Sie­ger hät­te es nicht ge­ben dür­fen

Die ge­gen­wär­ti­ge po­li­ti­sche Ost-West-Spal­tung in Deutsch­land ist ei­ne Spät­fol­ge der Wie­der­ver­ei­ni­gung per Bei­tritt. Sie führt bei Ost­deut­schen bis heu­te zu ei­ner Ab­wer­tung des ei­ge­nen Le­bens

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Wolf Wa­gner

In den neu­en Bun­des­län­dern und Ost­ber­lin er­reicht die AfD in den Land­tags­wah­len und dann bei der Bun­des­tags­wahl 2017 plötz­lich dop­pelt so ho­he Pro­zent­sät­ze wie in den meis­ten al­ten Bun­des­län­dern. Meist wird die­se neue po­li­ti­sche Spal­tung mit ak­tu­el­len Ver­lus­ter­fah­run­gen er­klärt. Ich will zei­gen, dass sie ei­ne Spät­fol­ge der 1990 voll­zo­ge­nen Wie­der­ver­ei­ni­gung per Bei­tritt sein könn­te.

Ich ha­be das Wach­sen der fried­li­chen Re­vo­lu­ti­on, die Öff­nung der Mau­er und die Wie­der­ver­ei­ni­gung von West­ber­lin aus er­lebt. Schon we­ni­ge Ta­ge nach der Öff­nung der Mau­er spür­te ich ein deut­li­ches Ab­klin­gen der Eu­pho­rie, be­son­ders in West­ber­lin, wo der An­sturm aus dem Os­ten die öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel und die Lä­den in der In­nen­stadt prak­tisch lahm­leg­te. In den Wo­chen nach der Mau­er­öff­nung fuhr ich so oft wie mög­lich mit dem Au­to ins Um­land von Ber­lin. Auch dort merk­te ich bald ein Ab­klin­gen der Eu­pho­rie. Die Men­schen re­agier­ten nach und nach im­mer ab­wei­sen­der auf mein Auf­tau­chen. Sie fühl­ten sich be­sich­tigt wie exo­ti­sche Tie­re im Zoo. In den Städ­ten wur­de ich mit mei­ner bil­li­gen DDR-Mark (1:16) häu­fig ab­ge­wie­sen, wenn ich Par­ti­tu­ren und an­de­re hoch­wer­ti­ge Bü­cher kau­fen woll­te. Wir Wes­sis wür­den die DDR aus­plün­dern, wur­de mir ge­sagt.

1992 be­kam ich dann ei­ne Stel­le als Pro­fes­sor an der frisch ge­grün­de­ten Fach­hoch­schu­le in Er­furt und lehr­te und leb­te dort für die fol­gen­den 17 Jah­re. Ich war al­so ein Au­gen­zeu­ge der Ver­ei­ni­gung per Bei­tritt.

An­fangs war es prak­tisch un­mög­lich, in Er­furt ei­ne Woh­nung zu be­kom­men, denn die mo­der­nen Woh­nun­gen in der Plat­te wa­ren voll und die Alt­bau­ten wa­ren noch un­be­wohn­bar, weil un­sa­niert. Ich fand im 50 km ent­fern­te Wal­ters­hau­sen bei Go­tha ei­ne Woh­nung und fuhr fast täg­lich mit dem Zug nach Er­furt und zu­rück. Bei die­sen Zug­fahr­ten be­kam ich mit, wie sich die Stim­mung im­mer mehr ver­schlech­ter­te. Die Leu­te er­zähl­ten ei- nan­der von der Ar­ro­ganz, mit de­nen sie von den West­lern be­han­delt wur­den. Am schlimms­ten sei es, wenn sie mit ih­ren Schreib­bret­tern und ih­ren An­zü­gen und Kra­wat­ten auf­tauch­ten und Häu­ser und Fa­b­ri­ken be­gut­ach­te­ten. Dann war wie­der ein Pro­jekt ge­plant, mit dem die Ost­deut­schen aus­ge­nom­men oder über den Tisch ge­zo­gen wür­den. Ei­ne Schul­klas­se sang: „Aus dem deut­schen Os­ten kom­men wir - und die Wes­sis sind ge­nau so doof wie wir.“

Ich bin al­so Zeit­zeu­ge über den Ver­lauf der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Und mehr als das. Ich war Ver­ei­ni­gungs­ge­winn­ler, hat­te ich zu­vor doch ei­ne eher pre­kä­re Exis­tenz ge­fris­tet. Ich war so­gar Sie­ger.

Sie­ger hät­te es in der Wie­der­ver­ei­ni­gung ei­gent­lich nicht ge­ben dür­fen, wenn sie nach den Prin­zi­pi­en der Ost­po­li­tik von Wil­ly Brandt und Egon Bahr er­folgt wä­re, näm­lich als Ver­hand­lung zwi­schen Gleich­wer­ti­gen. Die gal­ten noch bis in den No­vem­ber 1989. Das Zehn-Punk­te Pro­gramm Kohls vom 28. No­vem­ber spricht noch im Punkt drei von sei­ner „Zu­sam­men­ar­beit der bei­den deut­schen Staa­ten“und im nach­fol­gen­den Punkt vier wird ei­ne „Ver­trags­ge­mein­schaft“zwi­schen der DDR und der BRD vor­ge­schla­gen.

Es ist schwer nach­zu­voll­zie­hen, wie es zu dem schnel­len Wan­del von der ge­plan­ten Ver­ei­ni­gung Gleich­wer­ti­ger zur Ver­ei­ni­gung per Bei­tritt kam. Je­den­falls tra­ten die Schwes­ter­par­tei­en zum schwarz-gel­ben Re­gie­rungs­bünd­nis in Bonn, die „Al­li­anz für Deutsch­land“und der „Bund Frei­er De­mo­kra­ten“, im Wahl­kampf für die Volks­kam­mer­wah­len für ei­ne schnel­le Ver­ei­ni­gung durch Bei­tritt nach Ar­ti­kel 23 Grund­ge­setz ein und ge­wan­nen da­mit die Wahl haus­hoch.

Zum Re­gie­rungs­an­tritt be­kann­te sich die neue Re­gie­rung der DDR un­ter Lothar de Mai­ziè­re zu „zü­gi­ger und ver­ant­wor­tungs­vol­ler Rea­li­sie­rung der deut­schen Ein­heit auf der Grund­la­ge von Ar­ti­kel 23 Grund­ge­setz“. Am 20. Sep­tem­ber 1990 stimm­te die Volks­kam­mer mit 299 ge­gen 80 Stim­men­für den Ei­ni­gungs­ver­trag und da­mit für die Ver­ei­ni­gung per Bei­tritt. Der gan­ze Pro­zess war ab­so­lut do­mi­niert vom Wes­ten und sei­ner Bü­ro­kra­tie. Die­se Do­mi­nanz blieb nach der er­folg­ten Ver­ei­ni­gung be­ste­hen und ver­stärk­te sich in den fol­gen­den Jah­ren. Da­zu brauch­te es west­li­che Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten, die den Wes­ten in den Os­ten brin­gen muss­ten. Ich war als pro­to­ty­pi­scher West­deut­scher ei­ner von ih­nen mit „Busch­zu­la­ge“und Be­am­ten­stel­le auf Le­bens­zeit und da­mit Sie­ger.

Ich ha­be in den 17 Jah­ren in Thü­rin­gen mit­be­kom­men, wie für die Ost­deut­schen durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung per Bei­tritt in kür­zes­ter Zeit der ge­sam­te All­tag um­ge­stülpt wor­den ist. Al­le In­sti­tu­tio­nen und Spu­ren der DDR muss­ten oh­ne Prü­fung ih­rer Taug­lich­keit ver­schwin­den und wur­den eben­so un­ge­prüft er­setzt durch We­st­im­port. Ich ha­be mit­er­lebt, wie die an­fäng­li­che Eu­pho­rie über die schnel­le Ver­ei­ni­gung um­schlug in Er­nüch­te­rung, Ab­leh­nung und Schock.

Die ers­ten Jah­re wa­ren ei­ne Ka­ta­stro­phe. Die zum Schutz des Staats­ei­gen­tums noch un­ter Hans Mo­drow, dem letz­ten Vor­sit­zen­den des Mi­nis­ter­rats in der DDR, ge­grün­de­te Treu­hand wur­de mit west­li­chen Bü­ro­kra­ten be­setzt zu ih­rem Ge­gen­teil. Sie ver­scher­bel­te das Volks­ei­gen­tum vor­nehm­lich an west­li­che Kon­kur­ren­ten. Die an­ge­stamm­ten Be­leg­schaf­ten hat­ten kaum je­mals ei­ne Chan­ce, ih­re Be­trie­be in ei­ge­ner Re­gie wei­ter­zu­füh­ren. Es fehl­ten ih­nen die Si­cher­hei­ten, um Kre­di­te ge­neh­migt zu be­kom­men. Bis 1994 gin­gen nur sechs Pro­zent des von der Treu­hand ver­wal­te- ten ost­deut­schen Pro­duk­ti­ons­ver­mö­gens an Ost­deut­sche, 80 Pro­zent an West­deut­sche. Das Brut­to­in­land­pro­dukt im DDR-Ge­biet sank laut der Wo­chen­be­rich­te des sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes vom 3. Quar­tal 1989 bis zum 1. Quar­tal 1991 um 43 Pro­zent. Ei­ne wich­ti­ge Ur­sa­che da­für war der Aus­fall so­wohl der Märk­te im al­ten ost­eu­ro­päi­schen RGW-Be­reich wie zeit­wei­se im Ge­biet der DDR selbst. Dort wa­ren nur noch West­wa­ren ge­fragt. Ei­nen ver­gleich­ba­ren wirt­schaft­li­chen Ab­sturz hat es in der Ge­schich­te Deutsch­lands nur nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs ge­ge­ben.

Da­mit wa­ren die Pro­ble­me im Bei­tritts­ge­biet kei­nes­wegs er­le­digt. Die Do­mi­nanz des Wes­tens blieb be­ste­hen und ver­fes­tig­te sich noch. Noch heu­te sind 74 Pro­zent al­ler hö­he­ren Pos­ten in den Mi­nis­te­ri­en der neu­en Län­der mit Ju­ris­ten und Ju­ris­tin­nen aus West­deutsch­land be­setzt – um­ge­kehrt ist das kaum der Fall. In den Par­la­men­ten und Ka­bi­net­ten sit­zen über 20 Pro­zent West­deut­sche. Auch wenn die Bun­des­kanz­le­rin und zeit­wei­se der Bun­des­prä­si­dent in der DDR auf­ge­wach­sen sind, sind Ost­deut­sche in den Spit­zen­po­si­tio­nen in Po­li­tik, Ver­wal­tung, Mi­li­tär, Wis­sen­schaft und Wirt­schaft bis heu­te krass un­ter­re­prä­sen­tiert.

In all den Jah­ren seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung ge­ben im Schnitt über 60 Pro­zent der Ost­deut­schen bei den Be­fra­gun­gen durch ALLBUS an, dass sie im Ver­gleich zu dem, was an­de­re ha­ben, et­was we­ni­ger (im Schnitt 45 Pro­zent) oder viel we­ni­ger (im Schnitt 15 Pro­zent) als ih­ren ge­rech­ten An­teil be­kom­men. Et­wa 60 Pro­zent der West­deut­schen fan­den da­ge­gen wäh­rend all der Jah­re, dass sie ih­ren ge­rech­ten An­teil er­hal­ten. So müss­te das in ei­ner gu­ten Ge­sell­schaft sein. Et­wa 8 Pro­zent der West­deut­schen schätz­ten so­gar, dass sie mehr als ih­ren ge­rech­ten An­teil be­ka­men.

Die­ser ekla­tan­te Ge­gen­satz be­zieht sich nicht nur auf das Ein­kom­men. Es geht viel­mehr um ei­ne ge­rech­te Be­hand­lung ins­ge­samt. Das wird in ei­nem an­de­ren Um­fra­ge­er­geb­nis deut­lich: Im Thü­rin­gen-Mo­ni­tor, ei­ner seit dem Brand­an­schlag auf die Er­fur­ter Sy­nago­ge 2001 jähr­lich vom Land Thü­rin­gen durch­ge­führ­ten re­prä­sen­ta­ti­ven Be­fra­gung wur­de seit 2002 die Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung zur der Aus­sa­ge er­fragt: „West­deut­sche be­han­deln Ost­deut­sche als Men­schen zwei­ter Klas­se.“Die­ser ei­gent­lich un­ge­heu­er­li­chen Aus­sa­ge stimm­ten in all den Jah­ren re­gel­mä­ßig zwi­schen 48 und 59 Pro­zent der Be­frag­ten zu. Das er­schre­ckends­te Er­geb­nis der Be­fra­gung ist, dass in der jüngs­ten Grup­pe, bei den 18 bis 24-Jäh­ri­gen, die je­des Jahr nach­wächst, so dass in­zwi­schen kei­ner aus die­ser Al­ters­grup­pe noch die DDR selbst er­lebt hat, über all die Jah­re ei­ne gleich ho­he, manch­mal so­gar weit hö­he­re Zu­stim­mung zu der Ab­wer­tungs­aus­sa­ge zu ver­zeich­nen war. Das Pro­blem wächst sich al­so nicht aus.

Da­mit steht Deutsch­land nicht al­lein. Schaut man sich die Ver­ei­ni­gun­gen in der Ge­schich­te an, zeigt sich, dass in all den Fäl­len, in de­nen die Ver­ei­ni­gung per An­schluss und Un­ter­wer­fung un­ter ei­nen do­mi­nan­ten Teil er­folg­te, die glei­che po­li­ti­sche Spal­tung zu se­hen ist wie jetzt in Deutsch­land.

Das Mus­ter­bei­spiel da­für ist Ita­li­en. Zwi­schen 1850 und 1871 schloss sich ein Kö­nig­reich nach dem an­de­ren dem Kö­nig­reich Sar­di­ni­en-Pie­mont an und über­nahm sei­ne In­sti­tu­tio­nen und Ge­set­ze wie die DDR beim Bei­tritt zur Bun­des­re­pu­blik. Im Fall Pie­monts war es die mo­no­po­lis­ti­sche Herr­schaft ei­ner klei­nen Adel­s­cli­que. An­fangs zwei Pro­zent, spä­ter bis 9 Pro­zent der Be­völ­ke­rung durf­te wäh­len oder an Ple­bis­zi­ten teil­neh­men. Zu­ge­spitzt for­mu­liert, flüch­te­ten die Ade­li­gen der an­ge­schlos­se­nen Kö­nig­rei­che und an­de­ren Ge­bie­te in die Adels­herr­schaft Pie­monts, um ih­re Macht ge­gen die Volks­be­we­gung des ita­lie­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­kämp­fers Gi­u­sep­pe Ga­ri­bal­di zu be­wah­ren. Der Sü­den Ita­li­ens wur­de so ge­gen den Wil­len der Mehr­heit der Be­völ­ke­rung an Ita­li­en an­ge­schlos­sen. Die da­ma­li­gen Gren­zen be­stim­men das po­li­ti­sche Le­ben Ita­li­ens bis heu­te. Die po­li­ti­sche Spal­tung ist dort noch aus­ge­präg­ter als jetzt in Deutsch­land.

An­de­re Bei­spie­le für hoch­pro­ble­ma­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen durch Bei­tritt zu ei­nem do­mi­nan­ten Teil sind die Tsche­cho­slo­wa­kei und Ju­go­sla­wi­en. Nach Jahr­zehn­ten der Be­nach­tei­li­gung der Slo­wa­kei durch Tsche­chi­en wur­de der Bun­des­staat zum 1. Ja­nu­ar 1993 schließ­lich auf­ge­löst. Ju­go­sla­wi­en ist zwei­mal in sei­ner Ge­schich­te an den Span­nun­gen ge­schei­tert ist, die durch die Vor­herr­schaft Ser­bi­ens im ver­ei­nig­ten Land ent­stan­den sind.

Dem ge­gen­über ste­hen an­de­re, we­ni­ger be­kann­te Bei­spie­le der Ver­ei­ni­gung un­ter Gleich­wer­ti­gen, die we­sent­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen den ver­ei­nig­ten Tei­len be­ste­hen las­sen. Das bes­te Bei­spiel da­für ist die Schweiz. Sie re­prä­sen­tiert ex­em­pla­risch die Viel­falt der Ent­wick­lun­gen und den ho­hen Grad an Zuf­rie­den­heit mit dem Er­geb­nis. Ähn­lich ver­hält es sich mit der all­mäh­li­chen Her­aus­bil­dung der EU. Ein über­ra­schen­des an­de­res Bei­spiel ist die Grün­dung der Deut­schen Rei­ches 1871. Die da­bei zu­sam­men­ge­fass­ten Staa­ten be­hiel­ten vie­le ih­rer un­ter­schied­li­chen In­sti­tu­tio­nen bei. Das ekla­tan­tes­te Bei­spiel ist das Wahl­recht. Es reich­te vom Drei­klas­sen­wahl­recht in Preu­ßen bis hin zu dem nicht vor­han­de­nen Wahl­recht der Be­völ­ke­rung in Meck­len­burg. Die noch heu­te be­ste­hen­de kul­tu­rel­le Viel­falt in Deutsch­land ist auf je­ne Zeit zu­rück­zu­füh­ren. Sie ging ein­her mit ei­ner gro­ßen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Reich und ge­rin­gen Span­nun­gen zwi­schen sei­nen Tei­len.

Im Kon­trast da­zu se­hen wir im ge­gen­wär­ti­gen Deutsch­land die glei­chen Er­geb­nis­se, die wir bei den an­de­ren Ver­ei­ni­gun­gen per An­schluss be­ob­ach­ten kön­nen. Es gibt im Bei­tritts­ge­biet mas­si­ve Vor­be­hal­te ge­gen die ver­ei­nig­te Bun­des­re­pu­blik. Es geht da­bei nicht so sehr um ma­te­ri­el­le Zu­rück­set­zung, son­dern um ei­nen emp­fun­de­nen all­ge­mei­nen Ver­lust an An­er­ken­nung und ei­ne all­ge­mei­ne Ab­wer­tung des ei­ge­nen Le­bens durch den Wes­ten. Das Er­geb­nis: Bis 2016 hat­ten sich die Un­zu­frie­de­nen von der Po­li­tik ab­ge­wandt und ha­ben sich bei Wah­len ver­wei­gert. Erst mit dem Auf­tau­chen von Pe­gi­da und AfD bo­ten sich ins­be­son­de­re für die eher bür­ger­lich ori­en­tier­ten Men­schen, die sich wäh­rend der DDR mit dem Fest­hal­ten an ih­ren bür­ger­li­chen Nor­men ge­wehrt hat­ten, end­lich wie­der die Mög­lich­keit, ih­re Ent­täu­schung über das ent­eig­ne­te Le­ben aus­zu­drü­cken. Dies hat sich noch ver­schärft durch die Wahr­neh­mung, der Wes­ten be­dro­he mit der Auf­nah­me der Flücht­lin­ge auch noch die eth­ni­sche Ho­mo­ge­ni­tät ih­rer Hei­mat.

Es geht aus mei­ner Sicht dem­nach dar­um, die­sem Be­dürf­nis nach so­zia­ler An­er­ken­nung des ei­ge­nen Le­bens in der Zeit der DDR und der Ver­ei­ni­gung Raum zu ge­ben. Dies wä­re ein ers­ter Schritt auf dem Weg aus der durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung per Bei­tritt selbst ge­schaf­fe­nen Sack­gas­se.

„Aus dem deut­schen Os­ten kom­men wir – und die Wes­sis sind ge­nau so doof wie wir“, sang ei­ne Schul­klas­se

In Spit­zen­po­si­tio­nen in Po­li­tik, Ver­wal­tung und Wirt­schaft sind Ost­deut­sche un­ter­re­prä­sen­tiert

Ei­ne Ver­ei­ni­gung per An­schluss führ­te auch in Ita­li­en zu der Spal­tung, die man bis heu­te sieht

Wolf Wa­gner hat Po­li­tik­wis­sen­schaft an der Fach­hoch­schu­le in Er­furt ge­lehrt. In sei­nem Buch „Ein Le­ben vol­ler Irr­tü­mer – Au­to­bio­gra­fie ei­nes pro­to­ty­pi­schen West­deut­schen“hat er sei­ne Er­fah­run­gen mit der Wie­de­ver­ei­ni­gung auf­ge­schrie­ben.

Fo­to: Udo Hes­se

Ka­ri­ka­tur: Klaus Stutt­mann

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