Sche­re im Kopf

Wie ris­kant sind Ein­grif­fe ins Erb­gut? Mit der Er­for­schung be­auf­tragt das Bun­des­amt für Na­tur­schutz aus­ge­rech­net ei­nen An­ti- Gen­tech­nik-Ak­ti­vis­ten

Der Tagesspiegel - - AGENDA - Von Sa­scha Kar­berg

Es ist oh­ne Zwei­fel ei­ne fol­gen­rei­che Me­tho­de: Das „Ge­no­me Edit­ing“, ein Strauß neu­er Tech­ni­ken zur Erb­gut­ver­än­de­rung bei Men­schen, Tie­ren und Pflan­zen, re­vo­lu­tio­niert der­zeit nicht nur die me­di­zi­ni­sche For­schung, son­dern be­schleu­nigt auch das Züch­ten neu­er Pflan­zen­sor­ten und Nutz­tie­re. Wäh­rend die Ver­fah­ren au­ßer­halb Eu­ro­pas be­reits ein­ge­setzt wer­den, wird in der EU noch hef- tig dis­ku­tiert: Ob das Ver­än­dern der Ge­ne un­ge­woll­te Ne­ben­wir­kun­gen hat. Ob öko­lo­gi­sche oder ge­sund­heit­li­che Ri­si­ken für hei­mi­sche Pflan­zen- und Tier­ar­ten oder Men­schen be­ste­hen. Und ob ge­nom-edi­tier­te Or­ga­nis­men genau­so streng re­gu­liert wer­den müs­sen wie je­ne, die mit al­ten Gen­tech­nik­me­tho­den her­ge­stellt wer­den.

Groß ist al­so der Be­darf an wis­sen­schaft­li­cher Ex­per­ti­se zur Ei­n­ord­nung even­tu­el­ler Ri­si­ken. Es über­rascht dem­nach nicht, dass das Bun­des­um­welt­mi­nis- te­ri­um 203 580 Eu­ro für ei­ne „Fach­stel­le für Gen­tech­nik und Um­welt“am Bun­des­amt für Na­tur­schutz (BfN) aus­gibt. Ver­wun­de­rung herrscht al­ler­dings über die Aus­wahl der In­sti­tu­ti­on, die die­se Fach­stel­le bis Fe­bru­ar 2020 be­trei­ben soll. Statt an­er­kann­ter, un­ab­hän­gi­ger Ex­per­ten mit Kennt­nis­sen zum „Ge­no­me Edit­ing“be­auf­trag­te das Bun­des­amt den ein­ge­tra­ge­nen Ver­ein „Test­bio­tech“– ge­grün­det und ge­lei­tet vom Ex-Gre­en­peace-Mit­ar­bei­ter und An­ti-Gen­tech­nik-Ak­ti­vis­ten Chris­toph Then.

Kann ei­ne „Fach­stel­le“zu ei­nem un­ab­hän­gi­gen Ur­teil kom­men und – so das of­fi­zi­el­le Ziel – als „Clea­ring-Hou­se“fun­gie­ren, wenn sie von ei­nem er­klär­ten Gen­tech­nik-Geg­ner ge­führt wird?

Zwei­fel sind an­ge­bracht, da auch im Bei­rat der Fach­stel­le aus­schließ­lich Or­ga­ni­sa­tio­nen ver­tre­ten sind, die der Gen­tech­nik kri­tisch ge­gen­über­ste­hen. Es han­delt sich um das Gen-ethi­sche Netz­werk, den Bund für Um­welt und Na­tur­schutz Deutsch­land oder die Or­ga­ni­sa­ti­on Sa­ve our Seeds. In ei­nem ge­mein­sa­men Auf­ruf an die Po­li­tik for­der­ten die­se Ver­ei­ne kürz­lich „al­le Ver­fah­ren, die un­ter Be­grif­fen wie ‚Ge­no­me-Edit­ing', ‚ziel­ge­rich­te­te Mu­ta­ge­ne­se', ‚neue­re Mu­ta­ge­ne­se-Ver­fah­ren' etc. fir­mie­ren“als Gen­tech­nik zu re­gu­lie­ren.

Frag­wür­dig ist die Be­set­zung der Fach­stel­le auch des­halb, weil die Er­geb­nis­se am En­de in Form von „Facts­heets“dem öf­fent­li­chen Dis­kurs zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den sol­len. Fak­ten al­so, die von vor­ein­ge­nom­me­ner Stel­le er­ar­bei­tet wur­den, am En­de aber den Stem­pel des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums tra­gen wer­den. Wer­den im Na­men des Staa­tes am En­de al­ter­na­ti­ve Fak­ten ver­brei­tet? Das Bun­des­amt für Na­tur­schutz zwei­felt auf Nach­fra­ge nicht dar­an, dass die Fach­stel­le in „wis­sen­schaft­lich kor­rek­ter Wei­se“ar­bei­ten wer­de, er­klärt aber, dies zu über­prü­fen.

Das Um­welt­mi­nis­te­ri­um ist nicht die ein­zi­ge Bun­des­be­hör­de, die den Ver­ein „Test­bio­tech“in den Stand des wis­sen­schaft­li­chen Ex­per­ten­tums er­hebt. Auch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung ko­fi­nan­ziert „Test­bio­tech“für zwei Jah­re mit über 73 000 Eu­ro im Rah­men des Pro­jekts „For­schung für Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung". Da­für soll der Ver­ein, der gar kein La­bor be­treibt, „öko­lo­gi­sche Ge­fähr­dungs­di­men­sio­nen“der neu­en Gen­tech­ni­ken „er­for­schen“.

For­schungs­or­ga­ni­sa­tio­nen hal­ten die­se Ent­wick­lung für be­denk­lich. Zwar sei­en Pro­jek­te, die die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on über Gen­tech­no­lo­gie be­för­dern, zu­nächst ein­mal be­grü­ßens­wert, sagt Jörg Ha­cker, Prä­si­dent der Leo­pol­di­na, die al­le Wis­sen­schafts­aka­de­mi­en Deutsch­lands re­prä­sen­tiert. Ei­ne wis­sen­schaft­li­che Po­li­tik­be­ra­tung kön­ne aber nur dann als un­ab­hän­gig gel­ten, wenn sie „er­geb­nis­of­fen und wis­sen­schafts­ba­siert er­folgt und mög­li­che Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen of­fen­ge­legt wer­den“, be­tont Ha­cker. „Mög­li­che In­ter­es­sen­kon­flik­te, die ei­ne be­ra­ten­de In­sti­tu­ti­on of­fen­le­gen muss, kön­nen da­bei üb­ri­gens nicht nur wirt­schaft­li­chen oder mo­ne­tä­ren In­ter­es­sen ent­sprin­gen, son­dern kön­nen sich auch aus ei­ner be­stimm­ten Wel­t­an­schau­ung er­ge­ben.“

Ha­ben die bei­den Mi­nis­te­ri­en die­sen Un­ter­schied zwi­schen Wel­t­an­schau­ung und sach­ori­en­tier­ten Fak­ten aus den Au­gen ver­lo­ren, als sie gut­ach­ter­li­che Auf­ga­ben an ei­nen Ver­ein über­tru­gen, der wirt­schaft­lich von sei­ner op­po­si­tio­nel­len Hal­tung zur Gen­tech­nik ab­hängt?

Tat­säch­lich ist es kei­ne tri­via­le Fra­ge, wann ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on oder ein Gut­ach­ter un­ab­hän­gig und kom­pe­tent ge­nug ist, zu ei­nem Sach­ver­halt wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Fak­ten für ei­ne de­mo­kra­ti­sche De­bat­te zu­sam­men­zu­tra­gen. Die Leo­pol­di­na ha­be da­her „kla­re Kri­te­ri­en bei der Aus­wahl von Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten“, sagt Ha­cker. Wis­sen­schaft­ler müss­ten an­er­kannt und ak­tiv in ih­rem je­wei­li­gen Fach­ge­biet sein und ih­re Ex­per­ti­se müs­se durch Pu­bli­ka­tio­nen in den für das Fach­ge­biet wich­tigs­ten Zeit­schrif­ten be­legt sein.

„Ein­fa­che Pa­tent­lö­sun­gen, wann je­mand ein Ex­per­te für ei­nen Sach­ver­halt ist, gibt es lei­der nicht“, meint Vol­ker Stoll­orz, Grün­der und Lei­ter des Sci­ence Me­dia Cen­ters, ei­ner un­ab­hän­gi­gen, stif­tungs­fi­nan­zier­ten Or­ga­ni­sa­ti­on, die „wis­sen­schaft­lich zu­ver­läs­si­ges Wis­sen von ir- re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen zu un­ter­schei­den“sucht. Kri­te­ri­en für ei­nen Ex­per­ten sei­en „fach­be­zo­ge­ne Ex­per­ti­se, wis­sen­schaft­li­che Re­pu­ta­ti­on und ak­tu­el­le For­schungs­pu­bli­ka­tio­nen in re­nom­mier­ten Zeit­schrif­ten“. Ein wich­ti­ges Kri­te­ri­um sei zu­dem, „ob der Wis­sen­schaft­ler sich im Sin­ne der Öf­fent­lich­keit wie ein ‚ehr­li­cher Mak­ler’ äu­ßert“.

Chris­toph Then wer­de vom Sci­ence Me­dia Cen­ter nicht als wis­sen­schaft­li­cher Ex­per­te ge­führt, sagt Stoll­orz. „Schon des­we­gen nicht, weil sei­ne wis­sen­schaft­li­che Pu­bli­ka­ti­ons­lis­te über­schau­bar er­scheint.“Er fal­le eher in die Ka­te­go­rie „The­men­an­walt“.

Dem Bun­des­amt für Na­tur­schutz reicht es hin­ge­gen als Be­leg für wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­tenz aus, dass Then „re­gel­mä­ßig“zu „fach­li­chen und po­li­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen als Red­ner ein­ge­la­den“und vom „Deut­schen Bun­des­tag und dem EU-Par­la­ment als Ex­per­te an­ge­fragt“wird, wie die Be­hör­de er­klärt. Al­ler­dings ist der Ver­ein da­bei meist ein­ge­bun­den in ei­nen Strauß von Spe­zia­lis­ten und wis­sen­schaft­li­chen Ar­beits­grup­pen. Die Per­spek­ti­ve von „Test­bio­tech“ist dort al­so nur ei­ne von vie­len.

Durch Viel­falt ver­sucht auch die Leo­pol­di­na strit­ti­ge Sach­ver­hal­te mög­lichst ob­jek­tiv ein­zu­schät­zen. Stets sei­en un­ter­schied­li­che Fä­cher – Bio­lo­gen, Me­di­zi­ner, Ethi­ker, Ju­ris­ten, Öko­no­men, So­zio­lo­gen, His­to­ri­ker, Phi­lo­so­phen – in den Ar­beits­grup­pen ver­tre­ten, sagt Ha­cker. „So stellt man die Aus­ge­wo­gen­heit der Dis­kus­sio­nen si­cher und ver­mei­det, dass es zu ein­sei­ti­gen Er­geb­nis­sen kommt.“An­ders als in der „Fach­stel­le für Gen­tech­nik und Um­welt“.

Auf die Fra­ge nach der wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Un­ab­hän­gig­keit von „Test­bio­tech“ant­wor­tet das Bun­des­amt für Na­tur­schutz nur aus­wei­chend mit dem Hin­weis, dass der Ver­ein kei­ne Gen- tech­ni­ken an­wen­de und kei­ne fi­nan­zi­el­len In­ter­es­sen an de­ren An­wen­dung ha­be. Und lässt da­bei un­be­rück­sich­tigt, dass ein auf Kri­tik spe­zia­li­sier­ter und auf Spen­den an­ge­wie­se­ner Ver­ein eben­so in ei­nen In­ter­es­sen­kon­flikt ge­ra­ten kann. Et­wa wenn Fak­ten die Kri­tik ad ab­sur­dum füh­ren und zu er­stel­len­de Gut­ach­ten ge­gen die The­sen des Ver­eins spre­chen.

Die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ca­ri­na Kon­rad (FDP) hat die­sen In­ter­es­sen­kon­flikt in ei­ner Klei­nen An­fra­ge ih­rer Frak­ti­on an die Bun­des­re­gie­rung zur Spra­che ge­bracht: Auf die Fra­ge, ob die wis­sen­schaft­li­che Un­ab­hän­gig­keit der Fach­stel­le ge­wahrt sei an­ge­sichts der Ei­gen­in­ter­es­sen von „Test­bio­tech“und der In­sti­tu­tio­nen im Bei­rat der Fach­stel­le, blieb die Re­gie­rung ei­ne kla­re Ant­wort schul­dig.

Das sei ei­ne „Bank­rott­er­klä­rung“für die Bil­dungs- und For­schungs­po­li­tik, sagt Kon­rad. Mit der Fach­stel­le wer­de „tat­säch­lich und of­fi­zi­ell For­schungs­po­li­tik durch Mei­nungs­po­li­tik“er­setzt und ein Pro­jekt fi­nan­zi­ell un­ter­stützt, „das in er­heb­li­chem Ma­ße Ein­fluss auf die Mei­nungs­bil­dung der Ge­sell­schaft neh­men soll“. Nicht neue Er­kennt­nis­se in der Ri­si­ko­be­wer­tung von Ge­no­me Edit­ing stün­den im Vor­der­grund, „es ist ein­zig und al­lein ge­plant, den öf­fent­li­chen Dis­kurs zu ge­stal­ten, und zwar so, wie die be­tei­lig­ten zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen das ger­ne hät­ten“, kri­ti­siert Kon­rad. Das Prin­zip staat­li­cher Ge­wal­ten­tren­nung ha­be in die­sem Fall „ver­sagt“.

Für Än­de­run­gen an der Kon­struk­ti­on der Fach­stel­le sieht das Bun­des­amt in­des „kei­ne Ver­an­las­sung“, wie ei­ne Spre­che­rin mit­teil­te Die Bun­des­re­gie­rung för­de­re ver­schie­de­ne Pro­jek­te, um den öf­fent­li­chen Dia­log zu den Ent­wick­lun­gen in der Gen­tech­no­lo­gie zu un­ter­stüt­zen. Da­zu ge­hö­re auch die Fach­stel­le Gen­tech­nik und Um­welt, die zu be­trei­ben auch an­de­re In­sti­tu­tio­nen in der La­ge ge­we­sen wä­ren, so das BfN: „Den An­trag auf ei­ne Zu­wen­dung hat je­doch Test­bio­tech e.V. ge­stellt.“Staat­li­che För­de­rung aus Man­gel an an­de­ren Be­wer­bern?

Aus Thens Per­spek­ti­ve leis­te die Fach­stel­le „Pio­nier­ar­beit“, er­klär­te er dem Ta­ges­spie­gel. Bis­her ge­be es zu dem The­ma Gen­tech­nik und Um­welt „sehr we­nig Literatur“. Die Fach­stel­le be­ob­ach­te und be­wer­te „Pu­bli­ka­tio­nen, die sich spe­zi­ell mit der Wei­ter­ent­wick­lung und den An­wen­dun­gen der neu­en Gen­tech­nik­ver­fah­ren be­fas­sen“oder sol­che, die „Un­ter­schie­de zwi­schen her­kömm­li­cher Mu­ta­ge­ne­se und Ge­no­me Edit­ing“un­ter­su­chen. Die Aus­wahl ori­en­tie­re sich da­bei aber nicht an be­stimm­ten Er­geb­nis­sen, be­teu­ert Then. We­der der Bei­rat noch die Fach­stel­le hät­ten In­ter­es­se an ei­ner ein­sei­ti­gen Aus­wahl von Pu­bli­ka­tio­nen, sagt Then. „ImGe­gen­teil, die Fach­stel­le soll da­bei hel­fen, die Dis­kus­si­on auf ei­ne so­li­de wis­sen­schaft­li­che Ba­sis zu stel­len – un­ab­hän­gig von den In­ter­es­sen der Ent­wick­ler und An­wen­der der Tech­no­lo­gie.“Der Bei­rat sei le­dig­lich „bei der Aus­wahl der re­le­van­ten Fra­ge­stel­lun­gen be­hilf­lich“und sol­le die „Per­spek­ti­ve des Schut­zes von Mensch, Na­tur und Um­welt“zur Gel­tung brin­gen. Die ha­be bei Be­hör­den und staat­li­chen För­der­pro­gram­men oft zu we­nig Ge­wicht. Die Wis­sen­schaft­lich­keit der Fach­stel­le wer­de über die „üb­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Maß­stä­be“ab­ge­si­chert.

Den Bei­rat der Fach­stel­le um un­ab­hän­gi­ge Wis­sen­schaft­ler zu er­wei­tern, ist für Then kei­ne Op­ti­on. Von In­dus­trie-In­ter­es­sen wirk­lich un­ab­hän­gi­ge, be­last­ba­re Ex­per­ti­se sei sel­ten. Auf die Fra­ge was für ihn ein „Ex­per­te“sei, hat Then „kei­ne spe­zi­el­le De­fi­ni­ti­on zu bie­ten“. Nie­mand kön­ne schließ­lich al­les wis­sen über ein For­schungs­ge­biet: „Man soll­te sich ste­tig selbst re­flek­tie­ren und sich den Gren­zen des ei­ge­nen Wis­sens stel­len.“

Mit der so­ge­nann­ten Gen-Sche­re kann DNA ge­zielt ver­än­dert wer­den. Fo­to: Pro­mo/Vi­su­al-Sci­ence.com and Scol­tech

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