„Ge­füh­le von Mi­gran­ten sind sel­ten The­ma“

Die schei­den­de In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te über Hass, die AfD und ent­täusch­te Er­war­tun­gen in der SPD

Der Tagesspiegel - - POLITIK -

Frau Özo­guz, ei­ner Ih­rer wohl letz­ten öf­fent­li­chen Ter­mi­ne im Amt ist an die­sem Mitt­woch ein Be­such in Hal­le an der Saa­le. Zwei­mal bin­nen we­ni­ger Ta­ge wur­de die Mo­schee dort be­schos­sen. Ist das ein pas­sen­der Schluss­ter­min?

Lei­der ja. Auch wenn wir na­tür­lich die Er­mitt­lun­gen ab­war­ten müs­sen: Der is­lam­feind­li­che Ton, die Het­ze ge­gen Mus­li­me hat of­fen­bar bei man­chen die Hemm­schwel­le zur Ge­walt ge­senkt. Es kommt nicht von un­ge­fähr, dass die Zahl der is­lam­feind­li­chen Straf- und Ge­walt­ta­ten an­steigt. Frau­en mit Kopf­tü­chern wer­den auf der Stra­ße be­spuckt, Mo­sche­en er­hal­ten Droh­brie­fe oder wer­den at­ta­ckiert. Auch Kir­chen und Sy­nago­gen sind be­trof­fen. Mich er­füllt das mit gro­ßer Sor­ge.

Sie selbst wa­ren sehr oft Ziel­schei­be ver­ba­ler Ge­walt. Der AfD-Frak­ti­ons­chef woll­te Sie, die Ham­bur­ge­rin, so­gar „nach Ana­to­li­en ent­sor­gen“. Sind Sie die meist­ge­hass­te Frau der deut­schen Po­li­tik?

Ei­ne Rang­lis­te fie­le mir schwer, aber es wa­ren schon vie­le An­fein­dun­gen. Ich kann auf die­sen Ti­tel ger­ne ver­zich­ten.

Wie le­sen Sie sol­che An­grif­fe?

Es scheint ein Mus­ter zu sein, dass man sich pro­mi­nen­te Ge­sich­ter mit fa­mi­liä­ren Ein­wan­de­rungs­ge­schich­ten aus­sucht –

war seit 2013 als Staats­mi­nis­te­rin Be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Mi­gra­ti­on, Flücht­lin­ge und In­te­gra­ti­on. Ihr Amt wird in der nächs­ten Ko­ali­ti­on von der CDU be­setzt.

schließ­lich wur­den auch Fuß­ball­spie­ler wie Jé­rô­me Boateng oder Me­sut Özil be­lei­digt oder es wur­de ih­nen ihr Deutsch­sein ab­ge­spro­chen. Und ich bin nun ein­mal die Ein­zi­ge mit au­ßer­eu­ro­päi­schem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund am Ka­bi­netts­tisch und Mus­li­ma. Men­schen mit fa­mi­liä­ren Ein­wan­de­rungs­ge­schich­ten in ho­hen Po­si­tio­nen sind gleich­zei­tig Vor­bil­der und zei­gen, dass je­der und je­de et­was wer­den kann, der sich an­strengt, un­ab­hän­gig von sei­ner Fa­mi­li­en­ge­schich­te. Ge­nau das will die AfD zer­stö­ren. Ih­re An­grif­fe ha­ben die Bot­schaft: Bei uns soll nie­mand durch­kom­men, der an­de­re – näm­lich die „fal­schen“– Wur­zeln hat.

Auch die Uni­on hat sich über Sie auf­ge­regt. Es hieß, Sie recht­fer­tig­ten Min­der­jäh­ri­genEhen. Ih­re Wor­te zu Mo­schee-Raz­zi­en ka­men schlecht an. Al­les bö­ser Wil­le oder ha­ben Sie den Ton nicht ge­trof­fen?

Na ja, am En­de ist das „Ge­setz zur Be­kämp­fung von Kin­der­ehen“auch mit den Stim­men der CDU/CSU so ver­ab­schie­det wor­den, wie ich es ge­for­dert hat­te. Im Nach­hin­ein kann man im­mer über­le­gen, ob ich vor­sich­ti­ger oder noch kla­rer hät­te for­mu­lie­ren kön­nen. Ich glau­be aber, dass ich Din­ge ge­sagt ha­be, die man vor­her nicht so hör­te. Na­tür­lich be­kom­me ich mehr Punk­te da­für, wenn ich Mi­gran­ten kri­ti­sie­re und die Er­war­tung be­die­ne: „Die sol­len sich end­lich mal an­stren­gen.“Schwie­rig wird es, wenn ich auf­for­de­re, dar­über nach­zu­den­ken, was es mit ganz nor­ma­len jun­gen Leu­ten macht, wenn sie beim Frei­tags­ge­bet durch ein Po­li­zei­spa­lier lau­fen müs­sen. Das gab es ja im da­mals CDU-ge­führ­ten Nie­der­sach­sen. Das wird sel­ten zum The­ma, auf die Ge­füh­le der Be­trof­fe­nen wird kaum ein­ge­gan­gen. Ich ste­he da­zu, dass ich das im­mer wie­der an­ge­spro­chen ha­be.

Ob­wohl Sie al­so or­dent­lich po­la­ri­siert ha­ben, gal­ten Sie in den Me­di­en mal als „die Un­sicht­ba­re“, mal schmäh­ten Sie die ei­ge­nen Ge­nos­sen als zu un­auf­fäl­lig. Wie­so?

Ich ha­be mich viel­leicht zu stark in die Sach­ar­beit ein­ge­wühlt. Das be­reue ich nicht, aber man muss wohl auch stär­ker nach au­ßen wir­ken mit dem, was man macht. Ich ha­be aber ins­ge­samt dar­an ge­ar­bei­tet, ein bes­se­res Ver­ständ­nis für die Her­aus­for­de­run­gen der Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft zu schaf­fen. Und da bin ich mir auch treu ge­blie­ben. Es muss nicht im­mer je­dem al­les ge­fal­len.

Die SPD hät­te sich an­de­res ge­wünscht?

Manch ei­ner woll­te si­cher­lich, dass ich öf­fent­lich gro­ße Keu­len schwin­ge. Ich möch­te aber auch nicht be­haup­ten, dass ich kei­ne Un­ter­stüt­zung aus den ei­ge­nen Rei­hen be­kom­men hät­te, von un­se­ren Mi­nis­te­rin­nen und Mi­nis­tern, von der Frak­ti­on. Und oh­ne die Un­ter­stüt­zung der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Haus­halts­aus­schuss des Bun­des­ta­ges hät­te ich nie nen­nens­wer­te Sum­men be­kom­men.

Sie wur­den als ers­te Mi­gran­tin stell­ver­tre­ten­de SPD-Vor­sit­zen­de, es gab es auch ein­mal ei­ne Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin, die Yas­min Fa­hi­mi hieß. Nun steht kei­ne Re­prä­sen­tan­tin der Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft mehr vorn in der SPD. Passt das The­ma nicht mehr?

Das spielt je­den­falls im Mo­ment so gar kei­ne Rol­le. Als jetzt die Re­de dar­auf kam, es müss­ten doch auch Ost­deut­sche ins Ka­bi­nett, dach­te ich: Ab­so­lut rich­tig, und die Ein­wan­de­rung ist so­gar äl­ter als die Ein­heit, und trotz­dem schaf­fen wir es nicht wirk­lich, Men­schen mit Ein­wan­de­rungs­ge­schich­ten in die vor­de­ren Rei­hen der Po­li­tik zu brin­gen. Im­mer mal ei­ne, ist na­tür­lich auch be­quem. Viel­leicht will man ein­fach ver­mei­den, zum Bei­spiel mit der Be­ru­fung ei­ner Mus­li­ma, ei­nes Mus­lims ei­ne leich­te An­griffs­flä­che zu schaf­fen. Das se­he ich mit Un­be­ha­gen, weil es be­deu­tet, dass das Her­um­ha­cken auf Mus­li­men und is­lam­feind­li­che Pro­pa­gan­da ver­fan­gen. Es be­darf für ei­ne sol­che Be­ru­fung in­zwi­schen ei­nes ge­wis­sen Muts. Den müs­sen wir aber ha­ben.

— Das Ge­spräch führ­te Andrea Dernbach

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