Der Kitt der De­mo­kra­tie

Bü­ro­kra­tie spie­gelt das Schei­tern ei­ner Ge­sell­schaft. Sie kann aber auch zum Aus­gangs­punkt für ihr Ge­lin­gen wer­den

Der Tagesspiegel - - CREATIVE BUREAUCRACY FESTIVAL - Von Han­nes Soltau

Schon As­te­rix und Obe­lix ha­ben sie ken­nen­ge­lernt, die Ab­grün­de der Bü­ro­kra­tie. Im 1976 ver­öf­fent­lich­ten Zeichentrickfilm „As­te­rix er­obert Rom“müs­sen sich die gal­li­schen Haupt­prot­ago­nis­ten ei­ner Rei­he von Aben­teu­ern stel­len, um Cä­sar zu be­wei­sen, dass sie gött­li­che Kräf­te be­sit­zen. Ei­ne der Auf­ga­ben: As­te­rix und Obe­lix sol­len den „Pas­sier­schein A 38“aus dem „Haus, das Ver­rück­te macht“be­sor­gen. Be­sag­tes Haus ist ei­ne Ver­wal­tungs­zen­tra­le, in dem­die Be­am­ten sich längst im for­ma­lis­ti­schen Bü­ro­kra­tie­wald ver­lo­ren ha­ben. Tris­tesse und Lan­ge­wei­le do­mi­nie­ren die Stim­mung. Mit ei­nem An­trags­for­mu­lar wer­den die Prot­ago­nis­ten kreuz und quer durch das Haus ge­schickt, ohn­mäch­tig ge­gen­über dem sie schi­ka­nie­ren­den Ap­pa­rat. Im­mer deut­li­cher wird, dass die An­ge­stell­ten und Be­woh­ner der Stadt an ih­rer ei­ge­nen Ver­wal­tung den Ver­stand ver­lo­ren ha­ben. Schließ­lich kippt die Stim­mung in ein an­ar­chi­sches Cha­os. Es ist nur ein Kin­der­film – doch er ver­an­schau­licht die Fol­gen, wenn bü­ro­kra­ti­sche Struk­tu­ren nicht mehr dem Men­schen die­nen, son­dern sich ge­gen sie selbst rich­ten.

Die Ten­den­zen in west­li­chen Ge­sell­schaf­ten wer­den von Wis­sen­schaft­lern häu­fig mit dem Be­griff des „Dis­rup­ti­ven Zeit­al­ters“um­schrie­ben: Et­was Be­ste­hen­des auf­lö­send, zer­stö­rend, auf­spal­tend. Das kann Raum für pro­gres­si­ve Ent­wick­lung schaf­fen. Doch nicht erst die Er­eig­nis­se von Chem­nitz zei­gen, dass dis­rup­ti­ve Ent­wick­lun­gen der Ge­sell­schaft re­ak­tio­nä­ren Kräf­ten Auf­schwung ver­schaf­fen kön­nen. Kann aus­ge­rech­net die Ver­wal­tung hier Ge­gen­im­pul­se set­zen?

Der Städ­te­for­scher Charles Lan­dry ist der Au­tor des Bu­ches „Crea­ti­ve Bu­reau­cra­cy“. Lan­dry strei­tet da­für, dass wie­der der Mensch und sei­ne ge­leb­te Er­fah­rung des Ar­bei­tens im Mit­tel­punkt des Sys­tems ste­hen soll­ten. Bü­ro­kra­tie, so ar­gu­men­tiert er, sei eben nicht nur ei­ne Struk­tur oder ein Or­ga­ni­gramm mit funk­tio­na­len Be­zie­hun­gen und Rol­len – son­dern die oft be­schol­te­nen Bü­ro­kra­ten sei­en vor al­lem Men­schen mit Emo­tio­nen, Be­stre­bun­gen, Ener­gie, Lei­den­schaft und Wer­ten.

Die Um­be­wer­tung ha­be auch ge­sell­schaft­li­che Im­pli­ka­tio­nen, stell­te Lan­dry bei der Er­öff­nung des „Crea­ti­ve Bu­reau­cra­cy“-Fes­ti­vals klar: „Es geht um ei­ne Geis­tes­hal­tung. Wir müs­sen wa­gen, of­fen zu sein.“Un­ter dem Ti­tel „Think dif­fe­rent! Wie Krea­ti­vi­tät den öf­fent­li­chen Sek­tor ver­än­dern kann“dis­ku­tier­te er da­bei mit Ame­lie Deuf­lhard, In­ten­dan­tin der In­ter­na­tio­na­len Kul­tur­fa­brik Kamp­na­gel in Ham­burg, der „Jazz & The Ci­ty“-Lei­te­rin Ti­na Hei­ne aus Salz­burg und John­ny Ha­eus­ler, Mit­grün­der der Ber­li­ner Di­gi­tal­kon­fe­renz re:pu­bli­ca. Ha­eus­ler be­ton­te da­bei, dass der Zu­stand un­se­rer Ge­sell­schaft sich auch im bü­ro­kra­ti­schen Satz „Da­für bin ich nicht zu­stän­dig“wi­der­spie­ge­le.

„Die ver­wal­te­te Welt“ist ei­ner der zen­tra­len Be­grif­fe im Den­ken von Theo­dor W. Ador­no. Der Phi­lo­soph be­zeich­ne­te da­mit die los­ge­lös­te Herr­schaft der ad­mi­nis­tra­ti­ven Prin­zi­pi­en, in der sich die Macht der In­sti­tu­tio­nen der­ma­ßen ver­selbst­stän­digt hat, dass der Mensch nur noch ein An­häng­sel sei­ner Ver­wal­tung ist: Kein Raum für Spon­ta­ni­tät ist mehr mög­lich, in star­ren Struk­tu­ren kei­ne in­di­vi­du­el­le Re­gung. Der Ein­zel­ne ist dann zweit­ran­gig, wenn das Sys­tem funk­tio­niert. Was ge­schieht, wenn da­durch Tei­le ei­ner Be­völ­ke­rung von öko­no­mi­schen und ge­sell­schaft­li­chen Pro­zes­sen ab­ge­hängt wer­den, kann welt­weit be­ob­ach­tet wer­den.

Deut­li­cher noch als in Deutsch­land sind in Frank­reich die Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen so­zia­lem Ab­stieg und auf­kei­men­dem Rechts­po­pu­lis­mus spür­bar: Die Kan­di­da­tin des rechts­ex­tre­men Front Na­tio­nal, Ma­ri­ne Le Pen, konn­te in der ers­ten Run­de der Prä­si­dent­schafts­wahl mit 21,3 Pro­zent das bes­te Er­geb­nis in der Ge­schich­te der rechts­ra­di­ka­len Par­tei si­chern. Doch Men­schen wer­den nicht frem­den- feind­lich und mit Res­sen­ti­ments ge­bo­ren. Der Au­tor Jo­han­nes Hill­je vom Thinktank „Pro­gres­si­ves Zen­trum“in Ber­lin woll­te mit den­je­ni­gen spre­chen, die wahl­wei­se als „Glo­ba­li­sie­rungs­ver­lie­rer“oder „Ab­ge­häng­te“be­zeich­net wer­den. In ei­ner auf­wen­di­gen Stu­die ließ er in Frank­reich und Deutsch­land in je­nen Re­gio­nen Men­schen in­ter­view­en, wo Rechts­po­pu­lis­ten Wah­l­er­fol­ge er­ziel­ten. In über 500 Haus­tür­ge­sprä­chen be­ob­ach­te­te Hill­je im­mer wie­der ei­nen weit­ver­brei­te­ten Ein­druck der Be­nach­tei­li­gung und er­kann­te, dass die Ab­wer­tung an­de­rer ei­ne un­mit­tel­ba­re Fol­ge ei­ner ei­ge­nen Ab­wer­tungs­er­fah­rung ist. Vie­le der Be­frag­ten be­schrie­ben ein Ge­fühl des Ver­las­sen­seins.

Am Sams­tag­abend wird Hill­je bei „Crea­ti­ve Bu­reau­cra­cy“kon­kre­te Hand­lungs­fel­der zur Dis­kus­si­on stel­len, die er aus sei­nen For­schungs­er­geb­nis­sen ab­lei­tet. Mit ihm dis­ku­tie­ren die Blog­ge­rin und Netz-Ak­ti­vis­tin Kübra Gü­mü­say, die sich viel mit De­bat­ten­kul­tur und Ha­te Speech aus­ein­an­der­ge­setzt hat, und Ma­ik Boh­ne, In­ha­ber der Dia­log­be­ra­tung „Die Ge­sprächs­part­ner“. Boh­ne ver­mit­telt re­gel­mä­ßig zwi­schen Be­hör­den und Bür­gern und be­rich­tet aus der Pra­xis vom Ver­trau­ens­ver­lust ge­gen­über der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie.

Vie­le An­sät­ze, die beim Fes­ti­val prä­sen­tiert wer­den, zei­gen auf, dass ein Ap­pa­rat, der von vie­len Bür­gern als gän­gelnd und un­durch­sich­tig wahr­ge­nom­men­wird, trans­for­miert wer­den kann – zu ei­ner Ver­wal­tung, die das Ge­mein­wohl trans­pa­rent or­ga­ni­siert und für das Wohl al­ler sorgt, ih­re freie Ent­fal­tung be­för­dert, statt sie in Re­gu­la­ri­en zu er­sti­cken. Denn ge­wählt wird nur al­le vier Jah­re, doch die Be­hör­den sind die täg­li­che Be­rüh­rungs­flä­che der Bür­ger mit den staat­li­chen Struk­tu­ren. Der All­tag auf de­mAmt kann so ein Stück Ver­trau­en in de­mo­kra­ti­sche Ver­fasst­heit wie­der­her­stel­len. Das „Haus, das Ver­rück­te macht“, könn­te wie­der zu ei­nem „Haus, dass Ge­mein­schaft schafft“wer­den.

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