Ge­gen­zen­tra­le zum Kanz­ler­amt

War­um die SPD un­be­dingt das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um woll­te – und wel­chen Preis sie da­für zahlt

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Von Al­bert Funk

Berlin - Ech­te Trä­nen sind sel­ten in der Po­li­tik. Kro­ko­dils­trä­nen da­ge­gen wer­den gern ge­weint. Zum Bei­spiel auf dem Wirt­schafts­flü­gel der CDU. Der hat­te jah­re­lang be­klagt, wie sehr es doch der Par­tei an Wirt­schafts­kom­pe­tenz feh­le, wie drin­gend man doch mal wie­der Pro­fil ge­win­nen müs­se mit ei­nem ei­ge­nen Wirt­schafts­mi­nis­ter. Am bes­ten wie da­mals mit Lud­wig Er­hard. Nun ha­ben sie das le­gen­dä­re Res­sort – und be­kla­gen den Ver­lust des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums.

Da­bei hat­te die CDU vor Wolfgang Schäu­bles Ära in dem Amt seit 2009 das Kern­res­sort nur zwei Mal in­ne: 1982 bis 1989 un­ter Ger­hard Stol­ten­berg und in der Al­lein­re­gie­rung nach 1957 mit Franz Et­zel. An­sons­ten über­ließ man es der FDP, der CSU oder eben der SPD. Auch dem­nächst soll im gro­ßen Haus in der Berliner Wil­helm­stra­ße wie­der ein So­zi­al­de­mo­krat sit­zen. So viel ist klar, auch wenn der mut­maß­li­che künf­ti­ge Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz klar­ge­stellt hat, dass sei­ne Par­tei erst nach dem Mit­glie­der­ent­scheid An­fang März die Na­men für ein Ka­bi­nett be­kannt ge­ben wer­de. Denn­die Res­sort­ver­tei­lung ist fest ver­ein­bart.

Der Grund ist ein­fach zu be­nen­nen: Die SPD hat in der ab­ge­lau­fe­nen Gro­ko dar­un­ter ge­lit­ten, dass nicht ei­ner oder ei­ne von ih­nen dort saß, son­dern aus­ge­rech­net der hart­lei­bi­ge Schäu­b­le. We­ni­ger des­sen Hal­tung in der Eu­ro­pa­po­li­tik miss­fiel der SPD, son­dern sein Be­har­ren auf das im Ko­ali­ti­ons­ver­trag Ver­ein­bar­te, wenn so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Mi­nis­ter ei­gen­stän­di­ger ge­stal­ten oder über den Ko­ali­ti­ons­ver­trag hin­aus­ge­hen woll­ten. Denn der Fi­nanz­mi­nis­ter hat bei fi­nanz­wirk­sa­men Ka­bi­netts­ent­schei­dun­gen ei­ne be­son­de­re Rol­le.

Es wa­ren nicht die gro­ßen Li­ni­en der Haus­halts­po­li­tik, die zum Zwist führ­ten – schwar­ze Null und Haus­halts­kon­so­li­die­rung wa­ren auch so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche An­lie­gen. Es war die Etat­po­li­tik im De­tail, die dem klei­ne­ren Ko­ali­ti­ons­part­ner oft nicht be­hag­te. Da woll­te Ma­nue­la Schwe­sig mit grö­ße­ren Aus­ga­ben in der Fa­mi­li­en­po­li­tik punk­ten – Schäu­b­le leg­te sein Ve­to ein. Da woll­te das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um in der steu­er­li­chen For­schungs­för­de­rung et­was an­de­re We­ge ge­hen – das BMF mach­te nicht mit. Auch beim The­ma West-Ost-Ren­ten­an­glei­chung ta­ten sich Dif­fe­ren­zen auf. Schäu­b­le ver­wies gern dar­auf, dass nur die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten prio­ri­tä­ren Maß­nah­men mit zu­sätz­li­chen Mit­teln aus­zu­stat­ten sei­en. Auch im Streit mit den Län­dern um die Er­stat­tung der Kos­ten für Flücht­lings­un­ter­brin­gung oder In­te­gra­ti­on, erst recht beim neu­en Fi­nanz­aus­gleich – und hier kommt Scholz ins Spiel als Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter – ar­bei­te­te sich die SPD an Schäu­bles Hart­nä­ckig­keit ab. Dass die gro­ße Ko­ali­ti­on aus ih­rer Sicht nicht rund ge­nug lief, weil zu­sätz­li­che Pro­fi­lie­rung im­mer wie­der an der Klip­pe Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um schei­ter­te, führ­te zu der Er­kennt­nis, dass die Res­sort­ver­tei­lung von 2013 für die SPD nach­tei­lig ge­we­sen sei.

Im Ka­bi­nett fehl­te auch ei­ne wirk­sa­me Zen­tra­le zur Ko­or­di­nie­rung der SPD-Mi­nis­te­ri­en und der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Bund-Län­der-Schie­ne. Die­se Auf­ga­be lag bei Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el, der sich da­für auch sei­nen Ver­trau­ten Rai­ner Son­tow­ski als Staats­se­kre­tär ins Mi­nis­te­ri­um hol­te. Doch scheu­te sich Ga­b­ri­el wohl, zu viel Ent­schei­dungs­macht an sich zu zie­hen. Der mit al­len in­nen­po­li- ti­schen Was­sern ge­wa­sche­ne Scholz – er­fah­ren als Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer, Ge­ne­ral­se­kre­tär der Par­tei, Bun­des­mi­nis­ter und als füh­ren­der Lan­des­po­li­ti­ker – hat da­her das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um auch als Ge­gen­zen­tra­le zum Kanz­ler­amt im Blick.

Zwar sind die we­sent­li­chen Li­ni­en der Haus­halts­po­li­tik auch 2018 im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ver­an­kert. Der CDU-Haus­häl­ter Eck­hardt Reh­berg be­tont, dass letzt­lich der Bun­des­tag zu ent­schei­den ha­be, und sagt: „Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag sind prio­ri­tä­re Maß­nah­men im Um­fang von 46 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­ein­bart. Für al­les an­de­re gilt ein kla­rer Fi­nan­zie­rungs­vor­be­halt.“Doch der Herr der fi­nan­zi­el­len Spiel­räu­me wird künf­tig ein So­zi­al­de­mo­krat sein. Die SPD hat da­mit ei­ne ge­wis­se De­fi­ni­ti­ons­macht ge­won­nen.

An­de­rer­seits zahlt sie da­für ei­nen Preis beim Ka­bi­netts­zu­schnitt. Denn sämt­li­che Mi­nis­te­ri­en, die über grö­ße­re In­ves­ti­ti­ons­mit­tel in ei­ge­ner Re­gie ver­fü­gen kön­nen, sind jetzt in Uni­ons-Hand. Ne­ben den schon bis­her von CDU und CSU ge­führ­ten Res­sorts für Ver­kehr und di­gi­ta­le In­fra­struk­tur, Bil­dung und For­schung so­wie Ver­tei­di­gung (al­le mit vie­len Mil­li­ar­den zum Aus­ge­ben aus­ge­stat­tet) wird künf­tig auch die Zu­stän­dig­keit für Bau im CSU-ge­führ­ten In­nen­mi­nis­te­ri­um an­ge­sie­delt. Und die in­ves­ti­ti­ons­na­he Ener­gie­po­li­tik bleibt im Wirt­schafts­res­sort. In der SPD wird dem ent­ge­gen­ge­hal­ten, dass auch hier Ver­ein­ba­run­gen bin­dend sind und die Mit­tel zum Teil nur an die Län­der wei­ter­flie­ßen, al­so die Gestal­tungs­macht gar nicht al­lein beim Bund liegt. Es ist letzt­lich ei­ne Ab­wä­gungs­sa­che. Mehr in­ves­tie­ren aber war vor al­lem ein Slo­gan der SPD im Wahl­kampf. So bleibt vor al­lem das So­zi­al­mi­nis­te­ri­um mit sei­nem – frei­lich weit­ge­hend ge­setz­lich ge­bun­de­nen – Rie­se­n­e­tat für Ren­te, Grund­si­che­rung und die ar­beits­markt­po­li­ti­schen Maß­nah­men.

Uni­on be­kommt Mi­nis­te­ri­en mit gro­ßen In­ves­ti­ti­ons­etats

Fo­to: Imago/Schö­ning

Ge­winn und Ver­lust. Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um in der Berliner Wil­helm­stra­ße wur­de bis­her erst von drei CDU-Po­li­ti­kern ge­lei­tet – jetzt schmerzt die Ab­ga­be.

Fo­to: Da­ni­el Bock­woldt/dpa

Olaf Scholz, der­zeit noch Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter, ver­steht das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um als wich­ti­gen Ein­fluss­fak­tor im Rin­gen mit den an­de­ren Mi­nis­te­ri­en.

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