­nis der Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz in ei­ner Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung. Wäh­rend sich Ade­nau­er bei Dis­sens not­falls am Ko­ali­ti­ons­part­ner vor­bei ei­ne an­de­re Mehr­heit mit der Op­po­si­ti­on be­sorg­te, war es die wich­tigs­te Kom­pe­tenz sei­ner Nach­fol­ger, Ge­gen­sät­ze so zu mo­de­rie­ren, dass die Ko­ali­ti­ons­dis­zi­plin im Par­la­ment be­wahrt blieb.

Das In­stru­ment da­zu wa­ren Ko­ali­ti­ons­aus­schüs­se und förm­li­che Ko­ali­ti­ons­ver­trä­ge, die das ge­mein­sa­me Re­gie­rungs­pro­gramm des­to strik­ter re­gu­lier­ten, je selbst­be­wuss­ter sich die Part­ner ge­gen­über­stan­den. Das gilt und galt na­tür­lich be­son­ders für gro­ße Ko­ali­tio­nen, de­ren Part­ner als Kon­kur­ren­ten um die Kanz­ler­schaft an­ge­tre­ten sind, aber frei­wil­lig oder un­frei­wil­lig zu­sam­men­fin­den. Es ist kein Zu­fall, dass der ers­te Ko­ali­ti­ons­aus­schuss – der „Kress­bron­ner Kreis“– in der ers­ten gro­ßen Ko­ali­ti­on un­ter Kurt Ge­org Kie­sin­ger und Wil­ly Brandt ge­schaf­fen und der um­fang­reichs­te Ko­ali­ti­ons­ver­trag 2013 mit 130 Sei­ten Um­fang von der zwei­ten gro­ßen Ko­ali­ti­on un­ter An­ge­la Mer­kel ge­schlos­sen wur­de.

All das war Ge­gen­stand der „Rhön­dor­fer Ge­sprä­che“der Stif­tung Bun­des­kanz­ler-Ade­nau­er-Haus, zu de­nen Fach­wis­sen­schaft­ler und Zeit­zeu­gen aus der ak­ti­ven Po­li­tik zu­sam­men­tra­fen, um Bil­dung, Ma­nage­ment und Kri­sen bun­des­deut­scher Re­gie­rungs­ko­ali­tio­nen zu dis­ku­tie­ren. Noch sind nicht al­le Qu­el­len – vor al­lem über die Kanz­ler­schaft An­ge­la Mer­kels und ih­re Ko­ali­tio­nen mit FDP und SPD – zu­gäng­lich und er­schlos­sen, aber Wand­lun­gen und Ten­den­zen der For­ma­li­sie­rung von Ko­ali­ti­ons­re­gie­run­gen sind quer durch die bald sie­ben Jahr­zehn­te der Bun­des­re­pu­blik schon aus­zu­ma­chen. Zum Bei­spiel, dass in­zwi­schen je­der Ko­ali­ti­ons­part­ner sei­ne Mi­nis­ter selbst be­nennt, wäh­rend 1965 die FDP noch ei­nen Mi­nis­ter Strauß zur Ko­ali­ti­ons­fra­ge er­hob und da­mit ver­hin­der­te.

Die Her­aus­ge­ber des vor­lie­gen­den Sam­mel­ban­des wa­gen am En­de die Pro­gno­se, dass Ko­ali­tio­nen in ei­ner zu­neh­mend vo­la­ti­len Par­tei­en­land­schaft ihr Re­gie­rungs­pro­gramm eher ad­di­tiv als mit­tels in­te­gra­ler Pro­gram­ma­tik ge­stal­ten wer­den. Es sei nicht ein­mal aus­zu­schlie­ßen, „dass Si­tua­tio­nen ent­ste­hen, in de­nen der Bun­des­prä­si­dent stär­ker als bis­her üb­lich ge­for­dert ist. Wenn er als Ge­burts­hel­fer für kom­pli­zier­te Re­gie­rungs­bil­dun­gen ge­fragt wä­re oder wenn ihn die Par­tei­en vor die Wahl stell­ten, ent­we­der ei­nen Kanz­ler oh­ne Mehr­heit zu er­nen­nen oder den Bun­des­tag auf­zu­lö­sen, wür­de er no­lens vo­lens in ei­ne po­li­tisch ak­ti­ve Rol­le ge­ra­ten. Ein sol­ches Sze­na­rio passt zu an­hal­ten­den Eu­ro­päi­sie­rung des Re­gie­rens.“

Phil­ipp Gas­sert / Hans Jörg Henne­cke (Hrsg.):

Bil­dung, Ma­nage­ment und Kri­sen von Ade­nau­er bis Mer­kel. Ver­lag Fer­di­nand Schö­ningh, Pa­der­born 2017. 344 S., 49,90 €.

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