SPD will den So­zi­al­staat neu er­fin­den

Par­tei­che­fin Andrea Nah­les bricht mit Hartz IV / Micha­el Mül­ler kün­digt An­he­bung des Min­dest­lohns in Ber­lin an

Der Tagesspiegel - - VORDERSEITE - Von Hans Mo­nath und Ant­je Sir­lesch­tov

Ber­lin - SPD-Che­fin Andrea Nah­les hat ei­nen Kom­plett­um­bau des So­zi­al­staa­tes und die Ab­schaf­fung von Hartz IV an­ge­kün­digt. „Wir brau­chen ei­ne gro­ße, um­fas­sen­de, tief­grei­fen­de So­zi­al­staats­re­form – und nicht nur vie­le klei­ne“, sag­te Nah­les auf dem De­bat­ten­camp ih­rer Par­tei in Ber­lin. Nur die Wei­ter­ent­wick­lung und Op­ti­mie­rung des Be­ste­hen­den rei­che nicht aus, er­klär­te die SPD-Che­fin. „Wir brau­chen ei­ne Re­form am Sys­tem und nicht nur Re­for­men im Sys­tem.“Da­bei dür­fe es kei­ne Denk­ver­bo­te ge­ben.

„Wir wer­den Hartz IV hin­ter uns las­sen“, ver­sprach Nah­les un­ter hef­ti­gem Bei­fall der 2500 Teil­neh­mer des De­bat­ten­camps, auf dem die SPD zwei Ta­ge lang Im­pul­se zur in­halt­li­chen Neu­auf­stel­lung der Par­tei dis­ku­tie­ren will. Die SPD wer­de an­stel­le von Hartz IV ei­ne neue Grund­si­che­rung schaf­fen, ver­sprach die Vor­sit­zen­de. Da­bei wür­den die Be­dürf­nis­se der Men­schen, die Hil­fe brau­chen, und nicht der Miss­brauch von Leis­tun­gen im Mit­tel­punkt ste­hen. „Leis­tungs­ge­rech­tig­keit muss hier ein zen­tra­ler Maß­stab sein“, sag­te die SPD-Po­li­ti­ke­rin am Sams­tag. „Das Exis­tenz­mi­ni­mum darf nie in Fra­ge ge­stellt wer­den.“

Kon­kre­te Vor­schlä­ge mach­te Nah­les nicht und nann­te statt­des­sen Leit­li­ni­en für den Um­bau. Die SPD ar­bei­tet ge­gen­wär­tig an ei­ner „So­zi­al­staats­re­form 2025“. Das An­ge­bot ei­nes pro­gram­ma­ti­schen Links­rucks gilt als Ver­such von Nah­les, die Ba­sis zu bin­den und so ih­re Füh­rung zu sta­bi­li­sie­ren. Ein Be­schluss des Par­tei­vor­stands vom ver­gan­ge­nen Mon­tag ge­gen ei­nen vor­ge­zo­ge­nen Par­tei­tag hat die Ru­fe nach ei­nem Aus­tausch der Füh­rung in der Par­tei nicht zum Ver­stum­men ge­bracht.

Die Vor­schlä­ge aus dem De­bat­ten­camp sol­len in den Er­neue­rungs­pro­zess der an­ge­sichts mi­se­ra­bler Um­fra­ge­wer­te ver­un­si­cher­ten Par­tei ein­flie­ßen. Bis zur Vor­stands­klau­sur An­fang 2019 soll ein Kon­zept zur in­halt­li­chen Neu­be­stim­mung der Par­tei vor­lie­gen. Über die­ses soll dann die Ba­sis breit be­ra­ten. Der nächs­te Par­tei­tag soll En­de 2019 statt­fin­den.

Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (eben­falls SPD) kün­dig­te un­ter­des­sen in ei­nem Gast­bei­trag für den Ta­ges­spie­gel an, den Lan­des­min­dest­lohn in Ber­lin ab 2019 „von min­des­tens elf Eu­ro schritt­wei­se auf min­des­tens 12,63 Eu­ro“zu er­hö­hen. Der Be­trag müs­se re­gel­mä­ßig so an­ge­passt wer­den, dass er die Be­zie­her vor Al­ters­ar­mut schüt­ze. „Der Min­dest­lohn muss end­lich als der Lohn aus­ge­baut wer­den, bei dem man we­der jetzt, noch im Al­ter auf zu­sätz­li­che So­zi­al­leis­tun­gen zur Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen ist“, schreibt Mül­ler. Erst im Sep­tem­ber hat­te der rot-rot-grü­ne Se­nat ei­ne Er­hö­hung auf 10,50 Eu­ro be­schlos­sen. Mül­ler be­grüß­te die Pro­gramm­dis­kus­si­on in der Bun­des-SPD. „Es wird end- lich, auch in mei­ner Par­tei, dar­über ge­spro­chen, ob wir ei­ne neue so­zia­le Agen­da brau­chen und wie wir Hartz IV über­win­den kön­nen“, schreibt er.

Bei Wirt­schafts­ver­tre­tern dürf­te das al­les we­nig Be­geis­te­rung aus­lö­sen. Der Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des der In­dus­trie, Die­ter Kempf, for­der­te ei­nen Neu­start in der Wirt­schafts­po­li­tik. „Die Re­gie­rung muss mehr Wirt­schaft wa­gen“, sag­te er die­ser Zei­tung. Vor dem Hin­ter­grund des schwä­cher wer­den­den Wirt­schafts­wachs­tums mahn­te Kempf ins­be­son­de­re Steu­er­sen­kun­gen und ei­nen Kurs­schwenk in der Kli­ma­po­li­tik an. „Die Zei­ten der Ver­tei­lung sind vor­bei“, sag­te er.

— Sei­ten 3 und 5

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