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Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR -

ber das tief­ge­hen­de Zer­würf­nis zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei und des­sen Ur­sa­chen ha­ben sich schon vie­le ge­äu­ßert; an der un­ab­ding­ba­ren Kennt­nis des Lan­des zwi­schen Eu­ro­pa und Asi­en man­gelt es den meis­ten. Nun ha­ben zwei lang­jäh­ri­ge Tür­kei-Kor­re­spon­den­ten ih­re Be­ob­ach­tun­gen in Buch­form zu­sam­men­ge­fasst, oh­ne dass sie er­schöp­fend Ant­wort ge­ben könn­ten auf die Fra­ge nach den Grün­den der Ver­stim­mung oder gar nach der lang­fris­ti­gen Aus­rich­tung der tür­ki­schen Po­li­tik un­ter Prä­si­dent Er­do­gan.

Mit sei­nem Buch „Ata­türks wü­ten­de Er­ben“er­hebt Ba­ha Gün­gör, bis 2015 Tür­kei-Kor­re­spon­dent der Deut­schen Wel­le, den An­spruch, die ak­tu­el­le La­ge in der Tür­kei zu ana­ly­sie­ren. Al­ler­dings be­fasst sich der Au­tor vor­nehm­lich mit den Macht­kämp­fen der po­li­ti­schen Par­tei­en und ih­rer Re­prä­sen­tan­ten im ver­gan­ge­nen, dem 20. Jahr­hun­dert. Un­be­deu­ten­des, wie der Be­such ei­nes deut­schen Po­li­ti­kers aus der zwei­ten Rei­he, wird auf an­dert­halb Sei­ten aus­ge­brei­tet. Da drängt sich der Ein­druck auf, der Au­tor wol­le le­dig­lich zei­gen, dass er selbst sich im Um­kreis der Po­li­tik­pro­mi­nenz be­weg­te.

Gün­gör übt ve­he­ment Kri­tik an Er­do­gan, dem er nach­sagt, von An­fang an ei­ne re­li­giö­se Agen­da ver­folgt zu ha­ben. Al­ler­dings räumt der Au­tor ein, dass auch in den De­ka­den vor der Re­gie­rungs­über­nah­me Er­do­gans im Jahr 2002 die Men­schen­rech­te in der Tür­kei im­mer wie­der mas­siv ver­letzt wur­den. So sei­en nach dem Staats­streich durch die Mi­li­tärs 1980 weit über ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen ins Ge­fäng­nis ge­wor­fen wor­den. Zu­dem wur­den da­mals zahl­rei­che To­des­ur­tei­le voll­streckt, vor al­lem an An­ge­hö­ri­gen der po­li­ti­schen Lin­ken. Auch Re­pres­sa­li­en ge­gen Jour­na­lis­ten sei­en kei­nes­wegs neu, re­sü­miert Gün­gör, viel­mehr ge­hör­ten ge­walt­sa­me Über­grif­fe auch schon frü­her zum Be­rufs­ri­si­ko. Den­noch wird bei Gün­gör im­mer wie­der Sehn­sucht nach der Ver­gan­gen­heit spür­bar, denn das Schwin­den des lai­zis­ti­schen Le­bens­ge­fühls be­deu­tet für ihn ei­nen schmerz­li­chen Ver­lust.

Als der deutsch-pa­kis­ta­ni­sche Jour­na­list Has­nain Ka­zim im Ju­li 2013 Is­la­ma­bad ver­ließ, um als Kor­re­spon­dent in Istan­bul zu ar­bei­ten, war er noch vol­ler Zu- ver­sicht; schließ­lich schien das Le­ben am Bo­spo­rus un­gleich li­be­ra­ler und ent­spann­ter als in der ge­walt­ge­plag­ten pa­kis­ta­ni­schen Me­tro­po­le. Über­haupt galt die Tür­kei da­mals als Land, das West und Ost, De­mo­kra­tie und Is­lam, ver­eint und so­mit zum Vor­bild für die ge­sam­te Re­gi­on taugt.

Knapp drei Jah­re blieb Ka­zim am Bo­spo­rus und be­rich­te­te von dort für den „Spie­gel“. We­gen ei­nes On­li­ne-Ar­ti­kels mit der Über­schrift „Er­do­gan, scher’ dich zum Teu­fel“wur­de Ka­zim zu ei­nem der meist­ge­hass­ten Män­ner in der Tür­kei. Der Jour­na­list hat­te das Zi­tat ei­nes über­le­ben­den Berg­man­nes auf­ge­grif­fen, der nach dem schwe­ren Gru­ben­un­glück von So­ma im Mai 2014 mit 301 To­des­op­fern über ei­ne em­pa­thie­ar­me Re­de Er­do­gans auf­ge­bracht war. Das hat­te zur Fol­ge, dass Ka­zims Ak­kre­di­tie­rung als Kor­re­spon­dent nicht ver­län­gert wur­de. Als er au­ßer­dem be­fürch­ten muss­te, we­gen „Un­ter­stüt­zung ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on“an­ge­klagt zu wer­den, ver­ließ er die Tür­kei im Früh­jahr 2016.

Nun legt Has­nain Ka­zim ein gut les­ba­res Buch vor, das ei­ne dif­fe­ren­zier­te Ana­ly­se der La­ge in der Tür­kei bie­tet, oh­ne schlich­tes Er­do­gan-Ba­shing zu be­trei­ben. An­schau­lich be­schreibt er zu Be­ginn das ra­di­ka­le Mo­der­ni­sie­rungs­pro­gramm Musta­fa Ke­mal Ata­türks, das die Tür­kei jahr­zehn­te­lang präg­te. Dem ge­gen­über steht heu­te der wach­sen­de Ein­fluss der Re­li­gi­on. Ka­zim fragt, ob die­ser Pro­zess eher als be­sorg­nis­er­re­gen­de Is­la­mi­sie­rung oder als Rück­be­sin­nung auf ei­ne tra­di­tio­nel­le Le­bens­wei­se an­zu­se­hen ist, die durch die ke­ma­lis­ti­sche Sä­ku­la­ri­sie­rung nur lan­ge un­ter­drückt wur­de. Da­bei über­sieht der Au­tor nicht, dass auch Kopf­tuch tra­gen­de Frau­en lan­ge Zeit Dis­kri­mi­nie­run­gen er­dul­den muss­ten; so wur­de ih- Ba­ha Gün­gör:

Die Tür­kei zwi­schen De­mo­kra­tie und Dem­ago­gie. Dietz Ver­lag, Bonn 2017. 240 S., 19,90 €. nen erst 2010 der Zu­gang zu Hoch­schu­len und öf­fent­li­chen Stel­len er­mög­licht.

Am 15. Ju­li 2016 wur­de die Tür­kei von ei­nem Putsch über­rascht. Die Auf­stän­di­schen nah­men das Par­la­ment in An­ka­ra un­ter Feu­er und fuh­ren an der Bo­spo­rus-Brü­cke in Istan­bul mit Pan­zern auf; et­wa 250 Zi­vi­lis­ten ka­men in je­ner Nacht ums Le­ben, hin­zu ka­men 35 ge­tö­te­te Put­schis­ten. Nach dem di­let­tan­ti­schen Um­sturz­ver­such wur­den mehr als 50 000

Men­schen ver­haf­tet, die meis­ten we­gen will­kür­li­cher An­schul­di­gun­gen. Er­do­gan star­te­te so­fort ei­ne Säu­be­rungs­kam­pa­gne, die zur

Ent­las­sung von bis­lang 150 000 Per­so­nen führ­te, vor al­lem un­ter Po­li­zis­ten, Ju­ris­ten und Leh­rern. So kam rasch die Ver­mu­tung auf, dass Er­do­gan den Auf­stand selbst in­sze­niert ha­ben könn­te, um un­ter sei­nen Geg­nern auf­zu­räu­men. Zwar hält Ka­zim die­se The­se für ab­we­gig, doch be­geg­net er auch der Be­haup­tung, dass die Gü­len-Be­we­gung für den Putsch ver­ant­wort­lich sei, mit Skep­sis. Zwar kön­ne man mit ei­ni­ger Ge­wiss­heit da­von aus­ge­hen, dass Gü­le­nis­ten – in Ko­ope­ra­ti­on mit Tei­len des Mi­li­tärs – am Putsch mit­ge­wirkt hät­ten, doch ob die Ak­ti­on von dem Pre­di­ger Fe­tul­lah Gü­len selbst, der seit 1999 in den USA lebt, ge­steu­ert wur­de, sei wei­ter­hin strit­tig.

Bei den Gü­le­nis­ten han­de­le es sich um ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on mit stark sek­ten­haf­ten Zü­gen, die über Jah­re mit der AKP ko­ope­rier­te, um die Do­mi­nanz des ke­ma­lis­ti­schen Esta­blish­ments zu be­sei­ti­gen. Ge­sin­nung und Zie­le der Gü­le­nis­ten blei­ben den­noch ne­bu­lös. Scha­de, dass Ka­zim nicht nä­her er­läu­tert, war­um es zwi­schen Er­do­gan und Gü­len zum Bruch kam.

War­um ge­nießt Er­do­gan trotz sei­nes au­to­kra­ti­schen Ge­ba­rens, wie­der­hol­ter Ein­grif­fe in die Jus­tiz und Mas­sen­ver­haf­tun­gen wei­ter­hin be­trächt­li­che Sym­pa­thi­en, ge­ra­de auch hier­zu­lan­de un­ter Men­schen mit tür­ki­schen Wur­zeln?

Ge­wiss spie­le der von Er­do­gan ent­fach­te Wirt­schafts­boom ei­ne ent­schei­den­de Rol­le, der et­li­chen Tür­ken Wohl­stand und Selbst­be­wusst­sein be­scher­te, führt Ka­zim an. Mit Er­do­gan sei erst­mals ein tür­ki­scher Re­gie­rungs­chef auf­ge­tre­ten, der an den Al­man­ca­lar, den „Deutsch­län­dern“, ernst­haft In­ter­es­se zeig­te und sich ih­rer an­zu­neh­men schien. Zu­gleich hät­ten vie­le Deutsch­tür­ken we­gen der NSU-Mord­se­rie und der schlam­pi­gen Er­mitt­lun­gen das Ver­trau­en in den deut­schen Staat ver­lo­ren. Hin­zu kä­men die end­lo­sen De­bat­ten um ei­ne „Leit­kul­tur“und die Fra­ge, ob „der“Is­lam zu Deutsch­land ge­hö­re.

Nun ha­ben sich seit der Ver­haf­tung meh­re­rer deut­scher Staats­bür­ger in der Tür­kei die schon be­schä­dig­ten Be­zie­hun­gen zwi­schen bei­den Län­dern wei­ter ver­schlech­tert. Wie sich die Din­ge hät­ten ent­wi­ckeln kön­nen, wenn An­ge­la Mer­kel nach ih­rem Ein­zug ins Kanz­ler­amt 2005 nicht ge­mein­sam mit dem fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Ni­co­las Sar­ko­zy die tür­ki­schen EU-Am­bi­tio­nen aus­ge­bremst hät­te? Je­den­falls sei dies die Zeit ge­we­sen, so Ka­zim, als die Tür­kei mit gro­ßem Ei­fer Re­for­men vor­an­trieb, um die Auf­nah­me­be­din­gun­gen der EU zu er­fül­len. Spä­tes­tens nach dem er­folg­rei­chen Re­fe­ren­dum zur Ein­füh­rung ei­nes Prä­si­di­al­sys­tems im April 2017 al­ler­dings er­losch je­de Hoff­nung auf ei­ne Auf­nah­me der Tür­kei in die EU.

Der No­bel­preis­trä­ger und Re­gie­rungs­kri­ti­ker Or­han Pa­muk hat un­längst ge­äu­ßert, dass „die Frei­heit in der Tür­kei nie­mals so groß und um­fas­send“ge­we­sen sei wie in den Jah­ren zwi­schen 2008 und 2013. War­um aber ist die Tür­kei von dem so hoff­nungs­vol­len Kurs ab­ge­kom­men? Die­se zen­tra­le Fra­ge las­sen auch die bei­den ak­tu­el­len Bü­cher un­be­ant­wor­tet – zu viel­schich­tig und un­über­sicht­lich blei­ben die Ver­hält­nis­se in dem Land am Ran­de Eu­ro­pas.

Von wem der Putsch 2015 aus­ging, bleibt wei­ter un­ge­klärt

Fo­to: Ali Unal/AP/dpa

Star­ker Staat. Prä­si­dent Er­do­gan ver­lässt am 10. No­vem­ber das Mau­so­le­um des tür­ki­schen Grün­der­va­ters Musta­fa Ke­mal, ge­nannt Ata­türk, in An­ka­ra nach ei­ner Ze­re­mo­nie zu Ata­türks 79. To­des­tag, der über­all in der Tür­kei be­gan­gen wird.

Has­nain Ka­zim:

Er­do­gan und das En­de der De­mo­kra­tie am Bo­spo­rus. DVA (Deut­sche Ver­lags­An­stalt), Mün­chen 2017. 256 S., 20 €.

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